Beschwerdefreie Augen trotz Heuschnupfens

Stellungnahme der AGTCM zu "Die Macht der Heiler" und "Wohin das Qi fließt" des Magazins "Der Spiegel"

Hier lesen Sie die offizielle Stellungnahme des Vorstand der AGTCM zu dieser unsachlichen Veröffentlichung des Magazins "Der Spiegel". Die Stellungnahme finden Sie hier

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Stellungnahme der AGTCM, Fachverband für Chinesische Medizin, zum Artikel „Die Macht der Heiler“ und „Wohin das Qi fließt“ im Wochenmagazin „Der Spiegel“ vom 18.08.2018

Der Spiegel hat am 18. August 2018 unter dem Titelthema „Hokuspokus – Geld weg! Heiler, Gurus, Scharlatane: Der Boom der Alternativmedizin“ zwei Artikel („Die Macht der Heiler“, „Wohin das Qi fließt“) veröffentlicht, die das Thema Komplementärmedizin in Deutschland thematisieren. Autorin und Autor dieser Artikel sind Veronika Hackenbroch sowie Marcel Pauly.

Die Artikel verunglimpfen pauschal alle therapeutischen Verfahren, die sich nicht im Bereich der westlichen Medizin bewegen. Sie polemisieren mit falschen Behauptungen und Unkenntnis der Sachlage, stellen die Seriösität aller TherapeutInnen im Bereich der Komplementärmedizin in Frage und stellen PatientInnen, die solche Behandlungen in Anspruch nehmen, als willenlose und unwissende Opfer dar.

Die AGTCM als einer der wichtigsten deutschen Fachverbände für Chinesische Medizin, die in der Chinesischen Medizin tätige Ärzte, Heilpraktiker, Physiotherapeuten und Ernährungswissenschaftler gemeinschaftlich und interdisziplinär vertritt, nimmt zu den Artikeln insbesondere für den Bereich der Chinesischen Medizin Stellung. Diese Stellungnahme können Sie hier lesen und herunterladen.

Als zentrales Thema des Hefttitels hat der Spiegel den Bereich der „Alternativmedizin“ unter dem Begriff „Hokuspokus“ zusammengefasst und dies in einen ökonomischen Rahmen gestellt. Es wird behauptet, dass „wie im Zauber“ Ausgaben für medizinische Leistungen, die sich nicht im Bereich der westlichen Medizin bewegen, verloren sind.

Dabei ist der Begriff der „Alternativmedizin“ an sich schon diskussionswürdig. Es stellt sich die Frage, zu welcher übergeordneten Instanz diese „Medizin“ denn als Alternative gesehen wird. Offensichtlich ist hier die westliche klinische Medizin gemeint, die als unangetastetes und übergeordnetes wissenschaftlich-medizinisches System für die Bewertungen anderer Medizinsysteme herangezogen wird. Dies stellt aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive – auf wissenschaftlichen Anspruch beruft sich die Autorin wiederholt – ein Paradoxon dar, das auch im Verlauf der Ausführungen weder thematisiert noch aufgelöst wird.

Die Verwendung einer solchen Terminologie zeigt zudem erhebliche medizinhistorische Unkenntnis. Wie kann ein jahrtausendealtes Medizinsystem wie die Chinesische Medizin eine Alternative zu einem Medizinsystem sein, das mit dem heutigen Anspruch nur gute 150 Jahre existiert? Hier werden historische Gegebenheiten mit einer erschreckenden Hybris auf den Kopf gestellt.

Ferner wird das Titel-Thema in einen ökonomischen Zusammenhang und die Behauptung in den Raum gestellt, dass im Bereich dieser „Medizin“ derzeit ein Boom zu verzeichnen ist. Differenzierte Angaben über Zahlen zu diesem „Boom“ werden dem Leser nicht genannt. Ein Vergleich zu Umsatzzahlen im Bereich der westlichen Medizin und den Wachstumsraten in der Pharmaindustrie findet nicht statt. Für einen differenzierten Blick auf die Verhältnismäßigkeit dieser Aussagen wäre dies dringend notwendig gewesen.

Sollte darüberhinaus tatsächlich ein Wachstum in Form eines „Booms“ zu verzeichnen sein, vermittelt die Autorin, dass dieser durch unseriöse Vermarktungspraktiken von Therapeutenseite im Bereich der „Alternativmedizin“ den PatientInnen übergeholfen wird. Dies verunglimpft zum einen pauschal alle in diesem Bereich therapeutisch tätigen Menschen und degradiert zugleich PatientInnen zu unwissenden, meinungslosen und passiven Menschen, die nicht wissen, was sie tun. Auch dies verletzt alle Regeln einer seriösen, respektvollen und sorgfältigen journalistischen Arbeit.

Im Weiteren spricht die Autorin von „esoterischen Therapien“ und subsumiert darunter offensichtlich alles, was sich nicht im Bereich der sogenannten westlichen klinischen Medizin bewegt. Sie verwendet sogar den Begriff einer „esoterischen Zahnspange“, den sie in keiner Weise erklärt. Ist der Begriff der „Esoterik“ hier völlig deplatziert, erhält der Leser zugleich den Eindruck, dass sich die Autorin über die Wortbedeutung des Begriffs nicht im Klaren ist.
Ein Medizinsystem wie beispielsweise die Chinesische Medizin als „esoterisch“ zu bezeichnen, zeigt in erschreckender Weise, mit welchem journalistischen und wissenschaftlichen Unverstand hier Begriffe verwendet und zudem noch Urteile gefällt werden.

Dass es für verschiedene Verfahren aus dem komplementärmedizinischen Bereich von den Ärztekammern anerkannte ärztliche Zusatzbezeichnungen gibt (z.B. Akupunktur, Homöopathie, Naturheilverfahren), steht im Gegensatz zu der implizierten Behauptung einer Unseriösität der Komplementärmedizin beziehungsweise erweckt den Eindruck, dass die Autorin die ärztliche Weiterbildung in Deutschland grundsätzlich verunglimpft.

Der Beitrag ist Ausdruck einer hochaggressiven Polemik, deren Motivation und Hintergründe grundsätzliche Fragen nach einem Sinn aufwirft.
Die Autorin zitiert in ihrem Artikel „Die Macht der Heiler“ im Wesentlichen den 2011 emeritierten Professor Edzard Ernst und beruft sich auf dessen Pauschalurteile. Sie beruft sich damit auf seine vermeintliche Expertise im Bereich der Komplementärmedizin, informiert den Leser aber in keiner Weise, in welchem Bereich der komplementären Verfahren Edzard Ernst praktisch oder wissenschaftlich konkret tätig war. Die angeführten Zitate Edzard Ernsts zeigen sich dabei als undifferenziert und unsachlich und tragen in keiner Weise zu einer notwendigen Aufklärung bei. Edzard Ernst nimmt zudem keinen Bezug auf zeitgemäße naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Die Quantenmechanik beispielsweise, die Analogien zum Konzept des „Qi“ bereits seit knapp einhundert Jahren benennt und nachweist, scheint ihm unbekannt zu sein.

Ebenso keine Erwähnung findet, dass eine der best-evaluierten Kliniken in Deutschland die TCM-Klinik in Bad Kötzting/Bayern ist. Die Ergebnisse aus über 25 Jahren wissenschaftlicher Analyse der Behandlungen in der TCM-Klinik in Bad Kötzting sind überzeugend und stehen im starken Gegensatz zu den Behauptungen des Artikels.

Dass der Nobelpreis für Medizin 2016 auch an die Chinesische Medizin ging und die Isolation des Wirkstoffs Artemisin aus der Pflanze Qing Hao (Herba Artemisia annuae) ausgezeichnet wurde, wird ebenfalls nicht zur Kenntnis genommen. Herba Artemisia annuae wird in der Chinesischen Medizin seit Jahrhunderten für die Malaria-Therapie eingesetzt. Die Pharmaindustrie setzt diesen Wirkstoff mittlerweile ebenso im Rahmen der Malaria-Therapie ein.

Die aktuelle und umfangreiche klinische internationale Studienlage im Bereich der Chinesischen Medizin wird nicht nur nicht erwähnt, sondern vielmehr abgestritten. Die bereits seit über zehn Jahren herausgegebene offizielle Empfehlung der World Health Organization (WHO), die weltweit existierenden traditionellen Medizinsysteme in die nationalen Gesundheitssysteme aufzunehmen, bleibt ebenso unerwähnt. Dass zudem die WHO derzeit in Analogie zum ICD-10 einen ICD-11 entwickelt, der die Erkrankungssystematik der traditionellen Medizinsysteme und insbesondere die der Chinesischen Medizin klassifiziert, ist offensichtlich ebenso unbekannt.

Insgesamt halten nur wenige Aussagen der Artikel einer kritischen Überprüfung stand. Die Artikel zeigen erhebliche Lücken in der Recherche, bei den Quellenangaben und in der Schlüssigkeit der Argumentation. Polemisierung, Pauschalisierung, aggressiver Schreibstil und unseriöser Journalismus fallen in erheblichem und erschreckendem Maße auf.

Die Artikel hinterlassen einen deutlich paradoxen Eindruck: Unlautere Methoden, die zu Beginn den in dem komplementärmedizinischen Bereich tätigen Menschen vorgeworfen werden, verwendet der Artikel in überhöhtem Maß.
Dass anhand einer einzigen Patientenerfahrung ganze Medizinsysteme in Abrede gestellt werden, ist in hohem Maße unseriös. Die für ein differenziertes Bild notwendigen analogen Erfahrungen aus der westlichen Medizin werden nicht thematisiert.

Das Unwissen, mit dem hier argumentiert oder vielmehr polemisiert wird, wirft die Frage auf, aus welchen Gründen die Chefredaktion des Spiegel solche Artikel zur Veröffentlichung und auch noch zum Titelthema bestimmt. Vor dem Hintergrund der Strukturen und Verflechtungen im Medienbereich drängt sich der Verdacht auf, dass hier möglicherweise Klientelpolitik zu Lasten von – offensichtlich dringend notwendiger – Aufklärung betrieben wird.

Der Schaden, der durch einen solchen Journalismus angerichtet wird, lässt sich nicht beziffern, die Verantwortlichkeiten für einen solchen journalistischen Stil und erschreckende Polemik und Hetze, die Gräben zieht und Konflikte vertieft, Menschen nicht zusammenbringt, sondern polarisiert, sind in der Chefredaktion des Spiegel und bei den Autoren zu suchen.

Die AGTCM lädt die Spiegel-Chefredaktion und insbesondere Veronika Hackenbroch ein, in einen wissenschaftlich-sachlichen und konstruktiven Dialog zu treten und im Sinne einer dringend notwendigen Aufklärung die wirklich wichtigen zukunftsgerichteten Fragen zu diskutieren.

Fragen zur Zukunft und Ausrichtung unseres Gesundheitssystems, zur individuellen Gesundheitsbildung und zur Prävention sind angesichts der gesundheitlichen Entwicklung in den westlichen Industrieländern dringender denn je. Es gilt die Vorteile der verschiedenen Medizinsysteme und medizinischer Verfahren sinnvoll zu integrieren und die Expertise auf den jeweiligen Gebieten endlich zusammenzuführen. Die Chinesische Medizin als eines der großen weltweiten Medizinsysteme bietet hochinteressante Konzepte und Antworten auf diese Fragen.

Im Namen des Vorstands der AGTCM,
Dr. Andrea Hellwig,
1. Vorsitzende der AGTCM