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Stellungnahme der AGTCM zum „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“

Hier lesen Sie die offizielle Stellungnahme des Vorstand der AGTCM zu dieser unsachlichen Veröffentlichung des „Münsteraner Kreises“. Hier können Sie mehr lesen

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Stellungnahme der AGTCM zum „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“

Am 21. August 2017 wurde im Deutschen Ärzteblatt eine Stellungnahme des „Münsteraner Kreises“ zum Berufsstand der Heilpraktiker und zur „Komplementär- und Alternativ-Medizin“ (KAM) veröffentlicht, die daraufhin von verschiedenen Medien aufgegriffen wurde. Diese Veröffentlichung ist wieder einmal ein Versuch, mit weitgehend unsachlichen und polemisierenden Mitteln den Berufsstand der Heilpraktiker – und darüber hinaus den Bereich der Komplementärmedizin - zu demontieren und zu verunglimpfen. Hier lesen Sie die offizielle Stellungnahme des Vorstands der AGTCM zum „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“.

Auf Initiative von Frau Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert, Lehrstuhl für Medizinethik am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, hat eine Gruppe von 17 interdisziplinären Wissenschaftlern und Journalisten („Münsteraner Kreis“) ein Statement zur Neuregelung des Heilpraktikerwesens verfasst, das am 21. August im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht und von verschiedenen Medien aufgegriffen wurde (http://daebl.de/BB36).

Die AGTCM als einer der wichtigsten deutschen Fachverbände für Chinesische Medizin, die in der Chinesischen Medizin tätige Ärzte, Heilpraktiker, Physiotherapeuten und Ernährungswissenschaftler gemeinschaftlich und interdisziplinär vertritt, nimmt zu den Äußerungen des Münsteraner Kreises wie folgt Stellung.

Als Aufhänger der Stellungnahme wird das Beispiel des in der Presse behandelten Einzelfalls eines Heilpraktikers, unter dessen „Obhut“ drei krebskranke Patienten starben, für einen Durchmarsch gegen den Berufsstand der Heilpraktiker herangezogen. Dass das Verfahren in dieser Sache nicht abgeschlossen, die Beweislage und somit die Schuldhaftigkeit des Heilpraktikers bisher nicht differenziert dargelegt und bewiesen werden konnte, bleibt außer Acht. Vielmehr wird „vermutet“, dass die betreffenden Patienten länger gelebt hätten, wenn sie nach den Standards der (sogenannten) wissenschaftsorientierten Medizin behandelt worden wären.

Diese Argumentation missachtet den rechtsstaatlich verankerten Grundsatz der Unschuldsvermutung, nach dem jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, solange als unschuldig gilt, bis seine Schuld in einem öffentlichen und rechtsstaatlichen Verfahren bewiesen ist. Dieser Grundsatz gilt ausdrücklich auch für die deutsche Presse und ist verankert im deutschen Pressekodex.

Als spezifische und nicht trennbare Teilprobleme im Rahmen von fehlerhaften Behandlungen von Patienten sehen die Autoren Fehlbehandlungen durch (i) Heilpraktiker, die zudem im Bereich der (ii) „Komplementären und Alternativen Medizin“ (KAM) behandeln. Darüber hinaus werden Patienten, die Leistungen im Bereich der „KAM“ und von Heilpraktikern in Anspruch nehmen, als wenig entscheidungskompetent dargestellt.

Wird neben dem Heilpraktiker-Beruf gleichzeitig der Einsatz der Methoden der „KAM“ als zentraler Grund für falsche Behandlungen herausgestellt, werden damit zudem die „KAM“-praktizierenden Ärzte in ihrem Handeln und der höchstrichterlich bestätigte Grundsatz der Therapiefreiheit in Frage gestellt.

Die gesetzlichen Grundlagen für die Ausübung des Heilpraktiker-Berufs bleiben weitgehend außer Acht. Die Autoren argumentieren an dem rechtlich verankerten Status des Heilpraktikers in Deutschland vorbei und fokussieren sich auf widersprüchliche Vermutungen und Behauptungen über das allgemeine Selbstverständnis von Heilpraktikern, das sich angeblich aus den nicht fundierten Krankheits- und Heilkonzepten dieses Berufsstands ableiten lässt.
Vielmehr werden Behauptungen als Tatsachen dargestellt, aber keinerlei Erhebungen oder Statistiken zu den angeblich systematischen Risiken von Behandlungen durch Heilpraktiker vorgelegt.

Bemängelt wird zudem, dass Heilpraktiker keinem Fortbildungserfordernis unterliegen. Auch dieses Argument zeigt die mangelnde Informationslage der Autoren, Hintergrundwissen zu Berufsalltag und den vielfältigen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten von Heilpraktikern scheint nicht zur Verfügung zu stehen.

Die AGTCM beispielsweise verfügt über ein ausgewiesenes und differenziertes Credit-System und fordert somit regelmäßige und qualitätskontrollierte Fortbildungen von ihren Mitgliedern und damit auch von den in der AGTCM zusammengeschlossenen Heilpraktikern. Zudem sichert sie die höchsten Ausbildungsstandards in Bereich Akupunktur, chinesische Arzneitherapie und Tuina in Deutschland. Ärzte und Heilpraktiker sind in der AGTCM gemeinsam vertreten, da es im Rahmen der Chinesischen Medizin um die Ausübung eines eigenständigen Medizinsystems geht, das von Grund auf neu erlernt werden muss.

Die „KAM“ wird in Abgrenzung zur sogenannten ‚wissenschaftsorientierten Medizin“ herausgestellt, womit implizit unterstellt wird, dass alle Medizinsysteme außerhalb der westlichen klinischen Medizin nicht wissenschaftlich sind.
Die Autoren sind bemüht, ihre dezidierte Wissenschaftsorientierung zu betonen, wobei sie gleichzeitig alle Grundsätze sorgfältiger wissenschaftlicher Abwägung und Argumentation missachten.

Zudem wird hier übersehen, dass allein der Begriff „Alternativ-Medizin“ höchst fragwürdig ist. Was ist denn eine Alternativ-Medizin und an welchen Standards orientiert sich denn eine solche Positionsbestimmung?

Tatsache ist, dass weltweit verschiedene Medizinsysteme und Therapiemethoden existieren, die zum Teil auf jahrtausendealtem Erfahrungswissen beruhen und über Hunderte von Jahren erfolgreich angewendet werden. Dass sich die westliche klinische Medizin, die sich vor gut 150 Jahren entwickelt und etabliert hat, als allgemeingültiger und übergeordneter Standard versteht, an dem sich alle anderen Medizinsysteme als „Alternativen“ zu positionieren haben, entbehrt jeglichen wissenschaftlichen Grundverständnisses und Anspruchs.

Darüber hinaus ist offensichtlich, dass die Autoren über keine ausreichende Kenntnis über die von ihnen pauschal beurteilten Methoden und auch Medizinsysteme verfügen, die sie unter dem Begriff der „KAM“ subsumieren.

Sie widersprechen ihrem eigenen Wissenschaftsanspruch, wenn sie einzelne Therapiemethoden und Medizinsysteme (wie etwa die Chinesische Medizin oder die Homöopathie) undifferenziert nebeneinander stellen und darüber hinaus als unwissenschaftlich bewerten. Dass beispielsweise die Akupunktur lediglich ein Teil des wissenschaftlich begründeten Medizinsystems der Chinesischen Medizin ist, bleibt völlig außer Acht. Zudem wird die breite empirische Datenlage zur Wirksamkeit insbesondere der Akupunktur und chinesischen Arzneitherapie vollkommen ignoriert.

Die Unkenntnis, mit der hier öffentlich argumentiert wird, ist erschreckend und legt die Vermutung nahe, dass es hier weniger um sachliche und wissenschaftsorientierte Argumentation als vielmehr um Polemik und pauschale Aburteilung gehen soll. Über die Motivation solchen Handelns lässt sich spekulieren. Erschreckend bleibt, dass diese Initiative aus einer deutschen Hochschule und auf einem wissenschaftlich wie erkenntnistheoretisch vollkommen unzureichendem Niveau, noch dazu von einer Fachfrau für Medizinethik initiiert wurde.

Zudem scheint das international anerkannte Strategiepapier der WHO zur Integration der Traditionellen Medizinsysteme von 2013, in dem die WHO die Mitgliedsstaaten ausdrücklich auffordert, komplementäre und traditionelle Medizin in ihre öffentlichen Gesundheitssysteme zu integrieren, nicht bekannt zu sein. Hier wird ausdrücklich auf die Notwendigkeit der Etablierung eines integrativen Medizinverständnisses in die öffentlichen Gesundheitssysteme hingewiesen. In diesem Papier finden sich differenzierte Aussagen und Erhebungen zur wissenschaftlichen, theoretischen und klinisch-praktischen Aspekten der Traditionellen Medizinsysteme. Ebenso scheint den Autoren unbekannt zu sein, dass die WHO im Rahmen der Erstellung des ICD 11 bereits eine internationale Klassifikation der traditionellen Medizinsysteme integriert.

Dass sich in diesem Zusammenhang der Bereich der Integrativen Medizin – in dem im übrigen die Chinesische Medizin eine entscheidende Rolle spielt – bereits in vielen Ländern zum Standard entwickelt hat, scheint den Autoren ebenso unbekannt zu sein wie der aktuelle Forschungsstand in diesem Umfeld.

Abgesehen von den „Kernproblemen“ im Rahmen von fehlerhaften Behandlungen werden auch die Patienten in ihrer Beurteilungs- und Entscheidungskompetenz verunglimpft. Eine eigenständige und selbstverantwortliche Wahl des individuellen Therapiewegs wird Patienten nicht zugestanden. Vielmehr wird jedem, der sich nicht ausschließlich an die westliche klinische Medizin hält, jede fachliche Kompetenz abgesprochen.

Auffallend ist, dass in diesem Zusammenhang wesentliche Fragestellungen nicht thematisiert werden:
Wie hoch beziffert sich eigentlich der gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Schaden, der aus Fehlbehandlungen im Bereich der Schulmedizin resultiert?
Wie hoch ist die Todesrate durch „wissenschaftlich“ korrekte Behandlungen und wie sind die menschlichen und wirtschaftlichen Schäden zu beziffern, die sich aus den Nebenwirkungen der sogenannten wissenschaftlichen Therapieinterventionen ableiten lassen?
Auch hierzu gibt es hervorragende wissenschaftliche Arbeiten, die verschwiegen werden.

Eine differenzierte Gegenüberstellung der verschiedenen „Gesamtbilanzen“ wäre so ratsam wie notwendig, bleibt aber völlig außer Acht. Der Leser erhält den Eindruck, die sogenannte „Schulmedizin“ sei unantastbar und über allen Zweifel erhaben.

Die AGTCM lädt den „Münsteraner Kreis“ ein, mit ihr in einen persönlichen Dialog zu treten und auf sachlicher Grundlage über Fragen bezüglich des Heilpraktiker-Berufs und der aktuellen Situation und wünschenswerten Entwicklung und Etablierung einer Integrativen Medizin zu diskutieren.

Im Sinne einer patientenorientieren öffentlichen Gesundheitsversorgung gilt es offene, sachliche und konstruktive Gespräche mit den verschiedenen Akteuren des deutschen Gesundheitssystems zu führen.
Vor allem mit Blick auf die Interessen unserer Patienten ist dies ein zentrales Anliegen der AGTCM.

Im Namen des Vorstands der AGTCM,
Dr. Andrea Hellwig,
1. Vorsitzende der AGTCM