Special zu Schlafstörungen
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Schäfchen zählen ohne Ende – wenn der Schlaf ausbleibt. Chinesische Medizin kann einen wertvollen Beitrag leisten.

Dr. Martina Bögel-Witt, Bad Bramstedt

Geht es Ihnen auch so? Sie fühlen sich abends erschöpft und müde. Kaum sind Sie zu Bett gegangen, haben Sie das Gefühl, hellwach zu sein und wälzen sich stundenlang im Bett, ohne einzuschlafen. Oder gehören Sie zu den Menschen, die gleich einschlafen, aber dann schnell wieder aufwachen und nicht wieder in den Schlaf finden? Vielleicht liegt Ihnen auch häufig das abendliche Mahl wie ein Kloß im Magen und hindert Sie am Einschlafen.

Zu welcher Gruppe sie auch gehören mögen, eines ist sicher: Sie sind mit Ihren Schlafstörungen nicht allein.

Schlafstörungen

80 % der Berufstätigen haben den Eindruck, schlecht zu schlafen. Im Vergleich zu 2010 schlucken heute fast doppelt so viele Erwerbstätige Schlafmittel. Hierbei erhält jede:r Zweite Schlafmittel, ohne Rezept. Schlafmittel können abhängig machen und fördern nicht die physiologische Schlafstruktur.

Laut DAK-Report leidet etwa jede:r zehnte Bundesbürger:in an schweren Schlafstörungen und ihren Folgen wie Tagesmüdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. Frauen sind hiervon etwas häufiger betroffen. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen versucht, selbst mit den Schlafproblemen zurechtzukommen und geht nicht zum Arzt/zur Ärztin.

Kurzfristige Schlafprobleme hat nahezu jeder Mensch schon einmal erlebt, die Aufregung vor einer Prüfung, der Verlust eines geliebten Menschen, ja selbst die Erwartung eines freudigen Ereignisses kann Schlafstörungen auslösen. Wenn sie aber mindestens 3 x wöchentlich auftreten und über mehrere Wochen anhalten, spricht man bereits von einer Insomnie – vorausgesetzt, die Schlafstörung geht tagsüber einher mit Beschwerden wie Müdigkeit, Unkonzentriertheit, dem Gefühl, wenig Energie zu haben und/oder seelisch bzw. körperlich weniger belastbar zu sein.

Der Schlaf gilt als Erholungs- und Regenerationsphase von Körper, Seele und Geist und ist eine stoffwechselaktive Phase. So werden das Wachstum, die Wundheilung sowie Aspekte des Immunsystems und der Entzündungsprozesse im Verlauf des Wach- und Schlafrhythmus geregelt.

Das Leben auf der Erde wird von zeitlich unterschiedlich schwingenden Rhythmen – zu denen u. a. die Mondphasen und die Jahreszeiten gehören – bestimmt. Hierzu gehört auch der Schlaf-Wach-Rhythmus. Er wird als circadianer Rhythmus bezeichnet, weil er etwas mehr als 24 Stunden beträgt.

Die Menschen reagieren relativ empfindlich auf Abweichungen dieses Rhythmus. Beim circadianen Rhythmus ist dies gut beim Jetlag feststellbar, die nach Langstreckenflügen über mehrere Zeitzonen auftretende Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus (sogenannte Dysrhythmie).

Mit unserer heutigen Lebensweise verletzen wir sehr häufig den natürlichen Rhythmus von Wachen und Schlafen, denn er ist auch an Hell und Dunkel gekoppelt. Das abendliche Fernsehen und die Arbeit am PC oder das ständige Betätigen des Smartphones mit seinen blauen Lichtanteilen simuliert den Tag und kann das Risiko zu Schlafstörungen erhöhen. Gehen die Menschen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, sind von Schichtarbeit betroffen oder ständig erreichbar, so wird kontinuierlich das vegetative Nervensystem auf Aktivität getriggert. Oftmals beginnen die Probleme, wenn die Nacht zum Tag gemacht wird und der Mensch seinen Rhythmus von Aktivität und Ruhe verliert.

Liegen Schlafprobleme vor, so sind zunächst die Lebensgewohnheiten und /oder belastende Lebenssituation abzuklären. Des Weiteren sollten organische Ursachen ausgeschlossen werden. Es ist auch offensichtlich, dass man mit Schmerzen Schwierigkeiten hat, in den Schlaf zu finden. Dies müsste natürlich zuerst „abgestellt“ werden.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist es, eine gesunde „Schlafhygiene“ einzuhalten.

Schlafforscher:innen geben Ihren Patient:innen 10 „goldene“ Regeln an die Hand, um den Schlaf zu fördern. Man kann dies auch als gesunderhaltende Lebenspflege betrachten. In der Chinesischen Medizin wird dies als Yang Sheng bezeichnet.

Die 10 „goldenen“ Regeln für einen guten Schlaf

  1. Möglichst jeden Tag zur gleichen Zeit zu Bett gehen und zur gleichen Zeit aufstehen – auch am Wochenende. Dies stärkt den biologischen Rhythmus.
  2. Helles Licht vermeiden, wenn man nachts wach wird. Dies könnte die „innere Uhr“ umstellen.
  3. Nicht länger als nötig im Bett liegen bleiben. Schlafstörungen könnten sich hierdurch einstellen.
  4. Etwa 2-3 Stunden vor dem Schlafengehen keine üppige Mahlzeit mehr einnehmen, aber auch nicht hungrig zu Bett gehen, damit der Magen auch Ruhe gibt.
  5. Etwa 2-3 Stunden vor dem Schlafengehen keine alkoholhaltigen Getränke zu sich nehmen. Dies könnte den Tiefschlaf stören. Außerdem je nach Empfindlichkeit 4-8 Stunden vor dem Schlafengehen keine teein- und /oder koffeinhaltigen Getränke zu sich nehmen. Dadurch könnte man „aufgekratzt“ und am Einschlafen gehindert werden.
  6. Mittags nicht länger als 20-30 Minuten ruhen – denn dadurch wird der Schlafdruck abgebaut.
  7. Nicht mehr nach 19.00 Uhr rauchen, denn Rauchen macht wach.
  8. Abends nach 18.00 - 19.00 Uhr starke körperliche Anstrengung vermeiden. Dies kann dazu führen, dass Sie sich sehr wach führen.
  9. Eine zeitliche „Pufferzone“ zwischen dem aktiven Alltag und dem Zubettgehen schaffen, um von der Aktivität langsam herunterzufahren.
  10. Eine angenehme und ruhige Schlafumgebung schaffen, denn dies ist schlaffördernd.

Doch was kann die Chinesische Medizin dazu beitragen, was man in der Schulmedizin nicht finden kann, dass Patient:innen besser schlafen können?

In der Chinesischen Medizin werden die der Schlafstörung zugrundeliegenden Syndrome noch einmal differenziert und dann ein therapeutischer Ansatz gewählt, der den fünf therapeutischen Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin entstammt. Hierzu gehören die Akupunktur, die Chinesische Arzneimitteltherapie, die manuellen Techniken (Tuina), zu denen auch die Chinesische Heilmassage gehört, die Chinesische Diätetik und die meditativen Bewegungskünste wie Qigong und Taijiquan.

Die Syndrome und Disharmonien finden sich in den ZangFu (den Yin- und Yang-Organen). Sie stehen miteinander in Verbindung, d. h., sie erzeugen sich gegenseitig und sind auch in der Lage, sich zu kontrollieren. Diese physiologischen Prozesse können in Disharmonien münden, die sich in Schlafstörungen äußern. Die häufigsten Muster oder Syndrome bei Schlafstörungen finden sich bei den Zang-Organen Herz und Leber.

Die Wandlungsphasen mit ihren ZangFu - der Hervorbringer (Sheng) Zyklus

Herzfeuer

Wird ein Mensch lange und dauerhaft zu vielen Sinnesreizen ausgesetzt oder besteht dauerhaft emotionale Unruhe, wird sein Geist (shen) permanent stimuliert. Hieraus kann ein sogenanntes Herzfeuer resultieren, das den Betroffenen daran hindert, zur Ruhe zu kommen. Relativ typisch für das Zang-Organ „Herz“ ist die Einschlafstörung. Abgeklärt wird der Verdacht mit einer Zungen- und Pulsdiagnose. Die Therapiestrategie ist hier, die Hitze zu klären und den Geist zu beruhigen. Hierzu werden i.d.R. ausgewählte Akupunkturpunkte und eine geeignete Chinesische Arzneimittelrezeptur eingesetzt. Möchte man das „Übel“ an der Wurzel packen, so sollte der/die Betroffene auch das Verhalten ändern und sich gezielt Muße gönnen, um leichter zur Ruhe und in den Schlaf zu finden. Hierbei kann auch das Praktizieren von Qigong hilfreich sein, da es sich um eine meditative Bewegungsform handelt.

Leber-Qi-Stagnation und Aufsteigendes Leber-Yang

Stress und Frustrationen, das Gefühl, keine Lösung für ein Problem zu finden oder in einer Situation gefangen zu sein, nichts daran ändern zu können, münden oft in einer Leber-Qi-Stagnation, die in das aufsteigende Leber-Yang übergehen kann. Die Betroffenen schlafen u. U. gut ein, aber wachen dann bereits zwischen 1-3 Uhr nachts auf. Dieses Zeitfenster entspricht nach der TCM-Organuhr der Leberzeit. Patient:innen sind unter Umständen von Kopfschmerzen betroffen und empfinden ein Druckgefühl im Oberbauch. Nach der TCM-Diagnose wird i.d.R. Akupunktur und die geeignete Chinesische Arzneimittelrezeptur verordnet. Bei Verspannungen in der Muskulatur kann auch gut Tuina (Chinesische Heilmassage) eingesetzt werden. Klärende Gespräche zur Lebenssituation mit Ausarbeitung von Lösungswegen und Umgang mit Stresssituationen sind hilfreich.

Gegenläufiges Magen-Qi

Das moderne Essverhalten, zu später Stunde noch eine üppige Mahlzeit hastig einzunehmen und dann beim Fernsehen weiter zu naschen oder alkoholische Getränke zu trinken, können Fülle, Magenhitze und gegenläufiges Magen-Qi auslösen, das die Betroffenen am Einschlafen hindert. Bei aller Vielfalt an therapeutischen Möglichkeiten in der TCM ist hier eine nachhaltige Besserung nur möglich, wenn die Essgewohnheiten geändert werden. Die Chinesische Ernährungslehre bietet hier an den Patient:innentypus angepasste individuelle Möglichkeiten die schmackhaft und gesund sind, die Lebensqualität verbessern und auch dem Schlaf zuträglich sind.

Die Chinesische Medizin ist eine Möglichkeit, effektiv und nebenwirkungsarm bei Patient:innen mit funktionellen Schlafstörungen zu helfen. Eine Beratung bezüglich der Lebenslage und Lebensgewohnheiten ist sinnvoll.

Sollten Sie als Betroffene:r Interesse an der TCM haben, so empfehlen wir Ihnen, sich an gut ausgebildete TCM-Therapeut:innen zu wenden. Eine Liste mit Therapeut:innen in Ihrem Umfeld finden sie unter dem folgenden Link: https://www.agtcm.de/index.htm


Quellenangabe:
https://www.dak.de/dak/bundesthemen/muedes-deutschland-schlafstoerungen-steigen-deutlich-an-2108960.html#/, abgegriffen am 09.03.22, 21.00 Uhr

Bildnachweise:
Depositphotos/AGTCM
 

Artikel zu Schlafstörungen

Selbstbehandlung mit Tuina bei Schlafstörungen

Bei Schlafstörungen können sich Patient: innen durch Selbst- oder Partnermassagen gut selbst helfen. Denn mit Tuina, der chinesischen Heilmassage, können auch Laien mit leicht erlernbaren Techniken ihren Gesundheitszustand positiv beeinflussen. Der Artikel erklärt, wie Schlaf und Schlafstörungen in der Chinesischen Medizin gesehen werden, gibt Anleitungen zu Massagen, Tipps für Teemischungen und eine Rezeptur für ein schlafförderndes Massageöl. 

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