05.05.2025
Der Löwenzahn, Taraxacum officinale, verwendete Teile: Radix, Herba, Radix cum Herba.
Löwenzahn ist eine Heilpflanze, die ich wirklich viel verwende. In Rothenburg o.T. auf dem TCM-Kongress hatten wir unter Kolleg:innen schon einige Diskussionen über seine Anwendung. Denn in der Chinesischen Pharmakologie gilt der Löwenzahn als kalt und wird sehr vorsichtig in der Therapie eingesetzt, damit er nicht den Magen und das Milz-Qi schädigt.
Das ist in der europäischen Tradition gänzlich anders. Hier ist Löwenzahn ein Allerweltskraut, welches gerne eingesetzt und sehr oft gegeben wird. Es treten äußerst selten Nebenwirkungen wie Durchfälle und ein geschwächtes Milz-Qi auf. Es handelt sich jedoch um die gleiche Pflanze, was ist anders? [1]
Ich persönlich verordne auch sehr gerne Löwenzahnpresssaft, der tatsächlich nochmal kälter in der Energetik ist als ein Teeaufguss. Auch hier gibt es seltenst die befürchteten Nebenwirkungen.
2017, nach dem TCM-Kongress, setzte ich mich hin und fing an zu recherchieren: Ich hatte einen Verdacht, nämlich, dass das Klima einen entscheidenden Faktor bildet. Und richtig, im Su Wen, im Ling Shu und im Nan Jing gibt es einige Angaben zum Klima und dessen Auswirkungen auf den Menschen. Als kurze Zusammenfassung kann ich sagen, dass ein warmes bis heißes Klima die Poren öffnet, das Qi an die Oberfläche wandert und das Innere schwach ist. In warm-heißen Klimata gibt es wenig Erkältungskrankheiten, dafür umso mehr Durchfall und Magen-Darmerkrankungen. Das entspricht den Ernährungsgepflogenheiten, die wir im TCM-Unterricht gelernt haben: Am besten dreimal täglich warmes Essen, zumindest aber ein warmes Frühstück und kühle bis kalte Nahrung eher meiden. Von Rohkost und frischen Milchprodukten wird abgeraten. Warmes Wasser wird angeraten. Es geht darum, das Magenfeuer zu wärmen, stabil zu halten und die Mitte zu stärken.
Allerdings ist es so, dass sich in kühlen bis kalten Klimata die Poren schließen, sich das Äußere leicht verkühlt und schwach ist und sich das Qi nach innen bewegt. Hier finden wir dann auch Sodbrennen, Heißhunger, Mundgeruch, Refluxerkrankungen, Verstopfung, heißen bis stinkigen Stuhlgang. Das heißt, das Äußere ist schwach und kühl, das Innere warm und stark. Traditionell wird hier viel Rohkost und frisches Obst gegessen, die Leute mögen kaltes Wasser und auch die Wassertoiletten haben hier eine generelle Verbreitung.
Für den Löwenzahn bedeutet das, dass wir ihn im Normalfall hier in Deutschland auch fröstelnden Personen geben können, ohne dass unerwünschte, zu kühle Nebenwirkungen auftreten. Aber warum sollten wir das tun? Viele Menschen, denen kalt ist, haben gleichzeitig verschiedenen Formen von innerer Hitze: Pickel, Akne, starkes, hellrotes Menstruationsblut, stinkenden Stuhlgang oder Shao Yang-Hitze am Hals, in den Beugen, an den Augen.
Löwenzahn bewegt wunderbar das Qi, bewegt das Leber- Qi, senkt aufsteigendes Leber-Yang und klärt, ja genau, Magenfeuer. Er kann der Milz helfen, die Zellernährung zu optimieren und er entschlackt über den Dreifachen Erwärmer alle Zellzwischenräume und den interzellulären Bereich. Er kann Feuchtigkeit ausleiten, obwohl er kalter Natur ist und er kann Stagnationen beheben. Man denke hier an die vielen alten Anwendungen bei Gicht und Rheuma, wo er wirklich viel bewirken kann. Er lässt die Lymphe fließen und wurde früher auch begleitend in der Krebstherapie angewendet.
Insgesamt eröffnet das eine weite Indikationsbreite von aufsteigendem Leber-Yang mit Kopfschmerzen, Unleidlichkeit, Frühjahrsmüdigkeit, schafkotartiger Stuhlgang, Verstopfung über leichte Nahrungsmittelstagnation, wo er mit seinem bitteren Geschmack auch absenkt und Feuchtigkeit ausleitet, bis hin zu feuchter Hitze und toxischer Hitze, die er beide verlässlich verringert: Hepatitis, klebriger, stinkender Stuhl, Gerstenkorn, Herpes (zusammen mit Melisse), ungenügende Verdauung, Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Er hilft auch wunderbar bei Hauterkrankungen, besonders, wenn diese eine Leberbeteiligung zeigen. Bei Furunkeln versuche ich immer zuerst eine Kur mit dem Löwenzahnpresssaft und kombiniere diesen mit einem passenden Tee. In der Regel sind die Furunkel nach 4 - 6 Wochen gänzlich verschwunden. (Bei sehr hartnäckigen Fällen verwende ich zusätzlich auch Löwenzahn ist auch in der Lage, Gallensteine zu verkleinern und aufzulösen. Das braucht etwas Fingerspitzengefühl, denn wenn die Steine die kritische Größe erreichen und gerade eben so durch die Gallengänge passen, können Koliken ausgelöst werden. Ansonsten wird Gallengries einfach ausgeleitet und große Steine werden nach und nach kleiner. Dafür benutze ich auch den Löwenzahnsaft. Diese Therapie muss insofern gut begleitet werden, da es (selten, aber wie schon beschrieben) zu Koliken kommen kann. Solchen Patient:innen empfehle ich, Zitronen und Bruchkraut zuhause zu haben. Das Bruchkraut kann wunderbar die glatte Muskulatur entspannen und hilft bei Koliken (auch bei Koliken der Nieren). Die Zitronen werden ÄUßERLICH angewendet und zwar, indem Scheiben auf die schmerzenden Stellen aufgelegt werden. Auch das entspannt sofort und lässt die Steine weiter rutschen.[2]
Löwenzahn wächst und gedeiht besonders im frühen Frühling und übersät die Wiesen mit seinen wunderbar leuchtenden gelben Blütenteppichen. Später wandeln sich die Blüten in die tollen silbrigen Samenkugeln, die Pusteblumen. Gelbe, strahlende Blüten und kugelige, silbrige Samenstände zeigen die Signatur für das Yang Ming: Sonne und Mond. Löwenzahn kann Hitze und Feuchte-Hitze im Yang Ming behandeln. Er durchstrahlt den gesamten Organismus und gleichzeitig kann er sogar tonisieren: denn die Wurzeln speichern viele Kohlenhydrate, besonders Inulin, was sich besonders im Herbst als süßer Geschmack bemerkbar macht. Die Wurzel im Frühling ist deutlich bitterer und hilft mehr, zu entschlacken und abzusenken. Der Gehalt an Inulin wirkt sich sehr günstig bei Diabetes aus.
Die europäische Interpretation der Mondenwirkung bezieht sich auf den Milchsaft und auch dieser ist günstig bei der Zuckerkrankheit, kann er doch die Gewebe entschlacken. Dieser Milchsaft ist eine Emulsion von Substanzen, die sich eigentlich nicht verbindenden können, nämlich Harz in Wasser. Er dient dem Auf- und Abbau der Substanzen, frei zitiert nach Markus Sommer: in der Nacht baut die Leber Substanzen auf, tagsüber baut sie die Substanzen ab und bringt Leben in das System. Das zeigt sich unter anderem auch in den Inhaltsstoffen: Löwenzahn enthält viel Kalium, welches hilft, zu wachsen und sich auszudehnen, während das Silicium befähigt, wahrzunehmen und Abbauprozesse einleitet. Dieser Gegensatz zeigt sich auch im Äußeren der Pflanze: einerseits unverwüstlich, derb und wuchernd, andererseits zart, kristallin und fühlend: Die Blüten schließen sich bei Regen und reagieren auf Licht, die Samen der Pusteblumen sind sternenförmig.
Löwenzahn enthält weiterhin viel Carotin, besonders in den Blüten, die in Honig eingelegt sehr gut schmecken, und überhaupt wird er zum Beispiel in Italien als bitter-süßer Salat gezüchtet.[3]
Er ist eine klassische Heilpflanze für die Frühjahrskur, wo er gegessen oder getrunken wird, dann reinigt und putzt er den gesamten Körper. Menschen, die zu Leber Qi-Stagnation neigen, empfehle ich die regelmäßige Anwendung in Intervallen. Löwenzahn ist außerdem stark diuretisch, deshalb kann es sinnvoll sein, ihn nur tagsüber einzunehmen.[4]
Quellen:
[1] Tatsächlich wird in der Biologie diskutiert, inwieweit es verschiedene Unterarten des Löwenzahns gibt oder ob er einfach nur sehr anpassungsfähig ist
[2] Eine sehr ängstliche Patientin von mir ließ sich innerhalb von 5 Wochen 2 mal mit Ultraschall untersuchen. Während sie beim ersten Mal eine `Schotterstraße´an Gallensteinen aufwies, gab es bei der zweiten Untersuchung nur noch drei Steine, der Rest war abgegangen.
[3] Markus Sommer: Heilpflanzen - ihr Wesen - ihre Wirkung ihre Anwendung, aethera, 2011, Verlag freies Geistesleben & Urachhaus GmbH, Stuttgart
[4] Maria Treben benutzt die Stängel des Löwenzahn, um mehr zu bewegen und zu zerteilen.
Bildnachweise:
Depositphotos/AGTCM

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