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Große epidemiologische Studie zu Post-Covid erschienen

Dr. Anne Hardy, Frankfurt

Welche Symptome und Symptom-Cluster des Post-Covid Syndroms treten sechs bis 12 Monate nach der akuten Infektion gehäuft auf? Welche Risikofaktoren gibt es? Und wie stark beeinträchtigen die Symptome die allgemeine Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit? Das untersuchte die Arbeitsgruppe um Winfried Kern von der Universität Freiburg, indem sie knapp 12.000 Patient:innen befragte. Das Ergebnis: Die Betroffenen sind erheblich durch post-akute Symptom-Cluster beeinträchtigt, insbesondere durch Fatigue und neurokognitive Beeinträchtigungen. Auch junge und mittelalte Erwachsene, die nur einen leichten Verlauf hatten, sind betroffen. Die Autor:innen der im Oktober 2022 veröffentlichten Studie sehen erhebliche Auswirkungen des Post-Covid Syndroms auf den allgemeinen Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung. [1]

Wie unterscheiden sich Long- und Post-Covid?

Von "Long Covid" spricht man, wenn die Symptome über vier Wochen nach der akuten Infektion anhalten. Das „Post-Covid-19-Syndrom“ ist ab drei Monaten nach der akuten Infektion gegeben, wenn die Symptome schon mindestens zwei Monate andauern und nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden können.[2] Die Symptome können nach der Genesung von einer akuten Infektion neu auftreten oder nach der Akutphase fortbestehen. Sie können auch kommen und gehen. Bei den Befragten in der Studie lag die Akutphase im Mittel 8,5 Monate zurück.

Wer wurde befragt?

Befragt wurden 18- bis 65-jährige Patient:innen, die zwischen Oktober 2020 und März 2021 bei den Gesundheitsämtern in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm als akut infiziert gemeldet waren. Von 50.457 Angeschriebenen meldeten sich 12.053, von denen 11.710 die Einschlusskriterien erfüllten.

Das durchschnittliche Alter lag bei 44,1 Jahren. Etwas mehr als die Hälfte (58,8 Prozent) waren Frauen. Ein geringer Teil (3,6 Prozent) war schon zum wiederholten Mal mit Covid-19 infiziert. Die Autor:innen gehen davon aus, dass ihre Studienkohorte hauptsächlich mit dem Wildtyp von SARS-CoV-2 infiziert war, da die ersten besorgniserregenden Varianten im Januar 2021 in Deutschland auftraten.

Was wurde gefragt?

Der standardisierte Fragebogen fragte nach sozio-demografische Daten, Lifestyle-Faktoren und medizinisch behandelten Komorbiditäten, die bereits vor der akuten SARS-CoV-2-Infektion bestanden hatten. Es wurden 30 spezifische Symptome vor und während der akuten Infektionsphase sowie zum Zeitpunkt des Ausfüllens des Fragebogens erhoben. Weiterhin wurde gefragt, ob die Symptome medizinisch behandelt werden und wie stark sie das tägliche Leben und die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen.

Häufige Vorerkrankungen

Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden war vor der Pandemie vollzeitbeschäftigt (56,8 Prozent). Zu den chronischen Vorerkrankungen gehörten u. a. Erkrankungen des Bewegungsapparats (28,9 Prozent), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (17,4 Prozent), neurologische und sensorische Störungen (16,2 Prozent) sowie Atemwegserkrankungen (12,1 Prozent). Die meisten Teilnehmenden (77,5 Prozent) benötigten während der akuten SARS-CoV-2-Infektion keine medizinische Versorgung, 19,0 Prozent gaben an, ambulant behandelt worden zu sein, und weniger als vier Prozent mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Risikofaktoren

Verglichen mit Teilnehmer:innen, die nur ein Symptom oder keine Symptome aufwiesen, waren Teilnehmer:innen mit zwei oder mehr Symptomen im Durchschnitt etwas älter (45,4 vs. 42,5 Jahre), häufiger weiblich (64,5 Prozent vs. 52,6 Prozent), häufiger adipös (21,9 Prozent vs. 14,9 Prozent) und benötigten während der akuten Phase der Infektion häufiger ärztliche Hilfe (32,6 Prozent vs. 11,4 Prozent).

Symptom-Cluster: Fatigue und neurokognitive Symptome am häufigsten

Außerdem stellten die Autor:innen der Studie fest, dass mehrere der 30 post-akuten neuen Symptome stark miteinander korrelierten. Sie fassten sie zu 13 Symptom-Clustern zusammen. So wurden die einzelnen Symptome „rasche körperliche Erschöpfung“ und „chronische Müdigkeit“ zum Cluster "Fatigue" zusammengefasst, das unter den Teilnehmern am häufigsten vorkam (37,2 Prozent), gefolgt von "neurokognitiven Beeinträchtigungen" mit einer Prävalenz von 31,3 Prozent, "Symptomen im Brustkorb" (30,2 Prozent), "Geruchs- oder Geschmacksstörungen" (23,6 Prozent) und "Angst/Depression" (21,1 Prozent).

Einschränkungen in Alltag und Arbeitsleben

11,5 Prozent der Befragten gaben an, sich von der Covid-19-Infektion gesundheitlich nicht vollständig erholt zu haben; 10,7 Prozent aller Befragten waren arbeitsunfähig. Das Fatigue-Syndrom-Cluster trug aufgrund der höchsten Prävalenz am meisten zum Verlust der allgemeinen Gesundheit (2,27 Prozent der Befragten) und der Arbeitsfähigkeit (2,32 Prozent der Befragten) bei. Jedoch hatten neurokognitive Beeinträchtigungen einen deutlich stärkeren Einfluss auf den Verlust der Arbeitsfähigkeit als auf den Verlust der Gesundheit. Auch Ängste und Depressionen, Kopfschmerz und Schwindel sowie Schmerz-Syndrome schränkten die Arbeitsfähigkeit deutlich ein. Dagegen beeinträchtigten „Symptome im Brustkorb“ (wie Kurzatmigkeit) und ein gestörter Geruchs- oder Geschmackssinn eher die allgemeine Gesundheit als die Arbeitsfähigkeit.

Die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst

Fatigue und neurokognitive Beeinträchtigungen sind nicht nur die häufigsten Gesundheitsprobleme bei Post-Covid-Erkrankten; sie beeinträchtigten auch am stärksten die gesundheitliche Erholung und die Arbeitsfähigkeit. Ein zweites wichtiges Ergebnis, das bereits in anderen Studien beobachtet wurde, ist, dass die meisten Symptome und Symptom-Cluster bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern sowie bei Menschen, die eine schwerere akute Infektion durchlebt haben. Ebenso zeigte sich, dass das Post-Covid-Syndrom auch jüngere Menschen betrifft.

Kern und Kolleg:innen beziffern den Anteil des Post-Covid-Syndroms unter den Befragten auf 28,5 Prozent. Ausgehend von der Annahme, dass diejenigen, die sich nicht an der Studie beteiligten, sich vollständig erholt haben, liegt der Anteil an Post-Covid-Erkrankten in der infizierten erwachsenen Bevölkerung bei mindestens 6,5 Prozent. Der tatsächliche Wert, so vermuten die Autor:innen, dürfte irgendwo zwischen diesen beiden geschätzten Werten liegen.

Referenzen:

[1] Kern, W. et al.: Post-acute sequelae of covid-19 six to 12 months after infection: population based study; BMJ 2022;379:e071050; doi: https://doi.org/10.1136/bmj-2022-071050 (Publiziert am 13. Oktober 2022).

[2] Soriano JB, Murthy S, Marshall JC, Relan P, Diaz JV; WHO Clinical Case Definition Working Group on Post-COVID-19 Condition. A clinical case definition of post-COVID-19 condition by a Delphi consensus. Lancet Infect Dis. 2022 Apr;22(4):e102-e107. doi: 10.1016/S1473-3099(21)00703-9. Epub 2021 Dec 21. PMID: 34951953; PMCID: PMC8691845.

Bildnachweise:
Depositphotos/AGTCM

Dr. Anne Hardy

Dr. Anne Hardy

Heilpraktikerin
Erweiterter Vorstand Medizinische Wissenschaft
Schifferstr. 59
60594 Frankfurt
hardy(at)agtcm.de
https://www.akupunktur-hardy.de

Dr. phil. Anne Hardy betreut im erweiterten Vorstand der AGTCM den Bereich „Medizinische Wissenschaft“. Die studierte Physikerin und promovierte Medizinhistorikerin arbeitete als freie Journalistin, bevor sie zur Chinesischen Medizin fand. In ihrer Praxis in Frankfurt am Main behandelt sie vor allem gynäkologische Beschwerden und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.

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