08.06.2026
Bisher war die Studienlage zur Akupunktur bei Migräne widersprüchlich. Nun hat eine chinesische Studie dafür eine mögliche Erklärung gefunden: Es scheint von der Vernetzung bestimmter Gehirnareale abzuhängen, wie gut jemand auf Akupunktur anspricht.
Etwa 10 Millionen Deutsche leiden unter Migräne ohne Aura. Rund 30 % der Betroffenen sprechen auf Standardmedikamente (z. B. NSAR oder Triptane) nur unzureichend an. Weniger als 60 % vertragen die vorbeugenden medikamentösen Therapien. Daher wird Akupunktur schon seit Jahren als eine nebenwirkungsarme Therapie untersucht.
Bisher ist die Studienlage widersprüchlich[1]: Rätselhaft sind zwei Befunde:
Etwas Licht ins Dunkel bringt nun eine Studie chinesischer Forschender, die das Ansprechen auf Akupunktur mit bestimmten neuronalen Vernetzungen in Verbindung bringt.
Migräne wird heute als Störung der funktionellen Vernetzung im gesamten Gehirn verstanden. Wie neurowissenschaftliche Studien zeigen, kann Akupunktur zentrale Schmerzverarbeitungs-Netzwerke im Gehirn beeinflussen. Das gilt insbesondere für das sogenannte Default Mode Network (DMN) sowie sensorische und motorische Netzwerke.
Um herauszufinden, ob es bestimmte Vernetzungsmuster bei Respondern[2] gibt, verwendete das Team um Xinyu Zhang vom Beijing Hospital of Traditional Chinese Medicine eine neue Methode namens „connectome-based predictive modeling (CPM)“.[3] Damit lassen sich Gehirnnetzwerke analysieren.
In der randomisierten Studie wurden 120 Erwachsene mit Migräne ohne Aura per Los in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine erhielt echte Akupunktur (Interventionsgruppe), die andere Scheinakupunktur (Kontrollgruppe). Beide Gruppen erhielten 12 Sitzungen á 30 Minuten über 4 Wochen. In der Interventionsgruppe wurden die Punkte Baihui (Du 20), Fengfu (Du 16), Fengchi (Gb 20), Taiyang (EX-HN5) und Hegu (Di 4) jeweils beidseitig genadelt. Alle Punkte wurden mit Deqi stimuliert. In der Kontrollgruppe wurde ohne Deqi an Schein-Akupunkturpunkten genadelt.
Die echte Akupunktur senkte die Zahl der Migränetage deutlich stärker als die Scheinakupunktur. Auch Kopfschmerztage, Bedarf an Akutmedikation, Schmerzstärke, Beeinträchtigung im Alltag und Lebensqualität verbesserten sich signifikant.
Besonders interessant ist, dass die Studie bestimmte Verknüpfungsmuster im Gehirn mit dem Therapieerfolg verknüpfen konnte. Zu Beginn der Studie wurde von allen Patient:innen eine funktionelles MRT aufgenommen. Dieses wurde mit Hilfe des „connectome-based predictive modeling“ analysiert und mit dem klinischen Erfolg der Therapie abgeglichen.
Es stellte sich heraus, dass der Migräneschmerz stärker bei denjenigen Patient:innen abnimmt, bei denen zwei bestimmte, bei Migräne fehlregulierte Gehirnareale möglichst wenig „Kontakt“ zueinander haben: Das Default-Mode-Netzwerk, das maßgeblich an der subjektiven Schmerzwahrnehmung beteiligt ist und subkortikal-zerebelläre Strukturen. Das sind Hirnareale, die unterhalb der Großhirnrinde liegen und funktionell mit dem Kleinhirn (Zerebellum) verbunden sind bzw. direkt zu ihm gehören. Dieses Netzwerk aus Strukturen koordiniert vor allem Bewegung, Koordination und auch bestimmte kognitive Prozesse.
Zwischen zwei weiteren Gehirnarealen war dagegen eine erhöhte Konnektivität von Vorteil, wenn es darum ging, die migränebedingten Beeinträchtigungen (gemessen mit dem Headache Impact Test[4]) durch Akupunktur zu verringern: In diesem Fall waren Patient:innen im Vorteil, bei denen subkortikale Areale und motorische Netzwerke gut „vernetzt“ sind.
Das Ausgangsmuster der Hirnvernetzung gibt also gewissermaßen den Rahmen für Veränderungen vor, die aufgrund der neuronalen Plastizität ausgenützt werden können. Das ist die Fähigkeit des Gehirns, auch nach der Säuglingsphase neue Nervenverknüpfungen anzulegen, zu verstärken oder abzubauen.
Nicht vorhersagen konnte die Analyse der Gehirnnetzwerke, bei welchen Patient:innen die Frequenz der Migräneanfälle abnehmen und wie sich deren Lebensqualität verändern würde. „Dies deutet darauf hin, dass die Schmerzintensität und die funktionelle Beeinträchtigung offenbar enger mit klar umrissenen neuronalen Netzwerken verknüpft sind, während komplexere, multifaktorielle Outcome-Parameter wie die Lebensqualität von einer Vielzahl an Einflussfaktoren abhängen“[5], kommentiert der Medizinjournalist Michael von Heuvel.
Kurz gesagt:
Diese Studie zeigt, dass Akupunktur eine wirksame Behandlung bei Migräne ohne Aura ist. Sie wirkt nicht nur lokal oder symptomatisch, sondern beeinflusst komplexe Regulationsnetzwerke im Gehirn. Zukünftig könnte man Therapien stärker individualisieren, indem man vorhersagt, welche Patient:innen besonders gut auf Akupunktur reagieren.
Referenz:
[1] https://www.agtcm.de/fachverband/forschung-wissenschaft/migraeneprophylaxe-akupunktur-ist-wirkungsvoll-und-risikoarm.htm
[2] Definiert waren Responder als diejenigen, bei denen die Häufigkeit der monatlichen Migräneanfälle sowie der Kopfschmerztage um mehr als 50 Prozent abnahm.
[3] Zhang X, Chen Q, Liu Y, et al. Acupuncture for Migraine Without Aura and Connection-Based Efficacy Prediction: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2026;9(1):e2555454. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.55454
[4] https://www.physiotutors.com/de/questionnaires/headache-impact-test-hit-6
[5] https://www.doccheck.com/de/detail/articles/52871-akupunktur-die-nadel-im-migraenehaufen
Bildnachweis:
Depositphotos/AGTCM
Immer mehr Studien und Meta-Analysen zeigen, dass Akupunktur bei Migräne hilfreich sein kann. Im Vergleich zu pharmakologischer Standardtherapie erweist sich Akupunktur zudem oft als gleichwertig oder besser – und außerdem als risikoärmer.
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