25.09.2026
Es gab bereits zahlreiche Hinweise darauf, dass Traditionelle Chinesische Übungen bei Erkrankungen des Bewegungsapparats hilfreich sind. Jetzt hat die größte bisher erschienene Übersichtsstudie, publiziert im British Journal of Sports Medicine[1], dies mit einer „Evidenz von hoher Sicherheit“ bestätigt.
Es handelt sich um eine gepoolte Datenanalyse (Umbrella Review), die sich auf 92 Meta-Analysen stützt und insgesamt 1.744 randomisierte kontrollierte klinische Studien berücksichtigt. Untersucht wurden verschiedene Arten Traditioneller Chinesischer Übungen: Tai Chi Chuan, Qigong, Baduanjin (Acht Brokate), Wuqinxi (Spiel der fünf Tiere), Yijinjing (Sehnen-Metamorphose) und andere. Deren Wirkung wurde auf 10 Kategorien von muskuloskelettale Erkrankungen untersucht, wobei Arthrose mit 38,8 Prozent am häufigsten vertreten war.
Die 10 untersuchten Erkrankungen:
Die Forschenden unterteilten die Daten in vordefinierte Subgruppen, und zwar nach Trainingsdauer, -häufigkeit und -umfang. Die Ergebnisse der Analyse sprechen dafür, dass die Wirksamkeit von Traditionellen Chinesischen Übungen und Tai Chi über unterschiedliche Trainingsdauern hinweg erhalten bleibt.
Bei Kniearthrose zeigten sowohl Traditionelle Chinesische Übungen (TCEs) als auch Tai Chi große Effekte auf die Beweglichkeit und auf Schmerzen, wobei die standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD)[2] in mehreren Analysen mehr als 0,8 betrug. Patient:innen gaben über einen standardisierten Fragebogen (WOMAC) Verbesserungen der arthrosebezogenen Schmerzen, Steifigkeit und körperlichen Funktionsfähigkeit an. Auch die allgemeine gesundheitsbezogene Lebensqualität verbesserte sich (erfasst mit dem SF-36-Fragebogen).
Die größten Effekte wurden insbesondere in Studien mit einer Dauer von mehr als sechs Monaten bzw. einer Trainingshäufigkeit von mehr als drei Einheiten pro Woche beobachtet. Auch kürzere Interventionen (weniger als drei Monate), eine niedrigere Trainingshäufigkeit (1–2 Einheiten pro Woche) und ein geringerer Trainingsumfang (weniger als 150 Minuten pro Woche) waren mit statistisch signifikanten Effekten von kleiner bis mittlerer Größe verbunden (SMD: 0,27–0,50).
Bei Osteopenie und Osteoporose war Tai Chi mit kleinen bis moderaten Verbesserungen der Knochendichte (BMD) an der Lendenwirbelsäule und am Oberschenkelhals verbunden. Für diese Ergebnisse wurde eine hohe Evidenzsicherheit nach GRADE[3] angegeben. Effekte wurden bei regelmäßigem Training mit mittlerem bis hohem Umfang und längerer Trainingsdauer beobachtet. Dieses Muster ist mit dem erwartbaren zeitlichen Verlauf des Knochenumbaus vereinbar.
Bei Nackenschmerzen und Fibromyalgie führten TCEs und Tai Chi zu moderaten bis großen Verbesserungen der psychischen Gesundheit und der Schlafqualität (SMD etwa 0,5–0,8). Diese Effekte traten bereits nach kürzerer Zeit auf.
Bei Wirbelsäulenschmerzen wurde auch bei kürzeren Interventionen ein großer standardisierter Effekt beobachtet (SMD = −0,93). Auch hier zeigte sich: Wer häufiger trainiert, kann mit stärkeren Verbesserungen seiner psychischen Beschwerden rechnen.
Die größten Verbesserungen zeigten sich bei einer Trainingshäufigkeit von mehr als drei Einheiten pro Woche mit einem Trainingsumfang von insgesamt 150 Minuten. Wer ein halbes Jahr und länger konsequent übt, hat den größten Nutzen.
Traditionelle Chinesische Übungen wie Tai Chi, Baduanjin oder Yijinjing wirken nicht nur auf den Körper, sondern können auch das psychische Wohlbefinden und den Schlaf verbessern.
Bei Kniearthrose können die langsamen, kontrollierten Bewegungen unter anderem Kraft, Gleichgewicht und Koordination verbessern. Aber auch die bewusste Atmung und die meditativen Elemente können zusätzlich zur Entspannung beitragen und damit möglicherweise entzündliche Prozesse und Stressreaktionen beeinflussen.
Auch die psychische Gesundheit kann sich verbessern. Studien zeigen eine Abnahme von Stress, Ängsten und depressiven Beschwerden. Das gemeinsame Üben in einer Gruppe fördert außerdem soziale Kontakte und kann damit der Vereinsamung entgegenwirken.
Bei Fibromyalgie und anderen Beschwerden können Tai Chi und verwandte Übungen zudem den Schlaf verbessern. Dabei scheinen sowohl das subjektive Schlafempfinden als auch objektiv messbare Schlafparameter günstig beeinflusst zu werden.
Insgesamt sprechen die Forschungsergebnisse dafür, dass Traditionelle Chinesische Übungen einen ganzheitlichen Nutzen haben können: Sie verbinden Bewegung, Atmung, Konzentration und Entspannung und können dadurch gleichzeitig körperliche Beschwerden, psychisches Wohlbefinden und Schlaf positiv beeinflussen
Nun, da es eine wissenschaftliche Untersuchung mit hoher wissenschaftlicher Evidenz für den gesundheitlichen Nutzen der in China üblichen morgendlichen traditionellen Übungen in Parks oder am Arbeitsplatz gibt, fordern die chinesischen Autor:innen der Studie, diese Übungen in klinische Leitlinien und Rehabilitationsprogramme weltweit aufzunehmen.
„Diese Übungen stellen eine sichere, leicht zugängliche und kosteneffektive Strategie dar, die konventionelle Therapien ergänzen, die Abhängigkeit von Medikamenten reduzieren und Selbstwirksamkeit der Patient:innen stärken kann“, so die Forschenden.
Die Prävalenz muskuloskelettaler Erkrankungen nimmt mit dem Alter zu, doch auch jüngere Menschen sind betroffen. Angesichts des globalen Bevölkerungswachstums und der steigenden Lebenserwartung sei mit einem raschen Anstieg von Erkrankungen des Bewegungsapparats zu rechnen, so die Autor:innen.
„Für Gesundheitssysteme und politische Entscheidungsträger könnte die Förderung der Traditionellen Chinesischen Übungen, insbesondere in kommunalen und primärärztlichen Settings, ein strategischer Bestandteil öffentlicher Gesundheitsinitiativen für gesundes Altern und zur Prävention chronischer Erkrankungen sein“, so die Autor:innen.
Link zur Studie: https://bjsm.bmj.com/content/early/2026/07/28/bjsports-2026-111792
Referenz:
[1] Chen WX, Li YZ, Kang LD, Jiang XF, Chen YH, Yang D, Wang Y, Zhao YG, Liu FH, Liu JX, Xing WY, Zheng WR, Qin Y, Li Y, Chen XY, Li DR, Xu YL, Yang R, Feng ZF, Wang L, Gong TT, Lu M, Wu QJ. Efficacy and evidence certainty of traditional Chinese exercises for musculoskeletal disorders: an umbrella review of meta-analyses. Br J Sports Med. 2026 Aug 17:bjsports-2026-111792. doi: 10.1136/bjsports-2026-111792. Epub ahead of print. PMID: 42608034.
[2] Die SMD gibt an, wie groß der Unterschied zwischen einer Behandlungsgruppe und einer Kontrollgruppe relativ zur Streuung der Messwerte ist. 0,8 gilt als ein großer Effekt.
[3] Die Einstufung nach GRADE beantwortet die Frage: Wie sicher können wir sein, dass der beobachtete Behandlungseffekt tatsächlich so groß ist, wie die Studienergebnisse ihn erscheinen lassen? Ist die GRADE-Stufe hoch, bedeutet dies: Wir haben sehr großes Vertrauen, dass der tatsächliche Effekt nahe am geschätzten Effekt liegt.
Bildnachweis:
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