05.08.2025
Wie kann Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) Menschen mit Post-Covid-Syndrom unterstützen?
Dieser Frage widmet sich eine aktuelle deutsch-österreichische Pilotstudie, die von der AGTCM gemeinsam mit der Hochschule Coburg und der Wiener Schule für TCM durchgeführt wurde. Die Ergebnisse liefern erste vielversprechende Hinweise darauf, dass Verfahren wie Akupunktur und chinesische Arzneimitteltherapie bei typischen Post-Covid-Beschwerden wie Fatigue und Kurzatmigkeit wirksam sein können.
Ein besonderes Zeichen für das wachsende Interesse an integrativer Medizin: Die Fachzeitschrift Der Allgemeinarzt (Ausgabe 12/2025, S. 40)– einer der meistgelesenen Titel im deutschsprachigen Bereich der hausärztlichen Versorgung – hat in einem zweiseitigen Artikel über die Pilotstudie berichtet. Dass ein allgemeinmedizinisches Fachmedium Forschung zur TCM aufgreift, zeigt: Chinesische Medizin wird zunehmend auch im hausärztlichen Kontext als relevant wahrgenommen.
Im folgenden Interview erläutert Prof. Dr. Karin Meißner, Professorin für Integrative Medizin an der Hochschule Coburg und wissenschaftliche Leiterin der Studie, die zentralen Ergebnisse. Dr. Anne Hardy, verantwortlich für den Bereich Medizinische Wissenschaft bei der AGTCM, erläutert den Studienhintergrund – und macht deutlich, unter welchen Voraussetzungen eine weiterführende wissenschaftliche Untersuchung möglich wäre.
Frau Professor Meißner, Ihre Studie zeigt eine durchschnittliche Symptomverbesserung von 62 Prozent nach TCM-Behandlungen. Wie lassen sich diese Ergebnisse erklären?
Die Chinesische Medizin ist ein mehr als 2000 Jahre altes Medizinsystem. Es beruht auf der Beobachtung der Natur und ihrer Einflüsse auf den menschlichen Körper. Besonders in Zeiten von Epidemien hat die Chinesische Medizin ihr Wissen vertieft und neue Behandlungsansätze entwickelt – so auch während der Covid-Pandemie. In China wurde moderne und traditionelle Medizin während der Pandemie integrativ angewendet. Wir haben in Europa aufmerksam die Behandlungsansätze in China verfolgt und an die hiesigen Verhältnisse angepasst.
In unserer Studie waren 36 % der behandelten Patient:innen aufgrund des Post-Covid-Syndroms zeitweise arbeitsunfähig. Die häufigsten Beschwerden waren Fatigue, Leistungseinschränkungen, Brainfog, Kurzatmigkeit, Schlafstörungen, depressive Verstimmung und Kopfschmerzen. Bei den TCM-Diagnosen dominierte Leber-Qi-Stagnation (SF57), gefolgt von Leber-Qi-Stagnation mit Blutstase (SF55) und Disharmonie von Leber und Milz (SF51) – oft in Kombination mit weiteren Syndromen. Das verdeutlicht, wie komplex das Krankheitsbild ist und wie wichtig ein individueller Behandlungsansatz ist.
Genau hier bietet die TCM ihre besondere Stärke. Den teilnehmenden Ärzt:innen der Anwendungsbeobachtung wurden keine Vorgaben zur Therapie gemacht – sie konnten frei aus allen fünf Säulen der TCM wählen: Beratung zu Lebensstil, Ernährung, Qi Gong, Akupunktur und Arzneimitteltherapie, wobei die beiden letzten Optionen am häufigsten angewendet wurden.
Frau Dr. Hardy, dies ist die erste von der AGTCM initiierte wissenschaftliche Studie. Wie kam es dazu?
Die Anerkennung der Chinesischen Medizin in unserem Gesundheitssystem hängt davon ab, dass wir nachweisen können: Sie ist nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin wirksam. Als ich meine Aufgabe im erweiterten Vorstand während der Pandemie übernahm, war Post-Covid ein Gebiet, für das es in der Westlichen Medizin kaum Behandlungsoptionen gab. Hier konnten wir zeigen, dass TCM Betroffenen helfen kann.
Bei der Konzeption der Studie habe ich mich auf einen Fragebogen gestützt, den Dr. Katharina Krassnig und Dr. Verena Baustädter von der Wiener Schule für TCM bereits während der Akutphase der Pandemie entwickelt hatten. In dieser frühen Phase hatten die beiden Wiener Ärztinnen mit ihrem Netzwerk Patient:innen erfolgreich per Telemedizin behandelt –mit chinesischen oder westlichen Kräuterrezepturen, die per Kurier zu den Erkrankten nach Hause gebracht wurden. Diese praktische Erfahrung bildete eine wertvolle Grundlage für die Entwicklung des Studiendesigns und die Auswahl der Erhebungsparameter.
Frau Professor Meißner: Die Studie basiert auf retrospektiven Daten aus der Praxis. Welche wissenschaftlichen Herausforderungen bringt das mit sich – und wie könnte der nächste Schritt aussehen?
Retrospektive Studien liefern wertvolle Einblicke, aber sie haben methodische Grenzen: Es fehlt die Vergleichbarkeit mit einer Kontrollgruppe, die Datenerhebung erfolgt rückblickend, und es besteht ein gewisser Interpretationsspielraum durch die behandelnden Ärzt:innen. Der nächste logische Schritt wäre eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT), die unter strengen wissenschaftlichen Standards die Wirksamkeit bestimmter TCM-Verfahren bei Post-Covid überprüft. Dazu wäre auch eine Evaluation der Beschwerden durch die Patient:innen wünschenswert.
Als Forschende sehen wir in einer RCT zu Post-Covid ein großes Potenzial. Allerdings ist die Durchführung einer solchen Studie mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand verbunden. Wir wären auf öffentliche Forschungsförderung oder forschungsoffene Stiftungen angewiesen. Ohne entsprechende Finanzierung kann dieses wichtige Projekt derzeit nicht weiterverfolgt werden.
Welche Rolle kann Chinesische Medizin künftig in der Behandlung von Post-Covid spielen – auch mit Blick auf das Gesundheitssystem?
Die bisherigen Daten zeigen, dass TCM eine sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin sein kann – das zeigt eine weltweit wachsende Zahl an RCTs und auch Meta-Studien zur TCM. In unserer Forschung sehen wir: Viele Patient:innen profitieren von individuell abgestimmten Behandlungsansätzen. Damit dieses Potenzial jedoch flächendeckend genutzt werden kann, ist nicht nur Forschung notwendig, sondern auch eine stärkere gesundheitspolitische Anerkennung. Langfristig wünschen wir uns, dass Methoden wie Akupunktur und Arzneimitteltherapie fester Bestandteil der Regelversorgung werden – und dies idealerweise auch durch die Krankenkassen mitgetragen wird.
Der Bericht über die Post-Covid Pilotstudie in der Fachzeitschrift Der Allgemeinarzt ist ein wichtiges Signal: Er zeigt, dass die Forschung zur Traditionellen Chinesischen Medizin nicht nur innerhalb der TCM-Community, sondern zunehmend auch in der hausärztlichen Fachwelt Beachtung findet. Gerade für ein Krankheitsbild wie das Post-Covid-Syndrom, das viele Allgemeinmediziner:innen vor neue Herausforderungen stellt, gewinnt die integrative Betrachtung immer mehr an Bedeutung.
Unsere Pilotstudie liefert wertvolle erste Erkenntnisse und unterstreicht das Potenzial der TCM, insbesondere bei komplexen und chronischen Beschwerden. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie dringend weitere, qualitativ hochwertige Studien nötig sind, um die Wirksamkeit und die Integration der TCM in die Regelversorgung voranzutreiben. Die AGTCM wird sich daher weiterhin mit Nachdruck für die wissenschaftliche Evidenz und die Sichtbarkeit der chinesischen Medizin in der breiten medizinischen Gemeinschaft einsetzen.
Bildnachweis:
Envato Elements Item/AGTCM

https://www.akupunktur-hardy.de
hardy(at)agtcm.de
Heilpraktikerin
Erweiterter Vorstand Medizinische Wissenschaft
Schifferstr. 59
60594 Frankfurt
Dr. phil. Anne Hardy betreut im erweiterten Vorstand der AGTCM den Bereich „Medizinische Wissenschaft“. Die studierte Physikerin und promovierte Medizinhistorikerin arbeitete als freie Journalistin, bevor sie zur Chinesischen Medizin fand. In ihrer Praxis in Frankfurt am Main behandelt sie vor allem gynäkologische Beschwerden und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.

https://www.hs-coburg.de/personen/prof-dr-karin-meissner/
Karin.Meissner(at)hs-coburg.de
Prof. Dr. Karin Meißner ist Professorin für Integrative Medizin an der Hochschule Coburg. Nach Abschluss ihres Medizinstudiums habilitierte sie sich für Medizinische Psychologie an der Ludwig Maximillians-Universität München. Dort leitete sie eine Arbeitsgruppe „Placebo Research“ und machte parallel dazu einen Master of Science in Traditionaller Chinesische Medizin an der Technischen Universität München. Zu ihren Forschungsgebieten gehören unter anderem die Gesundheitsfördernden Effekte von Qigong, Taiji und Akupressur.
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Mehr erfahrenDie AGTCM entwickelt und sichert die Zukunft der Chinesischen Medizin.
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Unsere vier TCM-Kooperationsschulen bieten in Deutschland Seminare und Ausbildungen in den Bereichen Akupunktur, Chinesische Arzneimitteltherapie, Westliche Arzneikräuter, Diätetik, Qi Gong und Tuina an. Eine Vielzahl weiterer praxisorientierter Kurse, wie beispielsweise spezielle Kurse zur chinesischen Diagnostik, klinische Seminare oder Workshops zu aktuellen TCM-Themen umfassen das Angebot dieser spezialisierten und zertifizierten Ausbildungszentren. Die AGTCM organisiert zudem Studienreisen nach China.
Die Ausbildung an unseren Kooperationsschulen richtet sich an Heilpraktiker:innen, Ärzte und Ärztinnen, Physiotherapeut:innen, Masseur:innen, Hebammen und Angehörige anderer Heilberufe sowie alle Interessierte, die sich umfassend mit der Chinesischen Medizin auseinandersetzen möchten. Die in Kooperation mit den TCM-Schulen erstellten Schulungskonzepte verbinden traditionelles Wissen mit modernen Lehrmethoden wie beispielsweise dem Behandeln von „echten“ Patient:innen unter Supervision. So gelingt es, eine praxisnahe und qualitativ hochwertige Aus- und Weiterbildung zu gewährleisten.
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