14.11.2025
Digitale Gesundheitsangebote haben sich in den letzten Jahren rasant als vielversprechende Werkzeuge zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden entwickelt. Angesichts von weltweit über fünf Milliarden Internetnutzerinnen und -nutzern ist es von großer Bedeutung, digitale Gesundheitslösungen zu entwickeln, die nicht nur wirksam, sondern auch sicher, skalierbar und leicht zugänglich sind – insbesondere im Hinblick auf die öffentliche Gesundheitsversorgung.
In der aktuellen Ausgabe von JAMA Internal Medicine berichten Zhu und Kolleg:innen über die Ergebnisse einer randomisierten klinischen Studie (RCT), in der eine 12-wöchige, vollständig online verfügbare und unbeaufsichtigte Tai-Chi-Intervention für Menschen mit Kniearthrose getestet wurde.[1]
Insgesamt nahmen 178 Personen teil, die per Zufall entweder der Tai-Chi-Gruppe oder einer Kontrollgruppe zugeteilt wurden. Beide Gruppen erhielten online Schulungsmaterialien über Kniearthrose; die Tai-Chi-Gruppe nutzte zusätzlich ein Programm mit Anleitungen und eine mobile App, die motivierende Nachrichten zur Verhaltensänderung verschickte.
Das My Joint Tai Chi-Programm (https://myjoint-taichi.org) umfasste 12 vorab aufgezeichnete Tai-Chi-Videos von jeweils 45 Minuten Dauer (ein neues Video pro Woche, drei Sessions wöchentlich über insgesamt 12 Wochen). Die Übungen wurden von einer erfahrenen Tai-Chi-Lehrerin angeleitet. Jede Einheit enthielt Aufwärm- und Abkühlphasen sowie eine angepasste 10-Form-Yang-Stil-Routine, die speziell für Menschen mit Kniearthrose und wenig Vorerfahrung entwickelt wurde.
Die Abfolge begann mit einfachen Bewegungen und steigerte den Schwierigkeitsgrad wöchentlich. Teilnehmende wurden ermutigt, zusätzlich die „My Exercise Messages“-App zu nutzen – eine Anwendung, die Motivation und Durchhaltevermögen bei regelmäßigem Training unterstützt. Die App sendet motivierende Nachrichten, um häufige Trainingshindernisse zu überwinden.
Darüber hinaus wurden die Teilnehmenden eingeladen, die auf der Website bereitgestellten Informationen zu Tai Chi, Arthrose, Behandlungsoptionen und den Vorteilen von Bewegung zu lesen.
Das Online-Angebot mit dem Namen My Joint Tai Chi (https://myjoint-taichi.org/) haben die Autor:innen bereits in früheren Veröffentlichungen ausführlich beschrieben.[2] Sie orientiert sich an bewährten Präsenzprogrammen für Tai Chi bei Arthrose der unteren Extremitäten.
Bemerkenswert war die hohe Teilnahme- und Bindungsrate: 96 % der Teilnehmenden beendeten die Studie, und 82 % der Tai-Chi-Gruppe hielten sich konsequent an das Übungsprogramm. Mithilfe validierter Bewertungsinstrumente – einer 11-stufigen Schmerzskala sowie dem „Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index“ zur Beurteilung der Gelenkfunktion – zeigte sich, dass die Tai-Chi-Gruppe signifikante Verbesserungen in Schmerzempfinden und Beweglichkeit erzielte. Die Intervention erwies sich zudem als sicher: Es traten keine schwerwiegenden, auf das Training zurückzuführenden Nebenwirkungen auf.
In ihrem Kommentar geben die Herausgeber von JAMA International zu bedenken, dass bei Studien dieser Art eine gewisse Verzerrung bei der Auswahl der Teilnehmenden stattfindet. Diese müssen internetaffin und motiviert sein, um eigenständig ein digitales Trainingsprogramm zu absolvieren. Dennoch seien die Ergebnisse bedeutsam – insbesondere, weil es sich um ein kostenloses, niederschwelliges und potenziell weit verbreitbares Angebot handle.[3]
Von besonderem Interesse sei die Skalierbarkeit, also die Möglichkeit, eine in kleinerem Rahmen erfolgreiche Intervention auf größere Bevölkerungsgruppen auszudehnen, ohne dass sie dabei an Wirksamkeit verliert.
Die Ergebnisse lassen sich möglicherweise nicht auf Menschen übertragen, die keinen digitalen Zugang haben oder weniger technikaffin sind. Dennoch zeigen sie klar, dass ein frei zugängliches Online-Tai-Chi-Programm vielen Patientinnen und Patienten mit Kniearthrose helfen kann, Schmerzen zu lindern und die Gelenkfunktion zu verbessern. Dies steht im Einklang mit den internationalen Leitlinien, die Bewegung ausdrücklich empfehlen.
Diese Studie ist ein ermutigendes Beispiel dafür, wie traditionelle Bewegungsformen der Chinesischen Medizin, insbesondere Tai Chi, erfolgreich mit modernen digitalen Gesundheitskonzepten kombiniert werden können. Solche Angebote haben das Potenzial, einer großen Zahl von Menschen weltweit zugutezukommen – insbesondere jenen, die bisher keinen Zugang zu qualifiziertem Tai-Chi-Unterricht hatten.
Referenz:
[1] Zhu SJ, Hinman RS, Nelligan RK, et al. Online Unsupervised Tai Chi Intervention for Knee Pain and Function in People With Knee Osteoarthritis: The RETREAT Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. Published online October 27, 2025. doi:10.1001/jamainternmed.2025.5723.
[2] Zhu SJ, Bennell KL, Hinman RS, Harrison J, Kimp AJ, Nelligan RK. Development of a 12-week unsupervised online Tai Chi program for people with hip and knee osteoarthritis: mixed methods study. JMIR Aging. 2024;7:e55322. doi:10.2196/55322 sowie Zhu SJ, Nelligan RK, Hinman RS, et al. An unsupervised online Tai Chi program for people with knee osteoarthritis (“My Joint Tai Chi”): study protocol for the RETREAT randomised controlled trial. Osteoarthr Cartil Open. 2024;6(4):100536. doi:10.1016/j.ocarto.2024.100536
[3] Choi JJ, Inouye SK, Mody L. Online Digital Health Intervention—Safe and Scalable. JAMA Intern Med. Published online October 27, 2025. doi:10.1001/jamainternmed.2025.5736
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Dr. phil. Anne Hardy betreut im erweiterten Vorstand der AGTCM den Bereich „Medizinische Wissenschaft“. Die studierte Physikerin und promovierte Medizinhistorikerin arbeitete als freie Journalistin, bevor sie zur Chinesischen Medizin fand. In ihrer Praxis in Frankfurt am Main behandelt sie vor allem gynäkologische Beschwerden und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.
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