27.06.2024
Veröffentlicht in der „Qi“ 3/2023
Die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine der häufigsten Langzeit-Nebenwirkungen nach einer Brustkrebs-Therapie. Onkologen des Dana Faber Cancer Instituts in Boston haben daher in einer randomisierten, kontrollierten Pilotstudie untersucht, ob sie Betroffenen mit Akupunktur helfen können.[1]
Studien zeigen, dass 47 Prozent der Frauen auch sechs Jahre nach Ende einer Chemotherapie noch unter peripherer Neuropathie leiden.[2] Die CIPN ist zumeist mit Parästhesien und Schmerzen verbunden, führt zu Funktionseinschränkungen und birgt eine erhöhte Sturzgefahr. Zur Behandlung der CIPN werden derzeit eine Reihe pharmakologischer Wirkstoffe eingesetzt, darunter Antidepressiva, Antikonvulsiva wie Gabapentin sowie nicht-narkotische und narkotische Analgetika. Die meisten Medikamente behandeln nur Schmerzen, aber keine Parästhesien. (Die American Society of Clinical Oncology empfiehlt in ihren Richtlinien nur Duloxetin zur Schmerzbehandlung.) Zudem haben viele Mittel Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit oder Übelkeit. Das motivierte die Autor:innen, geeignetere Therapien wie die Akupunktur zu suchen.
An der Pilot-Studie nahmen 40 Frauen teil, die nach der Brustkrebsdiagnose (Stadien I-III) eine Taxane-haltige adjuvante Chemotherapie erhalten und infolgedessen eine periphere Neuropathie vom Grad 1 oder höher entwickelt hatten. Die Frauen waren im Mittel 54 Jahre alt und hatten die Chemotherapie durchschnittlich 14 Monate vor Studienbeginn abgeschlossen. In der Interventionsgruppe erhielten die Frauen 18 Akupunkturbehandlungen über acht Wochen. Die Patienten in der Kontrollgruppe erhielten acht Wochen lang die übliche medikamentöse Behandlung, gefolgt von neun Akupunkturbehandlungen über acht Wochen.
Der primäre Endpunkt der Studie waren Veränderungen in der Selbsteinschätzung der Symptome mithilfe eines standardisierten Fragebogens (Patient Neurotoxicity Questionnaire, PNQ). Dieser Fragebogen wurde gewählt, weil er sowohl das sensorische und motorische Nervendefizit bewertet als auch die Beeinträchtigung, die dadurch im Alltag entstehen. Gefragt wird nach Symptomen wie Parästhesien (Kribbeln, Taubheit), Schmerz sowie Kältegefühl in Händen und Füßen. Veränderungen von einem Punkt auf der Bewertungsskala werden als klinisch signifikant angesehen.
Die Patientinnen füllten den Fragebogen zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Studie aus sowie vier, acht und 16 Wochen nach der Randomisierung. Nach acht Wochen Akupunkturbehandlung hatten sich bei 60 Prozent der Frauen die sensorischen PNQ-Werte um mindestens einen Punkt verbessert; 35 Prozent berichteten über eine Verbesserung um mindestens einen Punkt bei den motorischen Werten. Von den Frauen in der Kontrollgruppe mit Warteliste berichteten 30 Prozent über eine Verbesserung der sensorischen Werte und 20 Prozent über verbesserte motorische Werte.
In der Studie verwendete Akupunktur-Punkte
Woche 1:
Optional: Bafeng (M-LE-8, Ex 19) und Qiduan (auf Spitze der Zehen)
Ab Woche 2: Wie Woche 1; zusätzlich Elektroakupunktur
je nach Lokalisation der Beschwerden.
Stimulation bilateral über 30 Minuten. Frequenz variierend zwischen 2 und 10 Hertz.
Zusammen mit der Symptomlinderung zeigte sich bei den Frauen in der Akupunkturgruppe nach acht Wochen eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität in Vergleich zur Kontrollgruppe. Gegenüber der Eingangsuntersuchung hatten sich die Werte in der Akupunkturgruppe um 49.8 Prozent verbessert, in der Kontrollgruppe jedoch nur um 5,4 Prozent.
Zu Beginn der Studie berichteten Frauen in beiden Gruppen über moderate neuropathische Schmerzen. Nach acht Wochen hatte der Schmerz in der Akupunkturgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant abgenommen. Der Gebrauch von Schmerzmitteln veränderte sich nicht, was darauf schließen lässt, dass die Patientinnen ihre Schmerzen zuvor nur gelegentlich mit Analgetika bekämpften.
Die Autor:innen weisen darauf hin, dass ihre Studienergebnisse eine begrenzte Aussagefähigkeit haben. Beispielsweise können sie einen Placebo-Effekt in der Akupunkturgruppe nicht ausschließen, weil es keine Sham-Akupunkturgruppe zur Kontrolle gab (- wobei Sham-Akupunktur als Kontrolle inzwischen kontrovers diskutiert wird, weil sie ebenfalls eine physiologische Wirkung hat).
Die Studiendauer war zu kurz, um in einem Follow-up die Nachhaltigkeit der Akupunkturbehandlung zu überprüfen. Zusätzlich hatten die Patientinnen nur moderate Symptome. Ob auch schwere Neuropathien durch Akupunktur gelindert werden können, müsste in größeren Studien untersucht werden. Dann wäre es auch notwendig, Patientinnen auszuschließen, die ihre Chemotherapie gerade erst abgeschlossen haben, denn bei ihnen können die Neuropathien auch noch ohne Behandlung abklingen.
In Anbetracht der Tatsache, dass es bisher kaum effektive und nebenwirkungsfreie Therapien für leichte bis moderate Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathien gibt, empfehlen die Autor:innen, Akupunktur weiter zu erforschen.
Referenzen:
[1] Lu W, Giobbie-Hurder A, Freedman RA, Shin IH, Lin NU, Partridge AH, Rosenthal DS, Ligibel JA. Acupuncture for Chemotherapy-Induced Peripheral Neuropathy in Breast Cancer Survivors: A Randomized Controlled Pilot Trial. Oncologist. 2020 Apr;25(4):310-318. doi: 10.1634/theoncologist.2019-0489. Epub 2019 Oct 14. PMID: 32297442; PMCID: PMC7160396.
[2] Winters‐Stone KM, Horak F, Jacobs PG et al. Falls, functioning, and disability among women with persistent symptoms of chemotherapy‐induced peripheral neuropathy. J Clin Oncol 2017;35:2604–2612.
Bildnachweise:
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Heilpraktikerin
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Dr. phil. Anne Hardy betreut im erweiterten Vorstand der AGTCM den Bereich „Medizinische Wissenschaft“. Die studierte Physikerin und promovierte Medizinhistorikerin arbeitete als freie Journalistin, bevor sie zur Chinesischen Medizin fand. In ihrer Praxis in Frankfurt am Main behandelt sie vor allem gynäkologische Beschwerden und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.
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