28.05.2026
Schätzungsweise 10 Prozent der Frauen sind von „verminderter ovarieller Reserve“ (diminished ovarian reserve, DOR) betroffen. Es sind Frauen im gebärfähigen Alter, bei denen die FSH-Werte erhöht sind, das Anti-Müller-Hormon (AMH) erniedrigt ist und im Ultraschall zeigt sich eine verminderte Anzahl antraler Follikel (AFC). Damit verbunden ist eine frühe Abnahme der Fruchtbarkeit ab Mitte 30 und eine verfrühte Menopause ab etwa 45 Jahren.[1]
Die Funktion der Eierstöcke hängt eng mit der Anzahl und Qualität der Eizellen zusammen. Beides nimmt mit dem Alter ab. Herkömmlicherweise bezieht sich die ovarielle Reserve (OR) sowohl auf die Quantität als auch die Qualität der Primordialfollikel, die bereits bei der Geburt angelegt sind. Inzwischen wird die Fruchtbarkeit der Frau jedoch vor allem von der Quantität der Eizellen abgeleitet.[2]
Die genaue Pathogenese der DOR ist bislang nicht bekannt. Als mögliche Ursachen gelten genetische Veranlagung, endokrine Störungen, Stoffwechselveränderungen, Autoimmunerkrankungen, Entzündungsprozesse, Umwelteinflüsse und psychischer Stress. Frauen mit DOR und Kinderwunsch wird meist eine hormonelle ovarielle Stimulation mit anschließender IVF und Embryotransfer empfohlen. Im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen sprechen sie jedoch oft schlechter auf die Fertilitätsbehandlung an. Die klinischen Schwangerschaftsraten liegen im Allgemeinen unter 40 Prozent. Zahlreiche Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei Frauen mit DOR weniger gesunde, also euploide Blastozysten entstehen. Entsprechend fallen Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten geringer aus.
Akupunktur hat in den letzten Jahren in der Fertilitätsmedizin weltweit zunehmend Aufmerksamkeit erlangt. Sie hat das Potenzial, IVF-Ergebnisse zu verbessern: Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass Akupunktur die Hypothalamus-Hypophysen-Ovarial-Achse regulieren, oxidativen Stress und Entzündungsreaktionen in den Eierstöcken verringern[3] und der Follikeldegeneration entgegenwirken kann.[4]
Beim Menschen ist die Studienlage bislang unbefriedigend. Eine kürzlich veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit, konnte lediglich 13 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit sehr unterschiedlicher Qualität einschließen. Das Ergebnis war, dass Akupunktur bei DOR möglicherweise die Sexualhormonspiegel verbessern und die Zahl heranreifender antraler Follikel erhöhen kann.[5] Eine Forschergruppe um Xiaoyan Wang in Beijing untersuchte daher in einer aktuellen Studie erneut die Wirksamkeit und Sicherheit von Akupunktur bei der Behandlung von DOR.[6]
120 Patientinnen mit DOR im Alter zwischen 18 und 40 Jahren wurden nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen verteilt. Alle erhielten über drei Monate hinweg dreimal pro Woche eine 20-minütige Akupunkturbehandlung. Dabei wurde abwechselnd am Bauch und am Rücken akupunktiert. Sowohl in der Akupunktur- als auch in der Schein-Akupunktur-Gruppe, die als Kontrollgruppe diente, wurden dieselben Punkte genadelt (siehe Infokasten). In der Verumgruppe wurde Deqi ausgelöst und bei der Rückenakupunktur zusätzlich Elektroakupunktur angewendet. In der Kontrollgruppe erfolgte die Nadelung nur oberflächlich; die Elektroakupunktur wurde mit sehr geringer Stromstärke (< 5 mA) durchgeführt.
Akupunkturprotokoll bei DOR
Das Akupunkturprotokoll beruht auf der langjährigen klinischen Erfahrung der Autor:innen und zielt darauf ab, die Niere zu tonisieren, Chong- und Ren-Mai zu regulieren und den Shen zu beruhigen. Dabei wurden vor allem Punkte im Bauch- und Lendenbereich gewählt, die in denselben Nervenabschnitten liegen wie die Ovarien – insbesondere durch die tiefe Nadelung von Bl 23/Bl 33 zur Stimulation der sakralen Nerven. Die Patientinnen wurden abwechselnd in Bauch- und in Rückenlage behandelt.
In Rückenlage: Du 20 (Baihui), Du 24 (Shenting), Gb 13 (Benshen), Ren 12 (Zhongwan), Ma 25 (Tianshu), Ren 4 (Guanyuan), Ni 12 (Dahe), EX-CA1 (Zigong), Mi 6 (Sanyinjiao) und Le 3 (Taichong).
In Bauchlage: Bl 23 (Shenshu), Bl 33 (Zhongliao) (Nadelung durch das 3. Sakralforamen, 50 bis 60 mm tief) und Ni 3 (Taixi) in Richtung Ni 1. Bl 23 und Bl 33: ipsilaterale Elektroakupunktur.
Der primäre Endpunkt war die Zahl der antralen Follikel nach drei Monaten und einem halben Jahr im Vergleich zum Behandlungsbeginn. Die Zählung erfolgte an Zyklustag zwei bis fünf mittels Ultraschalls durch dieselbe Person. Sekundäre Endpunkte waren die Serumwerte von AMH, FSH und Estradiol (E2) sowie die Selbsteinschätzung der Patientinnen zu Angstbeschwerden mithilfe der Zung Self-Rating Anxiety Scale (SAS). Diese Werte wurden in einem Follow-up drei Monate nach Studienende erneut erhoben.
In der Akupunkturgruppe betrug die Zahl der antralen Follikel zu Beginn im Median 4,00 (3,00–5,00), nach drei Monaten 6,00 (4,00–8,00) und beim Follow-up 5,00 (4,00–7,75). Auch in der Schein-Akupunktur-Gruppe stieg die Zahl der antralen Follikel: von 3,00 (2,00–4,00) auf 4,00 (2,75–5,25) und blieb beim Follow-up bei 4,00 (3,00–6,00). Der Anstieg war in der Verumgruppe zwar stärker, die Langzeitwirkung war in beiden Gruppen jedoch vergleichbar. An dieser Stelle wäre zu bemerken, dass eine oberflächliche Nadelung, wie sie auch in der japanischen Akupunktur üblich ist, durchaus eine Wirkung hat. Insofern ist es wenig überraschend, dass auch in der sogenannten Schein-Akupunktur-Gruppe Verbesserungen eintraten.
Ebenso nahm in beiden Gruppen der AMH-Wert zu, während FSH im Verlauf bis zum Follow-up abnahm. Estradiol veränderte sich nicht signifikant. Gleiches gilt für das Luteinisierende Hormon (LH), wobei LH in der Kontrollgruppe zwischen Woche 12 und 24 anstieg. In beiden Gruppen gingen die Angstsymptome bis Woche 12 zurück. Interessanterweise nahm die Angst in der Kontrollgruppe bis zum Follow-up weiter ab, während sie in der Interventionsgruppe wieder leicht anstieg.
In ihrer Diskussion weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass es für die ovarielle Reserve keine ideale Einzelmessgröße gibt. AMH und die Zahl der antralen Follikel gelten als gute Marker für die Eizellreserve, während FSH stärkeren Schwankungen unterliegt.
Die beobachtete Zunahme der antralen Follikel unter Akupunktur stimmt mit den Ergebnissen früherer Studien überein. Ob der Unterschied klinisch bedeutsam ist, bleibt jedoch unklar, da keine festgelegte Minimal Clinically Important Difference (MCID) existiert.
Ein eindeutiger Beleg dafür, dass Akupunktur den AMH-Wert steigern kann, liegt bislang nicht vor. Dennoch deuten Studien darauf hin, dass sie FSH leicht senken kann, was auf eine positive Wirkung auf die ovarielle Funktion hindeuten könnte.
Akupunktur kann die Follikelzahl (AFC) bei Frauen mit DOR leicht erhöhen und zeigt potenziell günstige Effekte auf die hormonelle Situation. Auch wenn weitere Forschung erforderlich ist, sprechen die Ergebnisse für einen unterstützenden Einsatz der Akupunktur bei Frauen mit eingeschränkter ovarieller Reserve.
Referenz:
[1] Pastore LM, Christianson MS, Stelling J, Kearns WG, Segars JH. Reproductive ovarian testing and the alphabet soup of diagnoses: DOR, POI, POF, POR, and FOR. J Assist Reprod Genet. 2018;35(1):17–23. doi:10.1007/s10815-017-1058-4.
[2] Penzias A, Azziz R, Bendikson K; Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Testing and interpreting measures of ovarian reserve: a committee opinion. Fertil Steril. 2020;114(6):1151–1157. doi:10.1016/j.fertnstert.2020.09.134.'
[3] Li D, Bai P, Wu JY, et al. Effect of acupuncture on ovary morphology and function in DHEA-induced polycystic ovary syndrome model rats. Chin J Integr Med. 2021;27(3):220–224. doi:10.1007/s11655-021-3290-0.
[4] Ren J, Chang BY, Cui MJ, Gao Z, Cao YX, Wang HJ. Effect of penetrative needling of “Zhibian” (BL54) through “Shuidao” (ST28) on expression of internal and external apoptosis-related factors in ovarian of mice with poor ovarian response. Zhen Ci Yan Jiu. 2025;50(2):123–130. doi:10.13702/j.1000-0607.20231108.
[5] Lin G, Liu X, Cong C, Chen S, Xu L. Clinical efficacy of acupuncture for diminished ovarian reserve: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Front Endocrinol. 2023;14:1136121. doi:10.3389/fendo.2023.1136121.
[6] Wang X, Du P, Yang L, Li J, Hang T, Qi L, Su C, Liu X, Li W, Zhu Y, Lu G, Xu H, Fang Y. Effect of Acupuncture for Diminished Ovarian Reserve: A Randomized Sham-Controlled Trial. Int J Womens Health. 2026;18:580821
https://doi.org/10.2147/IJWH.S580821.
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Dr. phil. Anne Hardy betreut im erweiterten Vorstand der AGTCM den Bereich „Medizinische Wissenschaft“. Die studierte Physikerin und promovierte Medizinhistorikerin arbeitete als freie Journalistin, bevor sie zur Chinesischen Medizin fand. In ihrer Praxis in Frankfurt am Main behandelt sie vor allem gynäkologische Beschwerden und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.
Die Schwangerschaftsraten bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) sind höher, wenn die begleitende Akupunktur hauptsächlich in der Zeit vor sowie am Tag des Embryotransfers stattfindet. Außerdem sollte für die Akupunktur am Tag des Embryonentransfers ein modifiziertes Paulus-Protokoll verwendet werden. – Zwei neuere Meta-Analysen zu diesem Thema werden im folgenden Artikel zusammengefasst.
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