15.07.2026
Die Stimulation von Akupunktur-Punkten lindert Fatigue bei Krebs signifikant. Das gilt sowohl für die professionelle Behandlung mit Nadeln als auch für die Selbstbehandlung mit Akupressur. Zu diesem Schluss kommt eine Metaanalyse von 28 randomisierten kontrollierten Studien.
Fatigue ist ein weit verbreitetes und belastendes Symptom bei Krebserkrankungen. Sie beeinträchtigt die Lebensqualität der Patient:innen während der Behandlung und in der Nachsorgephase erheblich. Zwischen 60 und 100 Prozent der Erkrankten sind betroffen. Trotz des wachsenden Interesses an nicht-medikamentösen Interventionen gibt es nach wie vor nur wenige vergleichende Studien zur Wirksamkeit von Akupunktur-Therapien.
Ein Forscherteam aus Shanghai und Sri Lanka hat nun 28 Studien mit insgesamt 2370 Teilnehmenden ausgewertet. Zur Behandlung von Fatigue wurden folgenden Methoden verglichen: Akupunktur, Moxibustion, Elektroakupunktur und zwei Varianten der Akupressur: mit Massageöl (Öl-Akupressur) oder mit Fokus auf entspannende Punkte (relaxing acupressure)[1].
Beim Ranking der verschiedenen Methoden mit der SUCRA-Methode[2] erreichten Öl-Akupressur, relaxing acupressure und Akupunktur die höchsten Bewertungen. Sie lagen bei rund 73 Prozent (eine Bewertung von 100 Prozent bedeutet, dass es sich um die wahrscheinlich beste Methode handelt). Dabei machte es keinen nennenswerten Unterschied, ob die Punkte von einem Akupunkteur/einer Akupunkteurin oder durch Selbstmassage stimuliert wurden. Allerdings war die professionelle Akupunktur effektiver, d.h. die Wirkung trat nach weniger Behandlungen ein. Sie war unabhängig von der behandelten Krebsart – hauptsächlich Brust- und Lungenkrebs – und dem Stadium der Erkrankung.
Die in die Netzwerk-Metaanalyse eingeschlossenen Studien hatten Kontrollgruppen, in denen die Patient:innen entweder Regelversorgung erhielten oder Schein-Akupunktur. Die Zahl der Teilnehmenden pro Studie reichte von kleinen Kohorten (12 Patient:innen) bis zu großen (288). Bewertet wurde die Behandlung mithilfe standardisierter Fragebögen wie den „Brief Fatigue Inventory“ (BFI) und den „Functional Assessment of Chronic Illness Therapy-Fatigue“ (FACIT-F). Bei allen drei Behandlungs-Methoden zeigte sich eine signifikante Reduktion der Fatigue.
Die Dauer und Häufigkeit der Interventionen waren unterschiedlich. Professionelle Akupunktur wurde zwei- bis fünfmal wöchentlich über vier bis 10 Wochen gegeben. Akupressur, meist in Eigenbehandlung, dauerte eine bis 10 Minuten und wurde zwei- bis dreimal täglich über vier bis sechs Wochen angewendet.
Häufig verwendete Akupunktur-Punkte waren Ma 36, Mi 6, Ren 4 und Ren 6. Die Akupunktur bzw. Akupressur linderte nicht nur Fatigue, sondern auch Schmerzen und das Gesamtbild der Beschwerden.
Die Autor:innen schließen daraus, dass Therapien zur Stimulation von Akupunkturpunkten, insbesondere Akupressur und Akupunktur, Fatigue bei Krebs wirksam lindern. Sie eignen sich für die Integration in die routinemäßige Krebsversorgung. Selbstbehandlung mit Akupressur bietet darüber hinaus eine praktische und kostengünstige Alternative, insbesondere in ressourcenarmen Konstellationen. Nun seien eine Standardisierung der Protokolle sowie Langzeitstudien erforderlich, um die klinische Umsetzung zu fördern.
Eine kürzlich veröffentlichte amerikanische Studie untersuchte die Wirksamkeit von Selbstakupressur bei Patientinnen mit Eierstock-Krebs[3]. Die Teilnehmerinnen erhielten die App „MeTime Acupressure“ (sie ist in App Stores kostenlos erhältlich) und ein dazu gehöriges Akupressurgerät, mit dem sie täglich fünf Punkte jeweils drei Minuten behandeln sollten. Die eine Gruppe drückte an den Punkten Yin Tang, Anmian, Herz 7, Milz-Pankreas 6 und Leber 3, die zweite Gruppe drückte Schein-Akupunktur-Punkte und die dritte erhielt Regelversorgung.
Evaluiert wurde die Fatigue auch in dieser Studie mit dem Brief Fatigue Inventory. Interessanterweise gab es sowohl in der Akupressur- als auch in der Scheinakupressur-Gruppe eine signifikante Verbesserung der Fatigue gegenüber der Gruppe, die nur Regelversorgung erhalten hatte. Allerdings war die Lebensqualität nach sechs Wochen in der Akupressurgruppe höher (57,5 Prozent gegenüber 37,8 Prozent bei Scheinakupressur und 30 Prozent bei Regelversorgung.)
Der Grund dafür, dass auch die Akupressur von Schein-Punkten eine Wirkung hatte, könnte sein, dass diese in derselben Körperregion lagen wie die echten Punkte. Auch den Placebo-Effekt ziehen die Autor:innen als mögliche Ursache in Betracht. In zukünftigen Studien sollte der Wirkmechanismus genauer untersucht werden.
Referenz:
[1] Chou HC, Konara Mudiyanselage SP, Tang CC, Chen SC, Fang SY, Lin MF. Comparative Effectiveness of Acupoint Stimulation Therapies for Cancer-Related Fatigue: A Network Meta-Analysis. Worldviews Evid Based Nurs. 2026 Feb;23(1):e70104. doi: 10.1111/wvn.70104. PMID: 41618084.
[2] SUCRA steht für “Surface Under the Cumulative Ranking Curve”. Diese Methode wird angewendet, wenn es in einer Netzwerkananlyse viele Vergleichsarme gibt und man eine Übersicht über die wahrscheinlich besten Optionen braucht. Je näher der Wert an 100% liegt, desto eher gehört die Therapie zu den besten Optionen. Wichtig: SUCRA beantwortet die Frage: „Wie weit oben liegt eine Therapie im gesamten Ranking?“ Nicht: „Wie stark wirkt die Therapie absolut?“
[3] Zick SM, Chen D, Harris RE, Kruger G, Runyon A, Sen A, Snyder S, Pearce CL. Self-Acupressure for Fatigue in Patients Surviving Ovarian Cancer: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2026 Feb 2;9(2):e2556357. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.56357. PMID: 41642626; PMCID: PMC12878437.
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