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Therapie des Bi-Syndroms

BiZheng 痹正 durch die Strategie der beiden Himmel / ErTianShu 二 天 術

Die Übersetzung des chinesischen Begriffes „BiZheng/痹正“ bedeutet etwa „Behinderung des aufrechten Qi“. Abgesehen von der Schwierigkeit einer korrekten Übersetzung meint der Begriff eine Behinderung des Energieflusses, entweder einer Stase von Qi oder einer Stagnation von Blut. Beides führt zu Schmerzen, welche sich häufig im Zusammenhang mit rheumatischen Erkrankungen im weitesten Sinn manifestieren. 

Unter dem Blickwinkel der chinesischen Pathophysiologie handelt es sich um das Eindringen von pathogenen Faktoren – Wind, Kälte, Feuchtigkeit, Hitze – welche entsprechend dem 6-Schichten-Modell des ShangHanLun bei einer Dysbalance zwischen WeiQi und YingQi über die TaiYang-Schicht eindringen und die Strategie verfolgen, immer tiefer zu wandern, die Meridiane zu verlegen (chronisches Obstruktionssyndrom, Bi-Syndrom) und die Integrität des Organismus zu zerstören. 

Schon zu Beginn und auch im weiteren Verlauf der Erkrankung sind Symptome nur möglich, wenn eine Dysbalance zwischen YingQi und WeiQi, zwischen Yin und Yang, zwischen Außen und Innen, zwischen kaiserlichem und ministeriellem Feuer besteht. 

Gerät letzteres außer Kontrolle, kommt es zu einer zunehmenden Schwäche des WeiQi, welches seinen Kampf gegen den Eindringling nun im Inneren führt, außer Kontrolle gerät und körpereigene Strukturen angreift. Damit ist ein Vorgang initiiert, welcher in westlicher Terminologie als Autoimmunität bezeichnet wird. Somit ist die Brücke geschlagen zu einer Vielzahl von rheumatisch-autoimmunologischen Erkrankungen bzw. zum Bi-Syndrom. Die Symptomatik wird dann in der westlichen Medizin diagnostiziert als rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes, Sarkoidose, axiale Spondylitis, Dermatomyositis, Fibromyalgiesyndrom, Fatigue Syndrom, oder unter anderer Diagnose. 

Neben dem klinischen Krankheitsbild versucht die westliche Medizin eine Klassifizierung anhand von diversen Laborparametern. Diese Rheumafaktoren sollen hier nicht näher genannt werden. Auffallend ist jedoch oft das Fehlen solcher Laborwerte, was dann zur Diagnose einer „seronegativen“ rheumatischen Erkrankung führt. Meine Beobachtungen deuten darauf hin, dass diese seronegativen rheumatischen Erkrankungen massiv im Zunehmen begriffen, mit psychoemotionalen Symptomen belastet und therapieresistent sind gegenüber einer westlichen Medikation mit DMARD und Biologika sind. 

Sowohl die Lokalisation der Erkrankung (Knochen, Bindegewebe, Gelenke, Sehnen, Muskulatur) als auch die psychoemotionale Symptomatik zeigen uns den Weg zu einer vorherrschenden Beeinträchtigung der Zang/Yin-Organe. Diese müssen nicht nur gestärkt, sondern darüber hinaus in ihrer Beziehung untereinander und zu den Fu/Yang-Organen balanciert werden, sei es durch Akupunktur, Kräutermedizin, Moxa, Schröpfen und/oder einer anderen therapeutischen Strategie. 

Hier eröffnet sich durch die unterschiedlichen Strategien der Balance-Akupunktur ein Vorgehen mit hoher therapeutischer Effizienz. Hervorheben möchte ich die auf Richard Tan zurückgehenden Strategien der Hexagrammkonversion zwischen Meridianhexagrammen, der Hexagrammkonversion nach den Elementen, nach den Jahreszeiten, sowie die Strategie der 12 magischen Punkte. 

Die eingehende Beschäftigung mit diesen Strategien in Theorie und Praxis hat mich zu einem intensiven Studium des YiJing (Buch der Wandlungen), seiner 64 Hexagramme und seiner im Begriff der „Flügel“ zusammengefassten Kommentare geführt. Die sich dabei für mich ergebende Fragestellung bezieht sich in erster Linie auf die Möglichkeit, den Bedeutungsgehalt eines Hexagrammes mittels Akupunktur einem von Krankheitssymptomen betroffenen Menschen übermitteln zu können. In Weiterführung der von Richard Tan gelehrten Techniken der Balanceakupunktur einerseits und dem Studium des YiJing andererseits lässt sich eine hocheffektive Strategie ableiten, welche sich zur Therapie von komplizierten Erkrankungen – Bi-Syndrome, Autoimmunerkrankungen, postinfektiöse Erschöpfungssyndrome, Fatigue Syndrom, ME/CFS, Tumorerkrankungen, Unterstützung bei Chemotherapie, und anderen – in hervorragender Weise eignet. 

Bei vielen dieser Erkrankungen steht nicht so sehr die spektakuläre Heilung mit wenigen Nadeln und in wenigen Sitzungen im Vordergrund, als vielmehr das Erreichen eines Zustandes, welcher dem betroffenen Individuum ein Maximum an Lebensqualität ermöglicht. Diese im Folgenden zur Diskussion gestellte Strategie bezeichne ich als „ErTianShu 二 天 術“, die „Strategie der beiden Himmel“.

„ErTianShu 二 天 術“, die „Strategie der beiden Himmel“.

Ausgangspunkt meiner Überlegungen sind die beiden kreisförmigen Anordnungen der 8 Trigramme (BaGua), der BaGua-Kreis vom Frühen Himmel nach FuXi (vorweltliche Ordnung), sowie der BaGua-Kreis vom späten Himmel nach WenWang (innerweltliche Ordnung). Die Bedeutung und Erklärung beider BaGua-Kreise findet sich im YiJing, Besprechung der Zeichen, ShuoGua 说卦, Flügel 8[1].

Hier soll nur das allerwichtigste Erwähnung finden. Ins Detail gehende Erklärungen sind in diesem Artikel wegen der gebotenen Kürze nicht möglich und finden sich in der zur Verfügung stehenden reichhaltigen Literatur zum Thema[2].

Der tiefere Sinn des BaGua-Kreises vom Frühen Himmel nach FuXi, Abb. 1, liegt in der Beschreibung von allgemeingültigen Weltgesetzen, die als gegeben gelten und vom Menschen unabhängig sind, ihn aber beeinflussen.

Abb. 1, BaGua-Kreises vom Frühen Himmel nach FuXi (vorweltliche Ordnung)

Im Gegensatz dazu handelt es sich beim BaGua-Kreis vom Späten Himmel nach WenWang, Abb. 2, um einen zyklischen Prozess, in welchen der Mensch zu jeder Zeit involviert ist, in Form der Zyklen des Tages, des Jahres und auch des Lebens. Hier findet sich auch ein Bezug zu Himmelsrichtungen und Jahreszeiten, so dass sich das Bild eines Zeit-Raum-Kontinuums ergibt, innerhalb dessen sich das Leben des Menschen ereignet.

Abb. 2, BaGua-Kreis vom Späten Himmel nach WenWang (innerweltliche Ordnung)

Wenn wir nun beide Zyklen entsprechend Abb. 3 übereinanderlegen – innen den FuXi-BaGua-Kreis, außen den WenWang-BaGua-Kreis – so lassen sich alle Ereignisse im Leben eines Menschen einem bestimmten Trigramm am WenWang-BaGua-Kreis zuordnen. Wobei aber immer auch gleichzeitig eine Beeinflussung durch die am inneren Kreis – dem BaGua-Kreis nach FuXi – dargestellten unabänderlichen Naturgesetze erfolgt. Auch Symptome einer Erkrankung treten zu einem bestimmten durch Raum und Zeit definierten Ereigniszeitpunkt im WenWang-BaGua-Kreis, also im Hier und Jetzt auf, werden aber beeinflusst durch die Gegebenheiten – Naturgesetze – des inneren Kreises nach FuXi. Die Identifizierung dieses Ereigniszeitpunktes – und somit das Stellen der Diagnose – erfolgt an den Trigrammen des WenWang-BaGua-Kreises, wobei die Verdoppelung eines Trigramms immer das Hexagramm eines Meridians darstellt. Wie immer in der Balance-Akupunktur erfolgt die Diagnosestellung also auch hier anhand eines betroffenen Meridians oder Funktionskreises oder Organes.

Abb. 3, Kombination der vorweltlichen und der innerweltlichen Ordnung

Ausgehend von der Diagnose hat die Therapie zu erfolgen, nach den Kriterien einer Globalen Balance. Hier wird ein Ausgangshexagramm (Diagnosehexagramm) in ein Zielhexagramm (Therapiehexagramm) konvertiert, wobei auf die Technik der Hexagrammkonversion hier nicht näher eingegangen werden kann. Das Therapiehexagramm ergibt sich aus der Kombination der beiden übereinandergestellten Trigramme der beiden BaGua-Kreise.

Das Ausgangshexagramm ist immer das Hexagramm des therapiebedürftigen Meridians, welcher der Diagnose entspricht. Um eine globale Balance zu erreichen, müssen zusätzlich zu dem der Diagnose entsprechenden Meridianhexagramm immer noch 3 weitere Meridianhexagramme gewählt werden, welche zusammen mit dem Ausgangshexagramm einem der in Abb. 4 dargestellten Muster entsprechen. Es wird dasjenige Muster gewählt, welches – unter Berücksichtigung der Gesamtsituation des Patienten – diesem optimal entspricht.

Abb. 4, die 12 Muster der globalen Balance

Ein Beispiel aus der Praxis

Im Folgenden soll das Vorgehen anhand eines typischen Beispiels aus der Praxis erläutert werden, s. Abb. 5.

Symptome: wandernde Schmerzen an Gelenken, Muskeln und Sehnen, psychoemotionale Dysbalance, Depression, Ein- und Durchschlafstörung. Westliche Diagnose „Polymyalgische Arthropathie auf autoimmunologischer Basis“. Die TCM-Diagnose lautet „Bi-Syndrom“. Die Akupunkturdiagnose wird immer in Form einer für Akupunktur tauglichen Diagnose gestellt und lautet in diesem Fall „Leber“. Das Ausgangshexagramm (Diagnosehexagramm) ist somit das Hexagramm der Leber. 

Das Zielhexagramm (Therapiehexagramm) 46, Sheng, das Empordringen ergibt sich dadurch, dass – in der Kombination der beiden BaGua-Kreise – dem Trigramm der innerweltlichen Ordnung ein Trigramm der vorweltlichen Ordnung entspricht. Dadurch entspricht das Zielhexagramm beiden Ordnungen.

Die Nadelung erfolgt an den Meridianen eines Musters, in welchem der Le-Meridian vertreten ist. Es kommen 4 unterschiedliche Muster in Frage. Die Wahl fällt auf das Huo/Mu-Muster (Feuer/Holz-Muster). Dieses enthält beide Meridiane des bei Bi-Syndrom im Vordergrund stehenden Holz-Elementes (Le, Gb) sowie beide Meridiane des Feuer-Elementes, wobei besonders dem He-Meridian Symptome wie Depression und Schlafstörung zuzuordnen sind. Diese Nadelung an den Meridianen des Huo/Mu-Musters (Feuer/Holz-Muster, Achse des Feuers) erfüllt alle Bedingungen einer globalen Balance. An den Holz-Meridianen von Le und Gb, sowie an den Feuer-Meridianen von He und Dü ergeben sich insgesamt 12 Punkte. Somit erfolgt eine Balance zwischen den Yin-Meridianen von Le und He, zwischen den Yang-Meridianen von Gb und Dü, sowie zwischen den beteiligten Yin- und Yang-Meridianen. 

Abb. 5, ErTianShu bei Bi-Syndrom, Diagnosehexagramm Le, Therapiehexagramm 46, Sheng, das Emporsteigen

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis mit führendem Symptom Rückenschmerz und der westlichen Diagnose M. Bechterew oder Axiale Spondylarthritis, Abb. 6. Diagnosehexagramm ist das Hexagramm der Blase, als Therapiehexagramm ergibt sich das Hexagramm 33, Dun, der Rückzug. Die Nadelung erfolgt an einem der 12 Muster, welches den Bl-Meridian als Konstituenten aufweist. Da bei Problemen der Wirbelsäule immer der Bl-Meridian und der Ni-Meridian beteiligt sind, wird das ShaoYin-TaiYang-Muster (Bl, Dü, He, Ni) gewählt. 

Abb. 6, ErTianShu bei Wirbelsäulenerkrankungen, Diagnosehexagramm Bl, Therapiehexagramm 33, Dun, der Rückzug

Es erfolgt eine Balance zwischen den Yin-Meridianen von He und Ni, zwischen den Yang-Meridianen von Dü und Bl, sowie zwischen den beteiligten Yin- und Yang-Meridianen.

Referenz:
[1] Ich beziehe mich auf die Übersetzung des YiJing nach Richard Wilhelm
[2] Unter anderem auch Hickelsberger J. (2023) Das Dao der 64 Zeichen. Eigenverlag

Bildnachweis: 
Dr. Johannes Hickelsberger

Dr. Johannes Hickelsberger

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