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Das NADA-Protokoll in der Suchtbehandlung und als Unterstützung bei der Rauchentwöhnung

Sieglinde Wilz, Berlin

Die Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll ist ein einfaches, standardisiertes Behandlungsprotokoll, das in den 1970er Jahren von Mitarbeiter:innen der Drogenambulanz im Lincoln Hospital in der Bronx in New York ursprünglich zur Behandlung von Suchtmittelabhängigkeit entwickelt wurde. Aufgrund der stoffunspezifischen Wirkung konnte die zunächst als 5-Punkte-Programm bezeichnete Behandlung allgemein zum Drogenentzug eingesetzt werden, um die Entgiftung zu unterstützen und Entzugssymptome sowie den Suchtdruck zu lindern. Wegen ihrer stabilisierenden Wirkung wurde sie auch zur Rückfallprophylaxe genutzt. Über drei Jahrzehnte wurden dort täglich bis zu 250 Akupunkturbehandlungen durchgeführt.

1984 wurde die National Acupuncture Detoxification Association (NADA) als gemeinnützige Organisation gegründet, um das Konzept des akupunkturgestützten Suchtmittelentzugs zu verbreiten und eine Ausbildung in der Methode zu ermöglichen. Das 5-Punkte-Programm wurde zum NADA-Protokoll.

Seit den 1990er Jahren hat sich die NADA-Behandlung als komplementäre Therapie auch im deutschen Drogenhilfesystem ambulant wie stationär gut etabliert. Viele Entzugsstationen in psychiatrischen Kliniken haben die NADA-Akupunktur fest in den Therapieplan mit aufgenommen und bieten sie zum Teil täglich für ihre Patient:innen an. Aber auch in Tageskliniken und ambulanten Suchtberatungsstellen gibt es NADA-Angebote für die Klient:innen. Das Besondere an der Akupunktur nach dem NADA-Protokoll ist der standardisierte Behandlungsablauf.

Das Setting

Die Behandlung findet üblicherweise in der Gruppe statt, was den Vorteil hat, dass man in kurzer Zeit viele Menschen damit behandeln kann. Dabei werden allen die gleichen 5 Punkte beidseitig im Ohr gestochen. Die Nadeln verbleiben ca. 30 - 45 min und werden am Ende von den Patient:innen selbst gezogen. Bei Bedarf kann die Behandlung aber auch im Einzelsetting erfolgen. Die Punkte werden unabhängig von der Erkrankung oder den Symptomen der Patient:innen eingesetzt. Wichtig ist auch die Regelmäßig- und Gleichförmigkeit des Behandlungs-Ablaufs. Das gibt aus dem Gleichgewicht geratenen Patient:innen Struktur und Sicherheit. Das Behandlungssetting selbst ist nicht-konfrontativ, niedrigschwellig und nonverbal, sollte aber eingebettet sein in andere Formen der Therapie oder psychosozialen Beratung und Betreuung.

Nonverbal bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine verbale Interaktion weder vor (z.B. in Form einer Anamnese oder Diagnosestellung) noch während der Behandlung zwingend erforderlich ist, da die Ohrpunkte symptomunspezifisch eingesetzt werden und keine medizinischen Kontraindikationen bekannt sind. So kann die NADA-Akupunktur auch sehr niedrigschwellig und als sogenannte First-Step-Intervention eingesetzt werden, z.B. bei Krisen oder Sprachbarrieren.

Wirkung der NADA-Akupunktur

Die NADA-Ohrakupunktur wirkt unmittelbar regulierend auf das vegetative Nervensystem und damit auf eine Vielzahl von lebenswichtigen Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Dies lindert u.a. Entzugssymptome und trägt zur Minderung des Suchtdrucks bei. Die Wirkung ist unabhängig davon, welches Suchtmittel konsumiert wurde. Gute Erfahrung mit dem akupunkturgestützten Entzug gibt es bei den verschiedensten Suchtmitteln, wie z.B. Opiaten, Kokain, Crack, Amphetaminen, Cannabis, Alkohol, Nikotin...

Die Akupunktur heilt nicht die Sucht, aber die Behandlung wirkt stabilisierend auf den gesamten Organismus, auch auf seelischer Ebene.

Anwendung

Aufgrund ihrer allgemein ausgleichenden und regulierenden Wirkung wird NADA seit Beginn der Zweitausender Jahre nicht mehr nur zur Behandlung von Suchterkrankungen, sondern auch bei einer Vielzahl von anderen Beschwerden und psychischen Störungen adjuvant eingesetzt, z. B. bei

  • Innerer Unruhe und Schlafproblemen
  • Stress und Burnout
  • Psychischen Erkrankungen (z.B. Depression, Ängste, Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung...)
  • Chronischen Schmerzen

NADA ist eine gute Basisbehandlung, die sich mit allen anderen Therapien, die bei diesen Patient:innen zum Einsatz kommen, gut kombinieren lässt. Bundesweit bieten inzwischen mehr als 150 Kliniken die NADA-Akupunktur auf den verschiedensten psychiatrischen Stationen an.

Die Häufigkeit der Behandlung richtet sich nach der Intensität der Symptome. Je akuter die Symptome sind, desto öfter kann akupunktiert werden. Im akuten Entzug oder bei anderen akuten Beschwerden kann täglich akupunktiert werden. Zur Stabilisierung kann die Akupunktur ein- bis mehrmals pro Woche durchgeführt werden.

Die 5 Punkte des NADA-Protokolls

Abb. 1 Die 5 Punkte im rechten Ohr

Abb. 2 Die 5 Punkte im linken Ohr

Die Punktauswahl

Die Auswahl der Punkte wurde nach den Kriterien der Chinesischen Medizin getroffen. Jeder Punkt wurde einer der fünf Wandlungsphasen zugeordnet. Die Wirkung der Punkte leitete man aus der Organlehre (Zang Fu-Theorie) ab.

Mit Niere, Leber und Lunge wurden bewusst Yin-Organ-Punkte gewählt, die zusammen mit der langen Verweildauer der Nadeln dazu beitragen sollten, ein gestörtes Yin-Yang-Gleichgewicht wieder in Balance zu bringen. Heute wissen wir, dass diese drei Punkte alle im Innervationsgebiet des Nervus vagus liegen. Es ist übrigens die einzige Stelle im Körper, an dem die Nervenenden des Nervus vagus an die Oberfläche treten und durch Akupunktur direkt stimuliert werden können. Eine Stimulation des Vagusnervs, des größten Nervs des Parasympathikus, trägt dazu bei, ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus und damit auch zwischen Yin und Yang wieder herzustellen.

Die Wirkung der einzelnen Punkte

Alle Punkte zusammen wirken körperlich und seelisch ausgleichend und stabilisierend bei ganz unterschiedlichen Zuständen und Beschwerden. Oft entsteht ein meditationsähnlicher Zustand, Patient:innen kommen zur Ruhe und nehmen sich bewusster wahr. Es handelt sich bei NADA um eine Regulationstherapie, die die Selbstheilungskräfte anregt.

Beobachtete Wirkung

Die meisten Patient:innen profitieren von NADA, indem sie sich entspannter und ruhiger, aber gleichzeitig auch wacher und klarer fühlen. Viele können besser schlafen und haben weniger Beschwerden. Darüber hinaus fühlen sie sich meist körperlich und seelisch stabiler, können mit der täglichen Belastung, Stress und Ängsten besser umgehen. Die Stimmung bessert sich. Innere Prozesse werden angestoßen, was auch eine Verhaltensänderung bewirken kann.

NADA in der Akupunkturpraxis

In der Regel werden wir in unseren Praxen keine Opiat-, Medikamenten- oder Alkoholentzüge begleiten, denn diese müssen qualifiziert unter ärztlicher Aufsicht – häufig auch stationär – erfolgen! Wir können aber Patient:innen unterstützen, nach dem Entzug weiterhin „clean“ zu bleiben, indem wir die NADA-Akupunktur als gute Rückfallprophylaxe einsetzen. Auch hier ist es wichtig, dass Suchtkranke darüber hinaus auch noch andere therapeutische oder psychosoziale Betreuungsangebote in Anspruch nehmen, um den Therapieerfolg langfristig zu sichern. Studien ergaben, dass NADA im Suchtbereich dann am wirkungsvollsten ist, wenn sie mit anderen therapeutischen Angeboten zusammen zum Einsatz kommt[1][2]. Auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen trägt zu einem nachhaltigen Therapieerfolg bei.

NADA zur Rauchentwöhnung

Was wir in unseren Praxen mit der NADA-Akupunktur ebenfalls gut begleiten können, ist eine Rauchentwöhnung. Sie hilft vielen Patient:innen, die ersten schwierigen Tage erstaunlich gut durchzustehen, da das Verlangen nach Zigaretten deutlich gemildert ist und sie sich ausgeglichener fühlen. Erfahrungsgemäß findet eine Suchtverlagerung hin zum Essen kaum statt. Was die Akupunktur allerdings nicht leisten kann, ist, den Patient:innen den Willen, mit dem Rauchen aufzuhören, „einzuakupunktieren“. Das wünschen sich viele, es ist aber leider nicht machbar. Wir können sie bei der Rauchentwöhnung nur dann erfolgreich unterstützen, wenn sie den Entschluss gefasst haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Solange das noch nicht geschehen ist, können wir sie mit Akupunktur stärken, um an diesen Punkt zu kommen, aber das ist dann noch nicht die eigentliche „Rauchentwöhnung“. Diese beginnt erst, nachdem Patient:innen ihre letzte Zigarette bewusst geraucht haben.

Wir bieten dann die NADA-Akupunktur mehrmals pro Woche als Einzel- oder Gruppenbehandlung an. Die Patient:innen entscheiden nach Bedarf, wie oft sie diese in Anspruch nehmen möchten. In der Regel braucht es 6-10 Behandlungen, bis sie das Gefühl haben, auch ohne unterstützende Akupunktur weiterhin rauchfrei bleiben zu können. Die Abstände zwischen den einzelnen Behandlungen können durch das Aufkleben von magnetischen Kügelchen oder Samenkörnern zur Akupressur überbrückt werden. Diese können bei auftretendem Rauchverlangen durch sanften Druck stimuliert werden.

Erfahrung

Patient:innen können den Erfolg der Rauchentwöhnung vor allem dann lange halten, wenn Sie sich mit dem eigenen Suchtverhalten auseinandergesetzt und Strategien für den Umgang mit kritischen Situationen entwickelt haben. Dabei können wir sie unterstützen oder ihnen empfehlen, an einem Anti-Rauchprogramm, wie sie z.B. von den gesetzlichen Krankenkassen angeboten werden, teilzunehmen.

Weitere Infos über die Ausbildung und Behandlung nach dem NADA-Protokoll gibt es auf der Homepage der NADA Deutsche Sektion e.V.
www.nada-akupunktur.de

Zum Weiterlesen
Das NADA-Protokoll (Teil 1) Eine einfache Behandlungsmethode zur Regulation des vegetativen Nervensystems mit vielen Anwendungsmöglichkeiten im medizinischen wie auch im sozialen Kontext, Qi Zeitschrift für Chinesische Medizin Vol. 32, 04/2023
https://zeitschrift-qi.de/wp-content/uploads/2023/12/04_2023_10_Theorie_Sieglinde-WIlz_Das-NADA-Protokoll-Teil-1.pdf

Teil 2 erscheint im voraussichtlich im Februar 2024

Verwendete Literatur
Weidig, Wolfgang (2004), Erfahrungen mit Akupunktur beim Entzug von Jugendlichen in der Fachklinik Bokholt, Deutsche Zeitschrift für Akupunktur 47, 3/2004, S. 24-31

Raben Ralph (2004), Akupunktur nach dem NADA-Protokoll - eine Übersicht zur Sucht-Therapie, Deutsche Zeitschrift für Akupunktur 47, 2/2004, S. 35-40

Buchtipp
Landgren, Kasja: „NADA – Ear Acupuncture for Addiction and Mental Illness”

Filmtipp
“Dope is Death”, directed by Mia Donovan 2020

Bilder
Sieglinde Wilz
Jana Wilz

Sieglinde Wilz

Sieglinde Wilz

Heilpraktikerin und NADA-Trainerin
Naturheilpraxis Mitte
Linienstraße 119, 10115 Berlin
www.sieglindewilz.agtcm-therapeut.de
swilz(at)nada-akupunktur.de

Sieglinde Wilz, Heilpraktikerin, absolvierte ihre Ausbildung an der Selbstverwalteten Heilpraktikerschule in Berlin (1992-1994) und am Pharmakologiezentrum in Hamburg (1995-1997). Seit 1996 führt sie in Berlin Mitte eine Praxis für Chinesische Medizin. Neben ihrer Praxistätigkeit unterstützte sie ab 1999 als Honorarkraft beim Drogennotdienst für einige Jahre methadonsubstituierte Patient*innen durch Akupunktur. Als lizenzierte NADA-Trainerin gibt sie seit 1999 Kurse zur Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll, seit 15 Jahren auch deutschlandweit in vielen psychiatrischen Kliniken. Seit 2018 ist sie stellvertretende Vorsitzende der National Acupuncture Detoxification Association Deutsche Sektion e.V.

Quellen:
[1] Bier ID, Wilson J, Studt P, Shakleton M 2002, Auricular acupuncture, education and smoking cessation: a randomized, shamcontrolled trial, American Journal of Public Health 2002, 92, 1642-1647

[2] Kenneth Carter, Michelle Olshan-Perlmutter, Jonathan Marx, Janet F. Martini and Simon B. Cairns (2017), NADA Ear Acupuncture: An Adjunctive Therapy to Improve and Maintain Positive Outcomes in Substance Abuse Treatment, Behavioral Sciences, 2017, 7,37

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