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Differenzialdiagnosen mit Akupunktur-Punktkombinationen für die Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne

Nina Wagner, Frankfurt am Main

In der Praxis stellen Kopfschmerzen und Migräne ein äußerst häufiges Beschwerdebild dar – sowohl als Haupt- als auch als Nebensymptom. Es gibt mittlerweile eine große Reihe guter und ausführlicher Fachbücher und Fachartikel zum Thema. Wie nun das Rad neu erfinden? Frei nach dem Thema „In der Kürze liegt die Würze“ soll dieser Beitrag einen schnellen Überblick über die Differentialdiagnosen geben und die Entscheidung für geeignete Punktkombinationen erleichtern.

Stellt man sich den Menschen in seiner vertikalen Achse ausgerichtet vor zwischen Himmel und Erde, ist der Kopf der „yangigste“ Teil des Körpers. Alles Yang und alle Yang-Leitbahnen erreichen irgendwann unseren höchsten Körperteil bis es einfach nicht mehr weiter aufwärts geht.

Zusätzlich steigt der innere Ast der Leber-Leitbahn bis zum Scheitelpunkt aufwärts um sich dann mit Du 20 zu treffen.

Das klare Yang lässt den Shen in den Augen charismatisch strahlen, es bringt klare Gedanken hervor, lässt strukturierte Gedankengänge mit Anfang und Ende zu – bestenfalls nicht zu viele und hoffentlich auch nicht zu wenige. Die Sinne werden scharf und klar, wodurch das Sehen, Hören, Schmecken und Riechen entstehen kann.

Somit können alle Störungen des harmonischen Auf-, und Absteigens des klaren Yangs potentielle Auswirkungen auf den Kopf haben. Genug Potential also für eine große Bandbreite an unterschiedlichsten Kopfschmerz-Varianten. Nun ist Systematisieren gefragt.

1. Akut oder chronisch?

Diese erste Einordnung ist genauso simpel wie wichtig. Ist der Kopfschmerz als akut einzustufen, tritt also plötzlich auf und ist von kurzer Dauer, sind meist äußere pathogene Faktoren die Auslöser.

Der chronische Kopfschmerz hingegen beginnt allmählich aber kann schließlich in Schmerzattacken enden. Ihm liegen in der Regel innere Ursachen zugrunde.

2. Die Differenzierung des pathogenen Faktors

Als mögliche äußere pathogene Faktoren bei akuten Kopfschmerzen kommen die Fülle von Wind-Kälte, Wind-Hitze oder Wind-Feuchte in Betracht:

  • Wind-Kälte: steifer Nacken, Kälteaversion und Frösteln; Pulse oberflächlich, gespannt, langsam; (noch) keine Veränderung des Zungenbildes
  • Wind-Hitze: starker Kopfschmerz, Fieber, Halsschmerzen; Pulse oberflächlich, gespannt, schnell; Zunge: ggf. gerötet mit weiß-gelbem Belag
  • Wind-Feuchte: dumpfer, drückender Kopfschmerz an der Stirn oder am ganzen Kopf; Gedanken sind vernebelt und schwerfällig; Übelkeit, Appetitlosigkeit, Sinusitis, allgemeines Schweregefühl; Pulse: voll, schlüpfrig; Zungenbelag: klebrig, dick

Somit folgt für die Behandlungsstrategie von akuten Kopfschmerzen durch äußere pathogene Faktoren:

  1. Wind ausleiten: Lu 7, Gb 20, Du 16, 3E 17, Bl 10 mit sedierender Nadelung
  2. pathogenen Begleitfaktor ausleiten:
  • bei Kälte: Schröpfen von Bl 12; Dü 6, Bl 63 mit sedierender Nadelung, anschließend Dü 3, Bl 12, Du 14/16, Di 4 mit tonisierender Nadelung, ggf. Moxibustion;
  • bei Hitze: Di 4, Di 11, 3E 5, Du 14 mit sedierender Nadelung
  • bei Feuchtigkeit: Mi 6, Mi 9, Ma 8 mit sedierender Nadelung

Bei chronischen Kopfschmerzen hingegen wäre die alleinige Differenzierung der pathogenen Faktoren unvollständig und wenig zielführend.

3. Leere oder Fülle?

Eine wichtige Einordnung bei der Behandlung von chronischen Kopfschmerzen sollte die Frage nach Fülleoder Leere sein, wodurch sich leichter die erste Einschätzung des zugrunde liegenden Syndroms ableiten lässt.

LEERE:

Pathophysiologisch liegt hier der Umstand vor, dass das Qi, Blut oder die Essenz nicht ausreichend bis zum Kopf aufsteigen kann und dies zu Schmerzen unterschiedlichen Charakters führt.

Die häufigsten Ursachen dafür sind

  • Milz-Qi-Mangel
  • Herz-Blut-Mangel
  • Leber-Blut-Mangel
  • Nieren-Yin-Mangel
  • Nieren-Yang-Mangel

und allgemein liegen ein dumpfer Kopfschmerz, Schwäche, Erschöpfung und eine Verschlechterung bei Anstrengung vor.

Charakteristika des Qi- oder Yang-Mangel-Kopfschmerzes:

  • Schmerz tagsüber
  • ‚im‘ Kopf, das ‚Gehirn tut weh‘ und/oder Verschlechterung durch sexuelle Aktivität: Nieren-Yin/Yang-Mangel
  • mit Konzentrationsschwäche: Milz-Qi-Mangel,
  • mit Atemnot und/oder Spontanschweiß: Lungen-Qi-Mangel
  • mit Palpitationen: Herz-Qi-Mangel
  • mit Kältegefühl in LWS- bzw. Knieschmerzen: Nieren-Yang-Mangel

Pulse: schwach, leer, langsam, tief; Zunge: blass, nass (Yang-Mangel)

Charakteristika des Blut- oder Yin-Mangel-Kopfschmerzes:

  • Schmerz abends
  • Schwindel
  • Besserung im Liegen
  • mit Gedächtnisschwäche und/oder Schreckhaftigkeit: Herz-Blut-Mangel
  • mit Verschlechterung nach der Menstruation, Parästhesien an Händen und Füßen und/oder schlechtes Sehen: Leber-Blut-Mangel
  • mit Nachtschweiß und/oder Tinnitus und/oder LWS-Schmerzen: Nieren-Yin-Mangel

Pulse: dünn, ggf. schnell; Zunge: blass oder rot, dünn, trocken, ggf. belaglos [1]

Die Behandlungsstrategie bei chronischen Kopfschmerzen durch Leere-Zustände

bei Qi-Mangel: Du 20, Ren 6, Ren 12, Ren 17, Ma 36, Di 10, Mi 3, Bl 20, Bl 21 mit tonisierender Nadelung, ggf. Moxibustion

  • bei Lungen-Qi-Mangel zusätzlich Bl 13, Lu 1, Lu 9
  • bei Herz-Qi-Mangel zusätzlich Bl 15, He 5, Pc 6
  • bei Nieren-Yang-Mangel zusätzlich Ni 3, Ni 7, Bl 23, Du 4

bei Blut-Mangel: Ma 36, Bl 20, Mi 6, Du 20, Bl 17, Mi 10, Ren 4 mit tonisierender Nadelung

  • bei Herz-Blut-Mangel zusätzlich He 6, He 7, Ren 14
  • bei Leber-Blut-Mangel zusätzlich Le 8, Bl 18
  • bei Nieren-Yin-Mangel zusätzlich Ni 3, Ni 7, Ni 6, Ni 10, Bl 23

FÜLLE:

Die häufigsten Ursachen für Fülle-Kopfschmerzen sind

  • Blut-Stase
  • Magen-Hitze oder Nahrungsstagnation
  • Leber-Qi-Stagnation
  • Aufsteigendes Leber-Yang
  • Leber-Feuer
  • Feuchtigkeit, Schleim oder Schleim-Wind

Zur Einordnung können der Schmerzcharakter und die Lokalisation eine Orientierung bieten (s. Abb. 1). Auch das Puls- und Zungenbild helfen bei der Differentialdiagnose:

  • kann Seite wechseln, nagend und konstant, evtl. Schmerzen unter dem Rippenbogen, Reizbarkeit, Zungenfarbe unverändert, Ränder aufgerollt, Puls gespannt, saitenförmig: Leber-Qi-Stagnation
  • bohrend, punktuell und/oder nachts, Zunge bläulich-livide, UZV gestaut: Blut-Stase
  • pochend, berstend, einseitig, plötzlich, pulsierend mit Spannungsgefühl: Aufsteigendes Leber-Yang (Zungenränder rötlich/ aufgerollt, Pulse: gespannt) oder Leber-Feuer (Zunge rot, Pulse: gespannt, voll, schnell)
  • mit Benommenheit und Schweregefühl (und Schwindel), Pulse schlüpfrig, Zungenbelag dick mit Schleimfäden: Feuchtigkeit (Schleim, ggf. mit innerem Wind)

Die Behandlungsstrategie bei chronischen Kopfschmerzen durch einen Fülle-Zustand

Blut-Stase:
Mi 6 + Mi 8+ Mi 10 (bewegt Blut), Bl 17, Bl 18, Di 4 +Le 3 (bewegt Blut im Kopf) Ashi-Punkte mit sedierender Nadelung an der dem Schmerz gegenüberliegenden Seite

Magen-Hitze/ Nahrungsstagnation:
Ma 44, Ma 34, Di 2, Di 4, Yintang, Pc 6 mit sedierender Nadelung, zusätzlich Ren 10, Ren 12

Leber-Qi-Stagnation:
Le 3, Gb 41, Gb 20, Gb 34, Di 4, Pe 6, Taiyang mit sedierender Nadelung; Ma 36 tonisieren

Aufsteigendes Leber-Yang:
zusätzlich Le 2, 3E 5, Ashi-Punkte mit sedierender Nadelung; Ursache behandeln

Leber-Feuer:
zusätzlich Gb 38, Di 11, Gb 44, Taiyang alle sedieren; Ursache behandeln

Feuchtigkeit/ Schleim:
Ma 8, Ma 40, Di 4, Yintang mit sedierender Nadelung; Ursachen behandeln: Ma 36, Mi 3, Mi 6, Mi 9, Ren 12, Bl 20 mit tonisierender Nadelung

Die Punktauswahl kann auch entsprechend der Lokalisation spezifiziert werden (s. Abb. 1).

  

Abb.1: Klassifikation von Kopfschmerzen

Ergänzungen

Um in akuten Phasen eine Erleichterung der Schmerzintensität zu erzielen, kann die Akupunktur „aktiver Punkte“ erste Hilfe verschaffen [2]:

Yang Ming Kopfschmerz:
Di 4, Di 10 – 11, Ma 36, Ma 44 – 43, Mi 3 – 4, Mi 9 – 10,

Shao Yang Kopfschmerz:
Ni 2, Ni 10, 3E 3, Gb 41, Le 3 – 4

Tai Yang Kopfschmerz:
Lu 7, Dü 3, Bl 62, Bl 63

Jue Yin Kopfschmerz:
Pc 4, Le 3, Le 5, Le 6, Gb 41

Aktive Punkte zeigen bei Palpation mit mittlerem Druck eine höhere Empfindlichkeit als das umliegende Gewebe und können als differentialdiagnostischer Faktor dienen oder die Entscheidung in der Punktauswahl erleichtern.

Auch die Behandlung bzw. Öffnung außerordentlicher Gefäße kann erfolgreich sein.

Dies sollte allerdings in der Intervallbehandlung geschehen und nicht in der akuten Situation. Insbesondere wäre hier an Du Mai, Ren Mai, Dai Mai oder Yang Qiao Mai zu denken.
 

Weiterlesen:
1. Bob Flaws, Curing Headaches Naturally with Chinese Medicine, 1998, Blue Poppy Press

2. Barbara Kirschbaum, Die 8 außerordentlichen Gefäße in der traditionellen chinesischen Medizin, Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft

3. Hans-Georg Ross, Franciscus Sulistyo Winarto, Die Balance-Methode in der Akupunktur, Verlag Müller & Steinicke München

Quellen:
[1] Giovanni Maciocia, Grundlagen der Chinesischen Medizin, Urban&Fischer, 3. Auflage, S.332

[2] Hans-Georg Ross, Fransiscus Sulistyo Winarto, Die Balance-Methode in der Akupunktur, Verlag Müller & Steinicke München, 3. Auflage, S. 54, 163

Bildnachweise:
Depositphotos/AGTCM
pexels.com/Abb. 1

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