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Mit Akupunktur das Immunsystem stärken und Erkältungen behandeln

Dr. Anne Hardy, Frankfurt

In der japanischen Hara-Diagnose gibt es eine einfache Methode zu prüfen, ob das Immunsystem eines Patienten Hilfe braucht: Man palpiert die Immunzone zwischen den Akupunktur-Punkten Ma 25 bis Ma 27 rechts. Ist sie druckempfindlich, sucht man zwischen Di 10 und Di 11 eine Myogelose oder festeres Gewebe und akupunktiert dort. Besteht der Schmerz in der Immunzone weiterhin, nadelt man weitere der insgesamt fünf Immunpunkte von Nagano: Ni 6, 3E 16, Du 12 und Du 14. Dieses Verfahren ist unabhängig davon, ob das Immunsystem mit einem externen pathogenen Faktor kämpft oder es um ein Autoimmungeschehen geht. Es wirkt sowohl bei einer zu schwachen als auch bei einer überschießenden Immunantwort.

Patienten erleben durch diese Art der Behandlung, dass sich durch Akupunktur unmittelbar etwas im Körper verändert. Bislang belegen dies nur wenige klinischen Studien, die die Zahl und Aktivität der Immunzellen sowie die Ausschüttung von Botenstoffen messen. Warum bestimmte Akupunktur-Punkte sinnvoll sind, darüber geben die verschiedenen Theorien der Chinesischen Medizin Auskunft.

Die drei Ursprünge des Wei Qi

Das Immunsystem zu stärken bedeutet aus Sicht der Chinesischen Medizin, das Wei Qi (Abwehr-Qi) zu stärken. Wei Qi zirkuliert in der Schicht zwischen Haut und Muskeln und hat folgende Aufgaben

  • das Äußere wärmen
  • das Öffnen und Schließen der Poren kontrollieren
  • Haut und Muskeln befeuchten
  • externe pathogene Faktoren abwehren

Die Wurzel des Wei Qi ist das Jing der Niere. Es steht in enger Verbindung mit dem (Knochen)Mark, was mit der Erkenntnis der westlichen Medizin übereinstimmt, dass die Blutzellen und damit auch Lymphozyten des Immunsystems ihren Ursprung im Knochenmark haben. Das Wei Qi wird genährt durch Milz und Magen. Und die Lunge zirkuliert es durch den Körper. Es müssen also Zang Fu aus allen drei Erwärmern für das Wei Qi zusammenarbeiten. Im Wesentlichen Niere/Blase, Milz/Magen und Lunge.

Das wird auch deutlich, wenn man die Entstehung des Wei Qi bei der Energie-Produktion betrachtet: Milz und Magen gewinnen aus der Nahrung das Da Qi. Zusammen mit dem Gu Qi aus der Lunge bildet es das Zong Qi. Dieses wird mithilfe des Yuan Qi aus der Niere zu Zhen Qi umgewandelt, das sich wiederum in Wei Qi und Ying Qi aufspaltet. Die Blase sendet das weniger Unreine des Unreinen zu Haut und Muskeln, um sie – zusammen mit dem Wei Qi – zu befeuchten.

Die Niere ist die Wurzel des Wei Qi, die Milz nährt es und die Lunge verteilt es. Blase und Dünndarm vereinen sich im Tai Yang, dem ersten Bollwerk gegen äußere pathogene Faktoren. Wenn die Leitbahnen mit Qi, Blut und Jing Ye gefüllt sind, können Pathogene nicht eindringen.

Wei Qi stärken: Tonisieren und Moxen

Da alle drei Erwärmer an der Entstehung des Wei Qi beteiligt sind, ist es sinnvoll, zur Stärkung des Immunsystems drei Gruppen von Punkten anzuwenden:

oberer Erwärmer: Bl 12 t/m, Bl 13 t/m
mittlerer Erwärmer: Ma 36 t/m, Di 4, Di 11 s, Mi 6
unterer Erwärmer: Ren 4 t/m, Ren 6 t/m

Bezieht man zusätzlich das Modell der Schichten ein, empfiehlt sich, zusätzlich Tai Yang (Bl + Dü) zu behandeln.

Punktkombinationen
Dü 3 t + Bl 12 t + Bl 13 t/m: Yang durch Öffnungspunkt des Du Mai tonisieren und Lunge stärken
Bl 64 + Dü 3: beide Yuan Punkte, stärken Yuan Qi im Tai Yang

Methode, um mindestens 100 Jahre alt zu werden“:
Moxa auf Ren 4, Ren 6, Ren 12, Du 4 und Ma 36 mehrmals im Jahr.
Bei schwachen Patienten und Behandlungsblockade: Moxa auf Bl 43 bei Haltung mit krummem Rücken, Schulterblätter weit auseinander (Wie auf einer Tonne sitzen). Jeden Punkt solange moxen, bis es dem Patienten zu warm wird.

Wann sollte man das Wei Qi stärken?

Der Herbst gilt als eine gute Zeit, das Immunsystem zu stärken, weil er die Zeit der Lunge ist. Ebenso könnte man argumentieren, dass in unseren Breitengraden der Herbst die Zeit ist, in der sich der Körper an die klimatischen Faktoren Wind und Kälte anpassen muss. Zusätzlich kann man das Immunsystem in den Tagen des Übergangs zwischen den Jahreszeiten stärken, die jeweils der Wandlungsphase Erde zugeordnet sind. In der Theorie der Wandlungsphasen ist die Erde die Mutter des Metalls, das heißt, wenn man Milz und Magen stärkt, profitiert davon auch die Lunge.

Akupunktur bei Erkältung

Erkältung ist in der TCM in der Regel ein Angriff von Wind-Kälte.

Stadium I
Symptome: Frieren ohne zu Schwitzen, Gliederschmerzen, Halskratzen, Niesen, Schnupfen mit klarem Sekret
Zunge: weißer Belag
Puls: oberflächlich, gespannt

Therapiestrategie: Oberfläche befreien, Wind vertreiben, Qi und Yang stärken
Di 4 leitet jegliche Pathogene aus
Lu 7 vertreibt Wind, befreit die Oberfläche, verteilt Lungen-Qi, senkt Lu-Qi ab
Bl 12 vertreibt Wind, befreit die Oberfläche, kräftigt Wei-Qi, senkt Lu-Qi ab, unterstützt die Nase
Bl 13 tonisiert das Lu-Qi, befreit die Oberfläche, verteilt Lungen-Qi, senkt Lu-Qi ab
Du 16 vertreibt Wind bei Kopfschmerz
3E 5 vertreibt Wind-Kälte von der Seite des Körpers
Di 20 vertreibt Wind von der Nase
Dü 3 + Bl 64 stärkt Tai Yang
Ni 7 und Ma 36 stärkt Qi und Yang

Stadium II: Kälte wandelt sich in Hitze, Wind-Hitze dringt in die Lunge ein

Symptome: Schwitzen, evtl. Fieber, Durst; Halsschmerzen mit Schluckbeschwerden, Appetitlosigkeit, Schnupfen mit dickem, gelb-grünen Sekret, Husten, ZK gerötet mit gelbem Belag
Puls: Oberflächlich, beschleunigt,

Therapiestrategie:
Wind vertreiben: Di 4, Lu 7, Bl 12, Du 16, Gb 20
Du 14 klärt Hitze
Ren 22 korrespondiert mit Du 14; löst Husten
Lu 5, Lu 11 bluten lassen; Lu Hitze kühlen, Schleim auflösen und ausleiten
Ma 40s, Ma 8s, Mi 6 + Mi 9s: Schleim auflösen und ausleiten
Ni 6: Yin nähren
3E 5 s + Di 4 s: Oberfläche befreien

Wie beeinflusst Akupunktur das Immunsystem?

Zur Wirkung von Akupunktur auf das Immunsystem gibt es vergleichsweise wenige Studien. Bisher konnte gezeigt werden, dass nach Akupunktur von Di 11 das Zytokin TNF-alpha, das die Aktivität verschiedener Immunzellen reguliert, in den Fresszellen (Monozyten und Makrophagen) vermehrt exprimiert wird (Karst 2003). In einer weiteren Studie wurde die Zunahme des Botenstoffs Interleukin IL-8 im Blut gemessen. Er koordiniert die Kommunikation zwischen den Leukozyten, so dass sie Infektionen effektiver bekämpfen können (Karst 2010).

Ein weiterer Akupunktur-Punkt, dessen Wirkung auf das Immunsystem ausgiebig an Ratten bestätigt wurde, ist Ma 36. Laut einer Übersichtsstudie aus dem Jahr 2010 bewirkt Ma 36 beim Menschen vor allem die Zunahme der natürlichen Killerzellen (NK-Zellen). (Kim S.K. 2010)

Risikofaktoren: Alter und Ängste

Im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie sind noch zwei weitere Studien erwähnenswert. In der einen wurde überprüft, inwiefern sich das Immunsystem älterer Menschen durch die Punkt-Kombination Ma 36 + Di 4 + Mi 6 stärken lässt. 24 gesunde Probanden, davon 12 jüngere (Durchschnittsalter 27,6 Jahre) und 12 ältere (Durchschnittsalter 65,6 Jahre) wurden zwei Mal pro Woche über drei Wochen behandelt. Untersucht wurde die Fähigkeit der T-Lymphozyten, sich zu vermehren. Nach sechs Behandlungen erreichte die Gruppe der älteren Probanden nahezu die gleichen Werte wie die jüngeren Probanden. (Pavao et al 2010)

Chronische Ängste schwächen ebenfalls das Immunsystem. In einer Studie wurden 34 Frauen mit Ängsten im Laufe eines Jahres insgesamt zehn Mal mit 19 Akupunkturpunkten behandelt. Davon war eine Gruppe von Punkten so ausgewählt, dass sie Ängste behandelt (Ni 6, He 3, He 5, Pc 6, Le 2, Du 20) und die andere das Immunsystem (Ma 36, Di 4, Di 11, Mi 6, Gb 34, Gb 43, 3E 5, Dü 3, Bl 60). Die Forscher stellten fest, dass die Zahl der neutrophilen Granuozyten und Makrophagen zunahm, die Lymphozyten besser an ihre Zielzellen ankoppeln konnten (Chemotaxis) und die Aktivität der NK-Zellen zunahm. Dieser Effekt war 72 Stunden nach der Akupunktur am ausgeprägtesten und auch noch einen Monat nach dem Ende der Behandlung messbar. (Arranz, L 2007)

Westliche und Chinesische Medizin verbinden

China spielt in der aktuellen Pandemie einer Vorreiterrolle, was die integrativen Ansätze (chinesische und westliche Medizin) betrifft. 91,5 Prozent der bestätigten Covid-19-Fälle wurden bisher in China mit Chinesischer Medizin behandelt (Stand August 2020). In den Krankenhäusern erhielten die Patienten zusätzlich zur westlichen Medizin individuelle Arzneimittelrezepturen auf der Basis von Standardrezepturen. Bei Bedarf wurden sie mit Akupunktur, Moxibustion oder Ohrakupressur behandelt. (Shi Soufang 2020, zitiert nach Zhang 2020).

Einer Studie von Luo zufolge ließen sich die Covid-19-Symptome mit Chinesischer Medizin lindern, die Weiterentwicklung von der leichten zur schweren Form reduzieren, die Genesungsrate steigern, die Mortalität senken und die Rekonvaleszenz beschleunigen (Luo 2020, zitiert nach Zhang 2020). Die Behandlung erfolgt nach dem „Leitplan für die Intervention mit Akupunktur und Moxibustion bei Covid-19“ und unterscheidet drei Stadien (s. Infokasten). Dieser Leitplan gibt auch die Standardrezepturen an. Zur Prävention: Yu Ping Feng San.

Akupunktur-Behandlung von Covid-19 entsprechend dem „Leitplan für die Intervention mit Akupunktur und Moxibustion bei Covid-19“ (2. Auflage 2020)

a) Phase der Beobachtung bei bestehendem Verdacht
Bl 12, 13, 20
Di 4, 11, Lu 5, 10
Ren 6, Ma 36, Mi 6
        + symptombezogene Punkte

b) akute Phase der Erkrankung
Di 4, Le 3, Ren 22, Lu 5, 6, Ma 36, Mi 6
Bl 11,12,13,15,17
Lu 1, Ren 17, Ren 6, Ren 4
          + symptombezogene Punkte

c) Phase der Rekonvaleszenz
Pc 6, Ma 36, Ren 12, Ma 25, Ren 6

Aus jeder Punktgruppe wähle man 2-3 Punkte.

Laut Infektionsschutzgesetz ist es Heilpraktikern in Deutschland nicht erlaubt, bei Verdacht auf eine Covid-19-Infektion sowie in der akuten Phase zu behandeln. Doch lassen sich die für die Phase des Verdachts vorgeschlagenen Punkte auch zur präventiven Stärkung des Immunsystems einsetzen. Ebenso wichtig (und erlaubt) ist es, Patienten in der Phase der Rekonvaleszenz zu unterstützen.


Referenzen:
- Arranz 2007: Effect of Acupuncture Treatment on the Immune Function Impairment Found in Anxious Women, The American Journal of Chinese Medicine Vol. 35, No. 01, pp. 35-51 (2007)
https://www.worldscientific.com/doi/abs/10.1142/S0192415X07004606
- Karst 2003: Effect of acupuncture on the neutrophil respiratory burst: a placebo-controlled single-blinded study, Complement Ther Med 2003 Mar;11(1):4-10. DOI: 10.1016/s0965-2299(02)00117-6
- Karst 2010: Acupuncture induces a pro-inflammatory immune response intensified by a conditioning-expectation effect, Forsch Komplementmed. 2010 Mar;17(1):21-7. doi: 10.1159/000264657 

- Pavao 2010: Acupuncture is effective to attenuate stress and stimulate lymphocyteproliferation in the elderly, Neuroscience letters 2010, 484 (1): 47-50. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20709154/


- Zhang 2020: Retrospektive auf die Prävention und Therapie von Covid-19 mit Chinesischer Medizin in China, in: Chin. Med. 2020 Nr. 3, S. 129-142

Hinweis – Kostenloses Webinar der TCM Academy:
Chmielnicki 2020: Enhancing the Immune System with Acupuncture – Data from Scientific Research;
https://www.tcm.ac/courses/enhancing-the-immune-system-with-acupuncture-data-from-scientific-research/?v=88588bacf0da

Bildnachweise:
Grafik: Anne Hardy, Umsetzung Marion Wedi
Depositphotos/AGTCM

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