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Wettersysteme in der TCM – Der Bauernkalender und das Wuyun Liuqi am Beispiel der chinesischen Arzneimitteltherapie

Maximilian Beer, Bsc TCM, Middlesex University London, Bamberg

Die Wirren des Wetters erkennen

Schon in ältester Zeit fragten sich Gelehrte und praktische Ärzte, wie das Klima den Menschen beeinflusst. Das umfasst jedoch weit mehr als Krankheitsausbrüche bei gelegentlichen Kälteeinbrüchen oder Migränekopfschmerzen bei Fön. Vielmehr umfasst es ein verändertes Krankheitsverhalten zu einem bestimmten Jahresabschnitt, das eine höhere Anzahl an Menschen betrifft und bisweilen epidemische Ausmaße annehmen kann.

Über Jahrtausende beobachteten die Chinesen das Klima und sich wiederholende Wettermuster, mit dem zunächst vorrangigen Ziel, bei einer hauptsächlich auf Agrarwirtschaft ausgelegten Gesellschaft den teils erheblich widrigen Wetterbedingungen gewachsen zu sein. Da der Mensch als Teil des Ökosystems genauso dem Klima ausgesetzt ist, weiteten sie ihre Forschungen auf die Auswirkungen auf den Menschen aus und fanden vergleichbare Muster und sogar Gesetzmäßigkeiten, die auch einer gewissen Voraussagbarkeit unterlagen.

Der chinesische Kalender

Heutzutage gilt in China neben dem traditionellen Bauernkalender der gregorianische Kalender im zivil-offiziellen Bereich, was aber erst nach Ablösen der Kaiserzeit durch die Republik China im Jahr 1912 der Fall war. Der Nongli 农历, der traditionell seit dem Gelben Kaiser vor fast 4000 Jahren, historisch aber erst seit der Zhou-Dynastie (1046 - 256 v. Chr.), bekannte chinesische Bauernkalender, stellte die Grundlage des "Wetterkalenders" dar. Nach ihm richteten sich alle offiziellen, sozialen und rituellen Festlichkeiten sowie Veranstaltungen, er integriert sowohl den Mond- als auch den Sonnenkalender. Dadurch fällt der Jahresbeginn nach dem Mondkalender, der mit dem traditionellen Frühlingsfest gefeiert wird, nicht immer auf dasselbe (gregorianische) Datum, sondern auf den Neumond zwischen 21. Januar und 20. Februar. Im Alltag ist uns dieser chinesische Kalender höchstens in Form der 12 Tierkreiszeichen begegnet, denn jedes Jahr steht unter dem Einfluss eines der 12 mythischen Tiere, wie z. B. im Jahr 2024 dem des Drachen. Der Kalender wiederholt sich unter astronomischen und mathematischen Berechnungen alle 60 Jahre.

Das besondere Werkzeug für Therapeuten: Das Wuyun Liuqi 五运六气

Abgesehen von für den Bauern wichtigen klimatischen Ereignissen (z. B. bei uns die Eisheiligen) sowie rituellen und festlichen Daten findet sich im Bauernkalender eine besondere Disziplin, die jährlich auftretende, konkrete meteorologische Tendenzen, alle 60 Jahre wiederkehrend, beschreibt: das Wuyun Liuqi, kurz Yun-Qi, die Fünf Bewegungen und Sechs Qi (klimatischen Einflüsse). Diese Theorie befasst sich intensiv mit klimatischen Veränderungen im Verlauf eines solchen Sechzig-Jahr-Zyklusses, sowie der Frage, wie sie sich auf den Menschen auswirken und welche grundlegenden Kräuter und Rezepte es als Antwort auf die Sechs Einflüsse gibt. Dies ermöglichte den Ärzten letztlich erweiterte Informationen hinsichtlich Diagnose, Prognose und Therapie. Denn Ärzte sahen sich schon immer, wie anfangs bereits erwähnt, vor ein Problem gestellt: Lag beispielsweise ein ungewöhnlich kalter Frühling vor, wurden mehr Menschen krank als normal und es kam zu grippalen epidemischen Ausbrüchen, die mittels herkömmlicher Rezepte nicht immer kuriert werden konnten. Hier konnte das Wissen über das Yun-Qi weiterhelfen und einen bedeutenden Vorteil verschaffen. 

Das Yun-Qi-System existiert seit mehr als 2500 Jahren. So findet man es im Huangdi Neijing 黄帝内经, dem Inneren Klassiker des Gelben Kaisers, einem der wohl grundlegendsten und bedeutendsten Klassiker der chinesischen Medizin, in den Kapiteln 66 bis 71 (unter der Überschrift Yin Yang Da Lun阴阳大论 (Große Abhandlung über Yin und Yang). Selbst ein in der späteren Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) erschienenes pragmatisches Werk, wie das hauptsächlich auf Kräuterkunde ausgelegte Shang Han Lun 伤寒论, zu deutsch „Abhandlung über Kälte-Erkrankungen“, erwähnt implizit die Fünf Bewegungen in den ersten Kapiteln. 

Astronomie oder Astrologie?

Doch wo hat das Yun-Qi seine Wurzeln? In anderen Disziplinen wird der Bauernkalender als Grundlage zur Vorhersage des Schicksals genutzt, anders beim Yun-Qi, wo tatsächlich wissenschaftliche, astronomische Gesichtspunkte zum Tragen kommen, die sich aus der Beobachtung von Sonne, Himmel, Planeten und Gestirnen entwickelten. Denn schon seit den alten Dynastien, zumindest der Zhou, war das Amt des Hofastronomen bereits eine feste Institution, dessen Aufgabenbereich im Resultat ähnlich der des meteorologischen Dienstes war: nämlich mittels der Auswertung über Jahrhunderte gesammelter Beobachtungsdaten eine Aufstellung und Organisation himmlischer und klimatischer Phänomene vorzunehmen. Hieraus zweigten zwei Bereiche ab, einerseits die rein astronomisch-mathematischen intellektuellen, andererseits die Experten auf der meteorologisch-therapeutischen Seite. Man verwendete hierzu die klassischen Erklärungsmodelle zur Auslegung hochkomplexer Naturereignisse, nämlich die Yin-Yang-Theorie, die 5 Elemente, die 6 Qi, und zusätzlich heutzutage die weniger bekannten 10 Himmelsstämme und 12 Erdzweige. Unter der Berücksichtigung lokaler Faktoren (Gebirge, Küstennähe, Gewässer, Tallage etc.) ließen sich so die Interaktionen von Klima und Mensch enger eingrenzen. 

Das Yun-Qi ist kein Wetterfrosch

Dabei geht es gar nicht um die Vorhersage der täglichen Wetterlage, sondern um eine Art Grundstimmung für das gesamte Jahr, was den eben erwähnten Himmelstämmen und den 5 Elementen unterliegt. Die 6 Qi wiederum korrespondieren als 6 klimatische Einflüsse mit dem Sechs-Schichtenmodell, was anhand der 12 Erdzweige berechnet wird. Diese beiden Modelle ergeben eine Situation zwischen dem eher stabilen Gastgeber-Wetter des gesamten Jahres, und dem unsteten, ständig sich verändernden Gast-Wetter, das zu 5 Abschnitten (Unterabschnitte des Yun) das Jahr beeinflusst. 

Das Wissen über das Yun-Qi verrät in so einem Fall, dass – kurz gesagt und am Beispiel von 2024 – eine ungünstige, aber auch sehr spezifische Konstellation des gesamtjährlichen Klimas und des Gast-Qi zu bestimmten Wetterphänomenen beiträgt und dass nun bestimmte Grundqualitäten wie Nässe und Kälte vorherrschen, die das "normale" saisonale Klima verzerren. Hieraus ergibt sich über die damit verbundenen therapeutischen Geschmacksrichtungen eine Anweisung, nämlich bitter, warm und süß, zur Lösung der ungünstigen Konstellation. Dies korreliert man nun mit dem in Frage kommenden Fundus an Arzneirezepturen, wählt eine davon aus oder passt eine bereits ausprobierte Rezeptur entsprechend an. An dieser Stelle sind natürlich etliche Stellschrauben möglich. Alles in seiner Gesamtheit konnte und kann die durchschlagende Komponente zur Bekämpfung einer Epidemie liefern. Tatsächlich sind derartige Beispiele in der chinesischen Historie zahlreich beschrieben. So hat z. B. ein berühmter Arzt und Botaniker namens Fuzhou Pu (1888-1975), zu seiner Zeit einer schweren Meningitiswelle nach gescheiterten Versuchen anderer Ärzte mit der richtigen klassischen Rezeptur (mit nur vier Inhaltsstoffen) Einhalt geboten. Er ermittelte diese Rezeptur (Baihu Tang, "Weißer Tiger Tee") mithilfe der Yun-Qi-Berechnungen.

Ist das Yun-Qi ein Muss in der Ausbildung?

Sich zum Frühlingsfest über das aktuelle Yun-Qi des Jahres zu informieren, kann interessante Aspekte über die Auswahl von Rezepturen und Kräutern erbringen. Vielen mag zwar der Gedanke an ein "Errechnen des Klimas", also einer Wahrscheinlichkeit für bestimmte Wetterphänomene, und damit verbundenen Geschmacksrichtungen in der Kräuterauswahl oder in der Auswahl von Akupunkturpunkten fremd vorkommen, und sicherlich gibt es viele erstklassige TCM-Therapeuten, die täglich ohne Rücksicht auf das Yun-Qi arbeiten. Außerdem ist das Studium des Wuyun Liuqi bestimmt nicht das erste, was zu einer ordentlichen Ausbildung in der TCM gehört, doch später kann es eine ungeahnte, dafür aber umso wertvollere Komponente hinzufügen, dessen Erlernen zwar tiefes Eindringen in die didaktische Materie abverlangt, dafür aber umso ansehnlichere Resultate sehen lässt. 

Bildnachweis: Depositphotos/AGTCM

Maximilian Beer

Maximilian Beer

Bachelor of Science TCM (Middlesex und Beijing University)

TCM-Praxis Bamberg
www.praxiskaiserundbeer.de
E-Mail: info(at)praxiskaiserundbeer.de

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