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Behandlung eines Reizdarms mit TCM: Akupunktur und Kräuterrezepturen

Viola Buggle, Pfungstadt

10 bis 15 Prozent der Bevölkerung, davon ca. doppelt so viele Frauen wie Männer, leiden unter einer Funktionsstörung ihres Darms, die sie teils erheblich in ihrer Lebensqualität einschränkt [1], [2]. Die westliche Diagnose bei den oft jahrelangen, unklaren Verdauungsbeschwerden und gleichzeitig organisch unauffälligen Untersuchungsergebnissen lautet dann „Reizdarm“ oder „Colon irritabile“. Die auffälligsten Symptome sind Bauchschmerzen, Blähungen sowie Durchfall und/oder Verstopfung im dauernden Wechsel.


Patient:innen erhalten in der Schulmedizin oft keine geeignete Behandlung und werden nicht selten mit dem Hinweis auf eine psychische Komponente ihrer Beschwerden entlassen. Oftmals erst nach jahrelanger Leidensgeschichte kommen sie zu uns in die Praxis als ihre letzte Hoffnung. Dann gilt es als erstes für uns Therapeut:innen, entweder mit ihrer Resignation oder mit der sehr hohen Erfolgserwartung (von uns und von den Patient:innen) zurecht zu kommen, die Situation realistisch darzustellen, dabei neue Hoffnung zu geben, die Patient:innen zu einer Mitarbeit hinsichtlich Änderungen bei den Ernährungsgewohnheiten und dem Umgang mit Stress zu motivieren und nicht zuletzt die passende Akupunktur und Kräuterrezeptur auszuwählen.

Vor der Behandlung werden Ben (Wurzel, Ursache) und Biao (Zweig, Auswirkung) bestimmt. Beim Reizdarm liegen meist die folgenden Syndrome zugrunde:

1) Leber-Qi-Stagnation

Nach meiner Einschätzung spielt die wichtigste Rolle beim Reizdarm die Leber-Qi-Stagnation. Die Verdauung geschieht nicht mehr im freien Fluss, was zu einer lokalen Blockade im mittleren Jiao und einer Schwächung des Milz-Qi führt. Die direkte Ursache liegt oft in blockierten Gefühlen, Überarbeitung, Ängsten oder Überforderung. Gerade die beiden letztgenannten Ursachen weisen auf eine Mitbeteiligung der Nieren (Ängste) und des Metalls (fehlende Abgrenzung, Überforderung) hin und zeigen, dass wir es i. d. R. mit einem sehr komplexen Syndrom zu tun haben.

Qi und Blut werden durch lange Arbeitszeiten und/ oder viel Computer-Arbeit stark beansprucht. Besteht die Le-Qi-Stagnation sehr lange, führt das in der Folge auch zu einer Schwächung der Milz. Da diese u. a. verantwortlich für die Blutbildung ist, resultiert daraus eine Schwächung des Leber-Blutes. Ein Mangel an Qi und Blut kann wiederum die Stagnation verstärken.

Die tieferliegenden Gründe, warum bei einer Patient:in das Verdauungssystem das anfällige Organ darstellt und nicht z. B. der Rücken oder andere Körperteile betroffen sind, finden sich oft weit zurück in der Vergangenheit. Für eine Heilung ist es dann notwendig, die Lebensgeschichte der Patient:in zu erforschen und zu besprechen und daraus die notwendigen therapeutischen Schritte abzuleiten.

Symptome der Leber-Qi-Stagnation:

Blähungen oder Blähbauch, starker Stuhldrang, oft mit Durchfall und Schmerzen, die nach der Stuhlentleerung aufhören, Phasen von Durchfall und Obstipation oder Gereiztheit. Frauen berichten häufig von prämenstruellen Beschwerden, die besonders den Wechsel der Stuhlfrequenz und -konsistenz sowie Stimmungsschwankungen zwischen Ärger und Verzagtheit betreffen. Wenn eine Le-Qi-Stagnation als Ursache des Reizdarms zugrunde liegt, lässt sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern i. d. R. die Verschlechterung vieler der Symptome in den Zeiten erhöhter Belastung oder Stress beobachten.
Zunge: oftmals aufgerollte Ränder, manchmal gerötet
Puls: gespannt, drahtig

Therapie:

Leber-Qi bewegen, Stagnation lösen

Auswahl an Akupunkturen:

Le 3: verteilt Le-Qi, nährt Le-Blut und Yin
Le3 + Di 4: fördert die seelische Entspannung (Four Gates)
Le 13: harmonisiert Leber + Milz
Le 13 + Gbl 34: zerstreut Le-Energie, erleichtert Gallenfluss, reguliert Qi
Le 14: harmonisiert Leber + Magen, Mu-Punkt der Leber
Gbl 41: verteilt Le-Qi
Bl 18: verteilt Le-Qi, nährt Le-Blut
Bl 20: harmonisiert Qi des mittleren Jiao
Ma 25: reguliert Därme, Milz, Magen, Qi + Blut, beseitigt Stagnation
Pc 6: harmonisiert Magen
Ren 10: harmonisiert Magen, reguliert Qi
Ohr-Akupunktur: Magen, Milz, Leber, Sympathikus, Shenmen, Duodenum

Beispiele für Chinesische Arzneimittelrezepturen:

  • Si Ni San: bei überwiegender Fülle-Symptomatik, bricht Le-Qi-Stagnation auf, harmonisiert Leber und Milz
  • Xiao Yao San: bei Le-Qi-Stagnation und gleichzeitigem Blut-Mangel und Milz-Schwäche
  • Tong Xie Yao Fang: beendet abdominale Schmerzen und Durchfall, beruhigt Leber, tonisiert Milz

2) Milz-Qi-Mangel

Lang dauernde geistige Arbeit, Grübeln und Sorgen, besonders in Verbindung mit schlechter Ernährung (Qualität, Quantität, Atmosphäre) erschöpfen das Milz-Qi. Die Milz, zuständig für die Transformation der Nahrung, gerät in Mangel und kann dadurch die von ihr geleiteten Prozesse nicht mehr oder nur noch unvollständig durchführen. Blut und Säfte werden nicht mehr ausreichend gebildet, es akkumuliert Feuchtigkeit im Körper.

Symptome:

weiche, klebrige Stühle, teils mit Schleimauflagerungen, dumpfe Schmerzen, Blähbauch, Verschlechterung durch kalte oder rohe Speisen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, in der Literatur wird oft Appetitmangel beschrieben, in der Praxis erlebe ich oft eher Schwierigkeiten, sich beim Essen zu bremsen, besonders, was das Verlangen nach Süßigkeiten betrifft, Müdigkeit
Zunge: oft blass, weißlicher Belag, bei Feuchtigkeit geschwollen
Puls: weich, schwach, bei Feuchtigkeit schlüpfrig

Therapie:

Qi des mittleren Jiao stärken, Feuchtigkeit transformieren

Auswahl an Akupunkturen:

Mi 3: tonisiert Milz + Magen, reguliert Qi
Mi 4: Luo-Punkt, stärkt Milz, harmonisiert den mittleren Jiao
Mi 6:  tonisiert Milz + Magen, harmonisiert Leber + Niere, stärkt Blut
Ma 36: kräftigt Milz, tonisiert Qi, Blut, Yin
Ren 12: tonisiert Magen + Milz, Alarmpunkt Magen, harmonisiert den mittleren Jiao
Bl 20: Zustimmungspunkt Milz, tonisiert Mi-Qi + Yang, harmonisiert Qi des mittleren Jiao

Beispiele für Chinesische Arzneimittelrezepturen:

  • Ping Wei San: primär bei Feuchtigkeit in Milz und Magen, stärkt Milz, harmonisiert Magen, regt Qi-Zirkulation an
  • Si Jun Zi Tang: tonisiert Qi, stärkt Milz, bei chronischem Erschöpfungssyndrom, Schmerzen im Epigastrium
  • Shen Ling Bai Zhu San: tonisiert Qi, stärkt Milz, bei Mangelzustand mit Feuchtigkeit und Durchfall, Völlegefühl, Borborygmen

3) Leber greift die Milz an

Ich erkläre das Bild „Leber greift die Milz an“ gerne, indem ich die Leber als eine aktive Kämpferin beschreibe, die den Weg freiräumt, dabei aber auch mal über die Stränge schlägt und in den eigenen Bauch boxt. Die Milz dagegen zeichne ich als die zentrale Versorgerin, die nährt und alles zusammenhält, aber nicht für Kampf und Verteidigung gemacht ist. Damit erkennen die Patient:innen in der Regel schnell, warum es zur Besserung ihrer Symptome nötig ist, ihr Leben auf verschiedenen Ebenen aktiv zu verändern, nämlich ihre Leber zu regulieren, ohne sie zu strafen und die Milz zu unterstützen, besser auf sie zu achten und ihr Freiraum für ihre Aufgaben zu verschaffen.

Therapie:

Le-Qi-Stagnation auflösen, Mi-Qi- und Yang-Stagnation auflösen, Mi-Qi-Leere stärken, evtl. Niere und Herz harmonisieren und beruhigen

Auswahl an Akupunkturen:

  • als Kombination: Ren 6 + Ren 12 + Ma 25 + Ma 37 + Le 3 + Le 13 im Wechsel mit Bl 18 + Bl 20 + Bl 25
  • bei Lu- und Di-Qi-Stagnation zusätzlich: Lu 7 + Ren 17 oder Bl 13
  • bei Ni-Angst und He-Beklemmung: Ren 4 + Ren 12 + Ma 25 + Ma 37 + Mi 4 + Pc 6 + Ren 14 im Wechsel mit Bl 20 + Bl 25 + Bl 44 + Bl 52
  • Öffnen des Dai Mai als den blockierten Bereich einengendes Gürtelgefäß: Gbl 41 + SJ 5
  • Öffnen des Chong Mai als See des Blutes, der für die Verteilung von Jing, Blut und Qi zuständig ist und damit Stagnation löst und (nicht nur) die Mitte nährt: Mi 4 + Pc 6

Beispiele für Chinesische Arzneimittelrezepturen:

Die oben bereits erläuterten Rezepturvorschläge sind auch für das Syndrom „Holz greift Erde an“ geeignet. Die jeweilige Auswahl richtet sich nach den vordringlichen Symptomen, ggf. sind einzelne Kräuter anzupassen.

Passend ist auch die Rezeptur Chai Hu Shu Gan Tang, wenn die Leber-Qi-Stagnation im Vordergrund steht und das Blut harmonisiert sowie Schmerzen gelindert werden sollen. Völlegefühl im Hypochondrium und Dysmenorrhoe in Verbindung mit Reizbarkeit sind häufige Symptome für die Auswahl dieser Rezeptur.

Maßnahmen zur Selbsthilfe:

Sehr wichtig zur Besserung eines Reizdarms ist die aktive Rolle der Patient:innen. Es gilt, ihnen dies zu erklären, dabei ist jedoch entscheidend, Veränderungen gemeinsam mit ihnen darauf abzustimmen, was sie realistisch umsetzen möchten oder können.

Mit folgenden Empfehlungen lassen sich oft Besserungen erreichen:

  • Entspannung und Gelassenheit fördern durch körperliche Bewegung wie Spazierengehen, Qi Gong oder dem Erlernen und v. a. Praktizieren von Entspannungsübungen. Viele unserer Patient:innen haben so etwas schon früher kennengelernt und nur wieder vergessen. Auch können Gruppentermine helfen, um regelmäßig zu üben.
  • Eine einfache Übung ist bei Stress und Gereiztheit das Schütteln. Die Patient:in stellt sich schulterbreit, stabil und entspannt hin, die Arme hängen seitlich herab. Sie beginnt leicht zu wippen und sich aus den Knien heraus zu schütteln, so dass der ganze Körper in eine weiche und lockere Bewegung gerät. Dies setzt die Patient:in für drei bis fünf Minuten fort. Das Gewicht kann dabei leicht von einem Bein auf das andere und zurück verlagert werden. Die Patient:in beobachtet währenddessen und danach ihren Körper, insbesondere den Bereich von Magen und Darm. Danach wird oft eine Bauchmassage als unterstützend empfunden. Die Patient:in legt beide Hände auf den Nabel und führt diese in allmählich größer werdenden Kreisen zunächst neunmal in Uhrzeigerrichtung, danach neunmal gegen die Uhrzeigerrichtung in kleiner werdenden Kreisen über den Bauch zurück zum Nabel. Wie viel Druck sie dabei anwendet, richtet sich danach, was sie als wohltuend empfindet. Zuletzt bleiben die Hände auf dem Nabel oder dem sich darunter befindenden Dantian liegen, die Patient:in atmet in tiefen, ruhigen Zügen ein und aus und nimmt die dadurch verursachte, leichte Bewegung des Bauchraumes und damit die Darm-Massage wahr.
  • Reflektion der Position im Leben und die Zufriedenheit untersuchen: Stimmen die Lebensbedingungen? Welche Verhaltensweisen sind hilfreich, welche hinderlich? Welche Ziele und Träume hat man und wie lassen sie sich erreichen? Oft ist an dieser Stelle auch eine Psychotherapie hilfreich.
  • Ernährung regelmäßig, eher kleine Portionen, in entspannter Atmosphäre, gut kauen, magenverträgliche Rezepte, entblähende Gewürze wie Kümmel, Fenchel, Anis, ballaststoffreich essen, kein rohes Getreide wie in Fertigmüslis, weil rohes Getreide schwer verdaulich ist und zu Entzündungen im Darm führen kann, ausreichend trinken.
  • zur Regulation und zum Aufbau des Qi regelmäßige Pausen in den Tag einbauen sowie ausreichend schlafen.

Nach meiner Beobachtung bedeutet die Heilung oder Besserung eines Reizdarm-Syndroms einen langen Weg, der nur erfolgversprechend ist, wenn die Patient:innen bereit sind, ihr Leben aktiv zu verändern. Wie viele andere tief gehende Ess- und Verdauungsstörungen bleibt der Darm oft lebenslang ein empfindliches Organ. Wenn die Patient:innen jedoch lernen, ihre „Schwäche“ als Frühwarnsystem des Körpers zu verstehen, das auf Probleme hinweist, kann sogar ein Reizdarm ein wertvoller Helfer im Leben werden.


Quellen:

  • Noll Andreas, Kirschbaum Barbara, Hrsg. – Stresskrankheiten, Vorbeugen und Behandeln mit chinesischer Medizin, Elsevier-Verlag, ISBN 13:978-3-347-57560-0, Kapitel 47, S. 513-519, Verdauungssystem: Irritables Colon, von B. Kirschbaum
  • Ross Jeremy – Akupunktur-Punktkombinationen, Der Schlüssel zum klinischen Erfolg, ML Verlag, ISBN 978-3-88136-189-7, Kapitel 26, S. 421-422, Syndrome des Verdauungstraktes, Colon irritabile und gespanntes Abdomen
  • Deadman Peter, Al-Khafaji Mazin, Baker Kevin – Großes Handbuch der Akupunktur, Verlag für Ganzheitliche Medizin, Dr. Erich Wühr GmbH, ISBN 3-927344-42-7
  • Chen John K., Chen Tina T. – Chinesische Pharmakologie 2, Rezepturen und Therapiestrategien, Verlag Systemische Medizin, ISBN 978-86401-003-3, S. 226ff, S. 251ff, S. 240ff, S. 506ff, S. 493ff, S. 999ff, S. 231ff

Bildnachweise:
Foto Akupunkturpuppe - Depositphotos/AGTCM

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