04.12.2025
Einer Studie zufolge verursachen Rücken- und Gelenkschmerzen in Deutschland über 38 Millionen Arztbesuche im Jahr. Sie bedingen einen großen Anteil der Krankheitstage. Schmerzzustände und Bewegungseinschränkungen am muskuloskelettalen Apparat werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin unter dem Begriff Bi-Syndrom zusammengefasst.
Nach der TCM-Theorie gibt es äußere und innere Ursachen für Wirbelsäulen- und Gelenkschmerzen. Äußere Ursachen sind hauptsächlich Haltungsfehler, Bewegungsmangel und pathogene klimatische Einwirkungen wie übermäßiger Wind, Kälte und Feuchtigkeit. Zu den inneren Ursachen zählen Ernährungsfehler, Stoffwechselstörungen und übermäßige Emotionen wie Wut, Zorn, Stress, Schock oder Ängste. All diese Faktoren können zu Muskelverspannungen, Kontrakturen, Verklebungen der Faszien, Bänderschwäche und Wirbelfehlstellungen führen. Letztlich beruhen sie auf einer Disharmonie des Qi und des Blutes.
Die TCM basiert auf einer differenzierten Beschreibung der Krankheitsursachen. Im Folgenden werden das mit Beschwerden des Bewegungsapparats verbundene Bi-Syndrom und seine Behandlung beschrieben.
Das akute Bi-Syndrom entwickelt sich meistens auf Grund einer allgemeinen Schwächung des Wei-Qi (Abwehr-Qi) und durch Einwirkung eines exogenen pathogenen Faktors wie Wind, Kälte, Hitze oder Feuchtigkeit in übermäßigem Maße. Zu den weiteren Gründen zählen Traumen, Überanstrengung und Bewegungsmangel.
Ein chronisches Bi-Syndrom kann sich aus einem akutem Bi-Syndrom entwickeln. Allgemein entsteht es auf Grund einer Schwäche des Blutes (Xue) und des Yin. Nach der TCM reguliert die Leber das Blutvolumen. Die Niere ist die Mutter des Yin-Reservoirs. Dabei nährt die Leber die Sehnen, die Bänder und die Skelettmuskulatur; die Milz das weiche Muskelfleisch und die Nieren die Knochen. Insgesamt müssen wir bei chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates vor allem Leber, Nieren und Milz unterstützen. Beim chronischen Bi-Syndrom entstehen häufig Schleim-Nässe-Ansammlungen an den betroffenen Gelenken. Sie sind ein Ausdruck mangelnder energetischer Funktionen der Leber, der Nieren und vor allem der Milz.
Bi-Syndrome werden entsprechend der verursachenden klimatischen Faktoren in die folgenden Kategorien eingeteilt:
In der Regel kommen Bi-Syndrome in kombinierter Form vor. Bei einer andauernden Erkrankung können sich die Syndrome verwandeln. So ist es möglich, dass zu einem Wind-Bi-Syndrom Symptome eines Kälte-Bi-Syndroms hinzukommen. Ein Kälte-Bi-Syndrom kann sich zu einem Hitze-Bi-Syndrom und einem Feuchtigkeit-Bi-Syndrom entwickeln. Die Behandlung richtet sich nach den dominantesten pathogenen Faktoren. Bei akuten Bi-Syndromen bleibt die Zunge, außer eventuell ihr Belag, in einem normalen Zustand. Ihre Farbe und Form ändern sich erst, wenn der pathogene Faktor tiefer eingedrungen ist und die Blutebene (Yin-Schicht) schädigt. Es hat sich dann ein chronisches Bi-Syndrom entwickelt.
Mikro-Ohrakupressur[1] (MOAP), Ohr- u. Körperakupunktur
Bei einem akuten Bi-Syndrom wirkt der äußere pathogene Faktor hauptsächlich auf die oberflächlich fließenden Tendinomuskulären Meridiane (TMM) und/oder auf die Nebenmeridiane (Luo-Gefäße).
Hier führt nach meiner Praxiserfahrung die Mikro-Ohrakupressur (MOAP) mit Meridianstrichen und Tuina als erste Maßnahme schnell zum Erfolg. Die irritierten Ohrpunkte liegen überwiegend auf der Anthelix, der Helix, der Scapha und dem Lobulus. Eine MOAP stärkt das Wei Qi, indem sie Oberflächen öffnet und hilft, damit pathogene Faktoren schneller nach außen zu befördern. Weitere Maßnahmen neben der Akupunktur/Moxibustion (siehe unten) sind je nach Syndrom der Mikroaderlass mit dem Pflaumen-Blütenhämmerchen sowie trockenes oder blutiges Schröpfen und Gua Sha (Schaben).
Bevorzugte Körperakupunktur-Regel bei Bi-Syndromen
Generell sind beim chronischen Bi-Syndrom das Xie Qi zu eliminieren und das Zheng-Qi aufzubauen. Neben den die Oberfläche öffnenden Maßnahmen wird am Körper akupunktiert, gegebenenfalls mit Moxibustion. Hierbei bevorzugt man in der Regel die Fernpunkte und das Sechs-Schichten-Konzept. Die Fernpunkte sind distal gelegene antike Punkte auf den betroffenen Meridianen oder auf den nach dem Sechs-Schichten-Konzept zugeordneten Meridianen. Es ist vorteilhaft, die von den betroffenen Gelenken aus diagonalliegenden Extremitäten als Fernpunkte zusätzlich zu nadeln. Also Fingergelenke bei betroffenen Zehengelenke, Handgelenke bei betroffenem Knöchel, Ellenbogen bei betroffenen Knien oder die Schulter bei betroffener Hüfte und umgekehrt.
Akupunkturpunkte, zugeordnet nach pathogenen Faktoren
Die Behandlung der einzelnen Bi-Syndrome hängt von den spezifischen pathogenen Faktoren wie folgt ab:
Beim Knochen-Bi-Syndrom ist es wichtig, neben den genannten Behandlungen Maßnahmen zur Stärkung der inneren Organe wie Leber, Niere und Milz zu ergreifen, um das Zheng Qi zu fördern. Dazu gehören eine Kräuter- und Mikronährstofftherapie, eine Säure-Basen-Haushalt-Regulation über basische Ernährung sowie das Trinken nach der Organuhr. Die Patient:innen sollten ermuntert werden, sich mehr zu bewegen, mehr zu Fuß zu gehen oder Körperertüchtigungen wie Qigong, Yoga oder Pilates zu praktizieren.
Kniegelenkarthrose oder Kniegelenkarthritis gehören in allgemeinen zu den Knochen-Bi-Syndromen.
Insgesamt sind eine sorgfältige Anamnese und die körperliche Untersuchung bei einer Gonalgie differentialdiagnostisch besonders wichtig. Bei Beschwerden des unteren Bewegungsapparates ist es unerlässlich, die gesamte Statik zu inspizieren und die Gelenksfunktionen zu überprüfen.
Knieschmerzen können äußere und innere Ursachen haben. Zu den äußeren Ursachen zählen Über- oder Fehlbelastungen des Kniegelenks sowie der Kniebänder, Chondropathien und Unfallfolgen (z. B. Gelenksdistorsionen).
Sind die Kniegelenksbeschwerden durch eine ISG-Blockade bedingt, so muss diese zuerst korrigiert werden. Die Gonalgie ist häufig ein reflektorisches Symptom für eine ISG-Blockade.
Die inneren Ursachen für eine Gonalgie sind vielfältig. Es können Wachstumsschmerzen bei schnell wachsenden Jugendlichen, Infektionen, stoffwechselbedingte rheumatische Arthritiden oder chronische Arthrosen sein. Dahinter verbergen sich häufig reaktive Arthritiden, die durch nicht ausgeheilte Virus- oder Streptokokken-Infektionen verursacht wurden. Bei älteren Menschen sind Knieschmerzen oft durch eine allgemeinen Gelenkschwäche oder durch strukturelle Veränderungen aufgrund eines Bewegungsmangels bedingt.[1]
Die folgenden Punkte können behandlungsbedürftig sein:
Punkte auf dem Meridian, der durch den betroffenen Bereich des Knies verläuft. Das können der Magen-, Milz-, Gallenblasen-, Blasen-, Nieren- oder Lebermeridian sein. Dazu kommen Punkte auf dem gekoppelten Meridian oder auf dem nach der Oben-Unten-Regel zugeordneten Meridian.
Lokalpunkte: Ma 35 (laterales „Knieauge“), Ma 36, Ma 40, Ex 23 (mediales „Knieauge“), Mi 9, Gbl 33, Gbl 34, Bl 40, Ni 10 und Le 8.
Fernpunkte: Bei akuten Beschwerden beginnt man die Körperakupunktur je nach Lokalisation der Schmerzen wie folgt:
Mangel in Zusammenhang gebracht.
Insgesamt hat sich das Konzept des Bi-Syndroms als ein wertvoller Schlüssel sowohl zur Diagnose der Ursachen von Wirbelsäulen- und Gelenkschmerzen als auch zu ihrer Behandlung erwiesen.
Literaturhinweis:
[1] „Ohrakupunktur und Mikro-Ohrakupressur nach TCM/Systemisch-Energetische Wirbelsäulen- und Gelenktherapie (SEWIG)“ Jin-Sook Schnell-Jacob, ISBN: 9783964742322, ML Verlag
Bildnachweis:
Depositphotos/AGTCM
Grafik/Jin-Sook Schnell-Jacob

Jin-Sook Schnell-Jacob wuchs in Südkorea in einer Familie auf, zu der seit Generationen Ärzte für traditionelle chinesische Medizin gehörten. Neben der Ausbildung zur Diplom-Krankenschwester hat sie in Südkorea ab dem 17. Lebensjahr bei ihrem Onkel in der „Traditionelle Chinesische Medizin Praxis Seo“ mitgearbeitet.
Seit 1985 führt sie eine Naturheilpraxis als Heilpraktikerin in Deutschland. Seither regelmäßige Weiterbildungen in Südkorea u.a. beim „Institut für wissenschaftliche moderne Akupunktur Studien“ (Hyundai Chimkuhak Yoenkuhoe) in Seoul bei Prof. Kim, Nam-Soeb und Lee, Beoung Guk und in Koreanischer Handakupunktur bei Prof. Yu, Tae-Woo.
Neben ihrer Praxistätigkeit unterrichtet sie seit 1985 in TCM Ausbildungen verschiedener Institute, und gibt Fachseminare zu Koreanischer Handakupunktur und zur Behandlung verschiedener Krankheitsbilder mit Akupunktur. Einen Schwerpunkt bildet dabei die von ihr in über 35 Jahren durch eigene Praxis-Erfahrung entwickelte Therapie „Systemisch-energetische Wirbelsäulen- und Gelenktherapie mit Mikro-Ohrakupressur“ (SEWIG).
Das Bi-Syndrom beschreibt in der TCM Schmerzen durch blockiertes Qi und Blut. Die Strategie ErTianShu verbindet Akupunktur mit den BaGua-Prinzipien und bietet einen hochwirksamen Ansatz für komplexe rheumatische und autoimmune Beschwerden.
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Blockierte Schulter aus TCM-Sicht: Anhand eines Praxisfalls zeigt der Artikel, wie Akupunktur, Kräuter und die Theorie der Himmelsstämme und Erdenzweige effektiv Schmerzen lösen und Beweglichkeit zurückbringen können.
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Bi-Syndrome entstehen durch Blockaden von Qi und Blut sowie durch Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit. Die TCM lindert Schmerzen mit Akupunktur, Kräutern, Moxa, Tuina und gezielter Punktwahl – für mehr Beweglichkeit und weniger Beschwerden.
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Unsere praxisnahen Fachartikel decken Akupunktur, Kräuterheilkunde, Diätetik, Tuina, Qi Gong und Kombinationen dieser TCM-Methoden ab: Fundierte Erkenntnisse und Anregungen für TCM-Therapeut:innen, die ihr Wissen gezielt anwenden und kontinuierlich weiterentwickeln möchten.
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