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Burnout und Chronisches Erschöpfungssyndrom – Wie hilfreich ist Qi Gong?

Fakten, Hintergründe und Einblick in die Traditionelle Chinesischen Medizin

Dr. Martina Bögel-Witt, Bad Bramstedt

Unsere Lebensweise

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die 24-Stunden-Aktivität zur Normalität geworden ist. In großen Städten ist dies selbst aus dem Weltraum an der nächtlichen Lichtüberflutung gut zu erkennen. In einer ganzen Reihe von Berufen wird der Schichtdienst gefordert. Die Betroffenen werden immer wieder aus ihrem Tages- und Nachtrhythmus herausgerissen. Mittlerweile gibt es gesundheitliche Auflagen der Arbeitgeber, wie die Arbeits- und Ruhephasen einzuhalten sind, aber ein natürlicher Tages- und Nachtrhythmus wird damit natürlich nicht erzielt.

Der Wohlstand der westlichen Länder trägt dazu bei, dass viele Menschen den Eindruck gewinnen, dass sie etwas Entscheidendes verpassen, wenn sie nicht alle Angebote annehmen, die möglich sind. In der Berufswelt und auch oft im Privatleben muss alles schneller, weiter und höher gehen. Dies mag auch mit dem Image von Aktivität und Ruhe zusammenhängen. Aktivität gilt als schick, Ruhe und äußere „Passivität“ eher als verpönt. Diese gesellschaftlichen Phänomene tragen dazu bei, dass sukzessive ein physiologischer Rhythmus von Aktivität und Ruhe verloren geht.

Mögliche Folgen von Überaktivität

Schlafstörungen

Mittlerweile klagt etwa jede:r dritte Deutsche über Schlafstörungen. Einer der Gründe mag darin liegen, dass wir ständig unseren Sympathikus aktivieren und damit permanent auf „Aktivität“ schalten. Der menschliche Organismus und alles Lebendige unterliegt einer ganzen Reihe von physiologischen Rhythmen. Der bekannteste ist der circadiane Rhythmus, der etwa einen Tag umfasst. Kommt es hier zu länger anhaltenden Verschiebungen, so besteht das Risiko, dass der Mensch sich nicht mehr körperlich, mental und seelisch erholt. Im Verlauf kann es zu Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen und Einbußen in der Leistungsfähigkeit kommen.

Burnout – auf dem Vormarsch in der westlichen Welt[1-2] 

Burnout bedeutet wörtlich „ausgebrannt sein“. Es handelt sich um eine Art von chronischem Erschöpfungszustand, von dem ca. 4 % - 5 % der Erwachsenen betroffen sind (5 % Frauen und 4 % Männer). Die Prävalenz hat sich im letzten Jahrzehnt nahezu verdreifacht.

Das Burnout-Syndrom, das mit körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung einhergeht, führt zu deutlichen Schwierigkeiten in der Lebensbewältigung. Meist liegt ihm eine Depression zugrunde. Mit dem Burnout-Syndrom können auch Panik-Attacken einhergehen. Zu den schwerwiegendsten Symptomen gehört hierbei eine Art emotionaler Erschöpfung. Sich wohlfühlen, Freude empfinden, Interesse an vielfältigen Dingen, Anteilnahme und Wertschätzung gehen dabei oftmals völlig verloren. Immer mehr Raum hingegen nimmt das Gefühl der „Leere“ ein.

Insbesondere Menschen, die ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für ihre soziale bzw. berufliche Umwelt haben und von Perfektionismus getrieben sind, gehören zu den Risikogruppen, wenn sie permanent ihre eigenen Kräfte überschreiten. Auf dem Weg in den Burnout nehmen sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahr. Dies trifft auffällig oft Menschen, die sich in Gesundheitsberufen und/oder sozialen Einrichtungen engagieren. Aber auch viele ehrgeizige Manager:innen, die sich hochmotiviert auf der Karriereleiter nach oben kämpfen, nur noch fremdbestimmt sind und sich kein Privatleben und keine Selbstbestimmung mehr gönnen, sind gefährdet.

Die Lebensführung geht bei den Betroffenen häufig mit einem hohen Stresspegel einher. Burnout braucht Stress- und Lebensstil-Coaching. Die eigenen Bedürfnisse sollten wieder wahrgenommen werden.

Was ist über das Chronische Erschöpfungssyndrom bekannt?

In Deutschland sind etwa 0,3 % der Bevölkerung von CFS (Chronic Fatigue Syndrome), der myalgischen Enzephalomyelitis, betroffen3. Das CFS kann bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auftreten. Frauen leiden 3-mal häufiger am Chronischen Erschöpfungssyndrom als Männer. CFS wird häufig erst sehr spät oder gar nicht erkannt. 75 % der Betroffenen gelten als arbeitsunfähig.

Typische Symptome von CFS sind[3]:

  • Grippesymptome, die sich über Monate nicht bessern
  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsstörungen
  • Belastungsintoleranz
  • Erschöpfung
  • Störungen im Gleichgewichtssinn
  • Fehlender erholsamer Schlaf bzw. Schlafstörungen
  • Geräusch-, Licht- und Berührungsempfindlichkeit
  • Angstzustände und Depressionen können auftreten.

Seit Ende der 1960er Jahre wird das Chronische Fatigue-Syndrom als neurologische Erkrankung definiert. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Multisystemerkrankung, bei der v. a. das Nerven- und Immunsystem und der Energiestoffwechsel betroffen sind.

CFS kann durch Virusinfektionen wie z. B. mit dem Ebstein-Barr-Virus und – aktuell bekanntgeworden – auch nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 auftreten.

Was leistet die integrative Medizin[4]?

Bei der integrativen Medizin ergänzen Methoden, die aus der Komplementärmedizin stammen, die Schulmedizin. Dies soll dazu beitragen, bessere und nachhaltigere therapeutische Ergebnisse zu erzielen. Immer mehr Patient:innen suchen zusätzliche Unterstützung bei komplementärmedizinischen Methoden. Die integrative Medizin entwickelt sich zurzeit als eigener vielversprechender „Zweig“ der Medizin.

Qi Gong – eine Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin

Bei der Traditionellen Chinesischen Medizin handelt es sich um ein mehrere Tausend Jahre altes Medizinsystem. Es fußt auf fünf grundsätzlichen Säulen: TCM-Ernährung, Akupunktur, Chinesische Pharmakologie, Tuina (manuelle Techniken, inkl. Massage) und Qi Gong.

Abb. 1 Die Säulen der TCM

Ein zentraler Ansatz der TCM ist die Vorstellung, dass für die Gesundheit eine Balance von Yin und Yang essenziell ist. Auf unsere westliche Lebensweise übersetzt bedeutet dies, ein Gleichgewicht zwischen Aktivität und Ruhe anzustreben. Der moderne Mensch sollte Muße und eine Sicht auf sich selbst zulassen, wahrnehmen und den eigenen Bedürfnissen Raum geben, sich selbst Nichtstun erlauben und die Dinge auch einmal geschehen lassen.

Abb. 2 Yin- und Yang-Symbol

Im Yin- und Yang-Symbol sind Gegensätze miteinander verbunden, die in Opposition stehen, sich gegenseitig erzeugen, voneinander abhängen (es gibt keinen Tag ohne die Nacht), sich gegenseitig verbrauchen und ineinander umwandeln bzw. sich gegenseitig erzeugen (s. kleiner Kreis). Das Yin- und Yang-Symbol versinnbildlicht einen kontinuierlichen Fluss. Dieser Fluss beschreibt auch die physiologischen Vorgänge in der Natur und deren Gleichgewicht. Im Falle von Burnout und CFS ist das sensible Gleichgewicht gestört. Der:die Qi Gong-Praktizierende erzeugt fließende Bewegungen, die Yin- und Yang-Energien in harmonischer Weise erzeugen. Dies geschieht in großer Ruhe und Konzentration. Die Formen können auch innerlich – also rein gedanklich – ohne sichtbare äußerliche Bewegung umgesetzt werden.

Beim Qi Gong-Üben wird vornehmlich die rechte Gehirnhälfte aktiviert, also der Yin-Modus, der in unserer heutigen Lebensweise eher vernachlässigt wird. Patient:innen mit CFS und Burnout kann es guttun, an diese Quelle zu gelangen, um wieder Kräfte zu schöpfen und sich energetisch auszubalancieren. In der nachfolgenden Tabelle ist hierzu ein Vergleich aufgestellt.

Tab. 1 Linke und rechte Gehirnhälfte beim Qi Gong-Üben

Das Üben des Qi Gong erfordert Konzentration, Ausdauer und Präzision. Die Bewegungen erscheinen wie in Zeitlupe. Dadurch gelangt der:die Praktizierende in einen Zustand der Entschleunigung, dem erforderlichen Gegengewicht zu einer hektischen, schnelllebigen Lebensweise.

Eine besondere Rolle kommt hierbei der Atmung zu. Der:die Praktizierende lässt die Atmung entweder ganz natürlich fließen oder setzt gezielt Atmungstechniken ein. Der „Shen“, also Geist, führt im Qi Gong. Durch die achtsam durchgeführten Bewegungen kommt es i. d. R. zu einer verlangsamten Atemfrequenz, die Atemtiefe nimmt dabei zu. Auch die Herzfrequenz reduziert sich; manchmal nimmt auch ein überhöhter Blutdruck ab. Nachgewiesen ist ein Anstieg der Alpha-Aktivität der Hirnströme, ein Hinweis auf Entspannung und einer Aktivierung des Parasympathikus, dem Entspannungsmodus unseres autonomen Nervensystems. Beim Ausüben von Qi Gong steigt die Produktion unseres Glückshormons Serotonin; die „Stresshormone“ Adrenalin und Noradrenalin sinken. Man nennt dies auch den „Ru Jing“-Zustand im Qi Gong.

Nach der TCM wirkt sich Qi Gong vor allem regulierend auf den Qi-Fluss und bewahrend auf das Jing (unsere „Lebenskerze“) aus.

Für Qi Gong wurden physiologische Effekte auf

  • das respiratorische System
  • das kardiovaskuläre System
  • das Nervensystem (neuroelektrophysiologisch)

nachgewiesen.

Die Wirksamkeit von Qi Gong bei Burnout und CFS  ist in verschiedenen Studien belegt

Im Fall von Burnout wurde für Qi Gong ein stressreduzierender Effekt nachgewiesen[5]. Eine positive Wirkung ist auch im Rahmen von Rehabilitationsprogrammen bei Burnout belegt[6]. Der anerkannte und weitverbreitete Burnout-Selbsttest (Maslach-Burnout-Inventory) gibt deutliche Hinweise, dass sich typische Symptome des Burnouts wie emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit durch Qi Gong verbessern[7]. Die Ergebnisse einer weiteren Studie zeigen, dass sich mittels Qi Gong die Stressakzeptanz und die Lebensfreude verbessern und sich eine größere Offenheit dem Leben gegenüber entwickelt[8]

In Bezug auf das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) scheint die Intensität des Praktizierens in einem direkten Zusammenhang mit dem Effekt zu stehen. Denn mit der Intensität des Übens nimmt das Ausmaß der Symptome wie Erschöpfung, Ängste und depressive Verstimmungen ab[9]. Die Autoren (Chan et al.) folgern aus den Ergebnissen einer weiteren Untersuchung, dass sich Qi Gong möglicherweise als Selbst-Management-Methode bei CFS eignet[10]. Xie et al konnten über die bereits genannten Symptome hinaus noch einen positiven Effekt von Qi Gong auf die ursprünglich vorhandenen Schlafstörungen nachweisen[11].

Welche Formen sollte man wählen, wenn man von Burnout und CFS betroffen ist?

Wichtiger als die Form ist zunächst die Qualifikation des Qi Gong-Trainers oder der Trainerin bzw. des:der Therapeut:in. Ist er:sie entsprechend in Qi Gong ausgebildet und kann er:sie einen entsprechenden therapeutischen Hintergrund als Arzt/Ärztin oder als Heilpraktiker:in vorweisen? Wendet sich ein:e Patient:in mit Burnout bzw. Chronischem Erschöpfungssyndrom an eine:n TCM-Therapeut:in, so erstellt er:sie erst einmal eine TCM-Diagnose. Im Anschluss wird er:sie für den/die betroffene/n Patient:in spezifische Qi Gong-Übungen auswählen, die sich als geeignet erweisen. Dies entspricht einer Art „Individualrezeptur“. Möglich ist auch Gruppenunterricht mit Betroffenen, denn es treten bei diesen Erkrankungen häufige Disharmonie-Muster auf, hierzu gehören u. a. TCM-Störungen im Funktionskreis Leber mit Stagnationszeichen, eine Schwäche der Mitte sowie die Beteiligung des Funktionskreises des Herzens, sowie den sich hieraus ableitenden Pathophysiologien.

Ein:e erfahrene:r und geschulte:r Therapeut:in wird geeignete Übungen auswählen. Dies können ausgewählte Übungen der „8 Brokate“, einzelne Übungen wie „der kleine himmlische Kreislauf“ zum Ausgleich von Yin und Yang oder ausgewählte Übungen der „Heilenden Laute“ sein. Bestimmte Formen haben sich im therapeutischen Bereich besonders bewährt.

Kurz zusammengefasst

Bei Qi Gong handelt es sich auch um eine Art bewegter Meditation, die durch die langsamen und bewussten Bewegungen zur Entschleunigung führt und damit einen wichtigen Gegenpol zu unserer schnelllebigen und leistungsorientierten Welt setzt. Qi Gong eignet sich auch für Menschen, die von Burnout oder CFS betroffen sind, um wieder zu sich selbst zu finden und Lebenskräfte aufzutanken.

Qi Gong ist eine Methode der TCM und der Lebenspflege. Regelmäßig angewandt wird sie Teil des eigenen Lebensstils.


Quellen:

[1] Linnewe K, Heufelder A, Flasnoecke Mr, Balance statt Burn-out, Der erfolgreiche Umgang mit Stress und Belastungssituationen, W. Zuckschwerdt Verlag, 2010

[2] Storch, M, Kuhl, J, Die Kraft aus dem Selbst, Sieben PsychoGyms für das Unbewusste, hogrefe 2017

[3] https://www.mecfs.de/longcovid/, abgegriffen, 27.09.2022, 17.00 Uhr

[4] Frass M, Krenner L Hrsg., Integrative Medizin, Evidenzbasierte komplementär-medizinische Methoden.

[5] Griffith J M et al.,Qigong stress reduction in hospital staff, J Altern Complement Med. 2008; 14(8): 939-45

[6] Stenlund T et al., Effects of rehabilitation programs for patients on long-term sick leave for burnout: a 3 –year follow –up of the Rest study, J Rehabil Med. 2012 Jul; 44(8): 684-90

[7] Saganha JP et al., Qigong therapy for physiotherapists suffering from burnout: a preliminary study, Zhong Xi Yi Jie He Xue Bao. 2012; 10(11): 1233-9

[8] Jouper, J, Johanssen M, Qigong and mindfulness-based mood recovery: exercise experiences from a single case, Bodyw Mov Ther. 2013; 17(1): 69-76

[9] Chan JSM et al. Qigong exercise alleviates fatigue, anxiety and depressive symptoms, improves sleep quality, and shortens latency in persons with chronic fatigue syndrome-like illness. Evid Based Complement Alternat Med. 2014; 2014: 106048.doi:10.1155/2014/106048

[10] Chan JSM et al. Qigong exercise for chronic fatigue syndrome. Int Rev Neurobiol 2019; 147:121-153

[11] Xie F et al. The Qigong of Prolong Life with Nine Turn Method Relieve Fatigue, Sleep, Anxiety and Depression in Patients with Chronic Fatigue Syndrome: A Randomized Controlled Clinical Study. Front Med 20229:828414

Bildnachweise:
Depositphotos ­­– AGTCM

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