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Blockierte Schulter – Behandlung des Bi-Syndroms in der Praxis

Einleitung

Bù tōng zè tòng, tòng zé bù tōng (不通這痛, 痛則不通)

Ein Lehrsatz der Chinesischen Medizin besagt, dass der freie Fluss von Qi und/oder Blut die Voraussetzung für Schmerzfreiheit ist. Das bedeutet im Umkehrschluss, wo dies nicht gegeben ist, wird es zu Schmerzen kommen. Deshalb besteht primär das Ziel jeder Schmerztherapie, den freien Fluss von Qi und/oder Blut wiederherzustellen.

Schmerzen im Bewegungsapparat sind in der chinesischen Medizin als Bi-Syndrome bekannt. „Bi“ bedeutet Blockade und erklärt den auftretenden Schmerz. Blockiert wird der freie Fluss von Qi und Blut, einerseits durch von außen in den Körper eintretende pathologische Einflüsse wie Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit. Andererseits können aber auch innere Faktoren den freien Fluss von Qi und Blut behindern und Schmerzen im Bewegungsapparat nach sich ziehen. Die Traditionelle Chinesische Medizin hält mit Akupunktur, chinesischen Heilkräuter-Rezepturen, mit Moxibustion, Tuina und Guasha, aber auch mit Ernährungsempfehlungen und Empfehlungen für ein gesundes Leben (Yangsheng) hier ein weites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten bereit und kann damit, wenn auch nicht immer zur Heilung, so doch zu einer substantiellen Linderung der Beschwerden beitragen. Das Ziel der chinesischen Medizin ist es, die Funktion der Muskeln, Sehnen und Gelenke schmerzfrei zu erhalten, beziehungsweise die Schmerzfreiheit wieder zu erlangen, auch wenn das Gewebe selbst degeneriert ist, wie das z.B. bei Arthrose der Fall ist. 

Fall aus der Praxis

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Behandlung einer 63jährigen Frau, die mit einem Impingement-Syndrom der linken und rechten Schulter in meine Praxis kam, die ich einerseits nach klassischen Regeln der TCM behandelte, andererseits wurde aber die individuelle Konstitution nach der Theorie der Himmelsstämme und Erdenzweige mit einbezogen.

Anamnese

Beate M. erfreut sich insgesamt einer guten und stabilen Gesundheit und kann aus ihrer Geschichte nur von jahreszeitlich auftretenden Infekten der oberen Luftwege berichten, die sich jedoch manchmal zu heftigen Halsentzündungen und auch Bronchitiden entwickelten. Die Menopause verlief – von gelegentlichen Hitzewallungen und Schlafstörungen abgesehen – einigermaßen problemlos. Beides konnte ich aber in der Vergangenheit immer gut und schnell mit Akupunktur und chinesischen Heilkräutern behandeln. Sie ist verheiratet und hat einen mittlerweile erwachsenen Sohn. Die Familie lebt in gesicherten Verhältnissen, ist sozial sehr gut vernetzt, sowohl in Familie als auch im Freundeskreis. Sie selbst stammt aus einer kinderreichen, aber sicheren und stabilen Herkunftsfamilie. 

Vor ungefähr 5 - 6 Jahren erfuhr dieses in gesicherten und ruhigen Bahnen fließende Leben jedoch eine abrupte Veränderung, weil ihr Ehemann lebensbedrohlich erkrankte. Ihre eigenen Worte: „Die Leichtigkeit des Seins war dahin.“ Fortan wurde das alltägliche Leben auf die Bedürfnisse des erkrankten Partners konzentriert. Es folgten viele Besuche und stationäre, mehrwöchige Aufenthalte in Krankenhäusern und dieser veränderte Rhythmus bestimmte den Alltag, der sich zunehmend schwierig gestaltete. Diese Zeit des Wartens und des Bangens um das Leben ihres Mannes brachte sie körperlich und emotional an ihre Grenzen. Es dauerte einige Jahre, bis sich ihr Ehemann soweit in das Leben zurück gekämpft hatte, dass man von einer eingeschränkten Normalität sprechen konnte. 

In dieser Zeit der beginnenden Normalität nun fing der Körper von Frau M. an zu streiken. Das Joch, das auf ihren Schultern ruhte, forderte seinen Tribut. Die leichten Einschränkungen in der Beweglichkeit der Schultern nahm sie zunächst „auf die leichte Schulter“, machte weiter Yoga und Qigong, doch irgendwann ließen sich die Beschwerden nicht mehr ignorieren. Der MRT-Befund bestätigte eine aktive Gelenkarthrose und eine subdeltoidale Bursitis. Die Supraspinatussehne zeigte eine Tendinopathie. Die Bewegungseinschränkung beider Schultern bezog sich im Wesentlichen auf den sogenannten Schürzengriff rechts, bei dem die Hand nicht nach hinten zum Rücken hin ausgestreckt werden kann und eine eingeschränkte Bewegung beider Armer seitlich nach oben, welches auf die Beteiligung des Dreifach-Erwärmers hindeutet. Ich entschied mich für eine Akupunktur- und Kräuter-Therapie, jedoch unter Einbeziehung der individuellen Gegebenheiten nach den Himmelsstämmen und Erdenzweigen. 

Himmelsstämme und Erdenzweige

Das Studium der Himmelsstämme und Erdenzweige stellt eine Vertiefung und Erweiterung der Möglichkeiten der Traditionellen Chinesischen Medizin dar. Die Himmelsstämme und Erdenzweige haben einen elementaren Einfluss auf die gesamte belebte und unbelebte Natur, sowohl auf das Klima und die Wachstumsphasen der Pflanzen als auch natürlich auf den Menschen als Teil der Natur, der genau den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Besonders spannend ist dabei die Betrachtung der verschiedenen Wandlungsphasen und deren Einfluss auf die unterschiedlichen Aspekte der Himmelsstämme und Erdenzweige. 

Im vorliegenden Artikel geschieht diese Betrachtung am konkreten und individuellen Beispiel der Patientin, die 1962 geboren wurde unter dem Aspekt des 9. Himmelsstammes Blase im aktiven Holz und Erdenzweig Lunge im aktiven Holz. Der Zeitpunkt ihrer Geburt im Frühjahr stand unter der Regie der Shaoyang-Schicht (3E-Gb).

Das chinesische Schriftzeichen für ren (Blase) 壬 zeigt einen Mann, der das Gewicht eines Jochs schultert. Gleichzeitig enthält das Piktogramm aber auch das Konzept eines Neubeginns. Das Joch, welches in dem Piktogramm 壬 erscheint, trägt die Einflüsse der acht vorangegangenen Himmelsstämme von Gallenblase, Leber, Dünndarm, Herz, Magen, Milz, Lunge und Dickdarm, die damit zu den Besonderheiten eines Menschen, geboren im Himmelsstamm Blase, beitragen.

Konstitutionelle körperliche Merkmale, assoziiert mit HS ren 壬(Blase) in aktivem Holz

  • Der Körper ist oft beweglich, flexibel und dynamisch. Das Holz-Element steht für Wachstum, Aufstrebendes und Lebenskraft.
  • Gesundheitlich beziehen sich die Merkmale auf die große Bewegung des aktiven Holzes, welches natürlich Bezug zu den Funktionskreisen Leber (Yin) und Gallenblase (Yang) hat, welche für den freien Fluss von Qi und Blut verantwortlich sind.
  • Es kann eine gute Vitalität, aber auch Neigung zu Spannungsschmerzen in Schultern, Nacken oder zwischen den Schulterblättern geben, da die Holz-Energie die Muskulatur und Sehnen beeinflusst.
  • Die Augen, Nägel und Haut spiegeln oft den Zustand des Holz-Elements wider. Beispielsweise können trockene Haut oder brüchige Nägel auf Ungleichgewichte hindeuten.
  • Ebenso kann es zu Verdauungsproblemen oder Beschwerden der Gallenblase kommen, wenn das Gleichgewicht gestört ist.

Konstitutionelle psychische Merkmale, assoziiert mit HS ren 壬( Blase) in aktivem Holz

  • Himmelsstamm Blase (Yang-Wasser mit aktivem Holz in der großen Bewegung): Die Blase als Organ ist in der TCM dem Element Wasser zugeordnet. Der Himmelsstamm Blase mit dynamischem (expansivem) Holz verweist auf eine Person, deren Grundenergie von expandierendem Wachstum, Flexibilität, Entschlossenheit und einer gewissen Unruhe geprägt ist. Das Holz-Element steht hier für Aufbruch, Kreativität, Initiative, aber auch für Spannung und mögliche innere Wut oder Frustration, wenn die Energie nicht frei fließt. Diese Person besitzt einen starken inneren Antrieb zur Entwicklung und Veränderung, gepaart mit einem gewissen Durst nach Neuem und einer starken Adaptationsfähigkeit.
  • Erdenzweig yin 寅(Lunge Metall-Yin-Organ, im Monatszyklus mit Hexagramm 11 "Der Friede"): Der Erdenzweig Lunge steht für Klarheit, Ordnung, Atem und Schutz. Psychologisch vermittelt er die Fähigkeit zu Balance, Struktur und innerer Beruhigung trotz innerer Bewegung. Die Lunge als Organ steht symbolisch für das Geschenk der Kommunikation, das Ein- und Ausatmen von Eindrücken und die Fähigkeit, emotionale Klarheit zu schaffen. In Kombination mit dem Himmelsstamm Blase zeigt dies einen Menschen, der trotz innerer Dynamik nach Ausgeglichenheit und Frieden strebt, mit einem natürlichen Bedürfnis nach Integrität und gesundem emotionalen Ausdruck.

Zusammenfassung der konstitutionellen Merkmale Himmelsstamm Blase und Erdenzweig Lunge

Diese Person ist eine dynamische, innerlich kraftvolle Persönlichkeit mit einem starken Wachstumstrieb (Holz-Blase), die gleichzeitig Wert auf klare Strukturen und inneren Frieden (Lunge) legt. Es kann eine gewisse Spannung zwischen impulsivem Handeln und dem Wunsch nach Kontrolle und Ruhe bestehen. Die Fähigkeit, äußere Herausforderungen mit Flexibilität zu begegnen, ist ausgeprägt. Emotional könnte die Person dazu neigen, ihre Impulse genau zu beobachten und durch bewusstes Atmen und innere Ordnung auszugleichen.

Allerdings: Man muss lernen, die Last des Lebens zu schultern und das ist oft nicht leicht insbesondere, wenn – wie im vorliegenden Fall – die große Bewegung Erde durch das aktive Holz zu sehr unterdrückt wird. Man muss lernen, mehr seiner inneren Stärke zu vertrauen als sich auf äußere Bedingungen zu verlassen. Rückfälle und Herausforderungen, die das Leben an einen stellt, können nicht verändert werden, wohl aber die Art und Weise, wie man sich ihnen stellt, kann angepasst werden.

Interpretation des Schmerzzustandes nach den Himmelsstämmen und Erdenzweigen

Warum streikte ihr Körper nun genau im Bereich der Schulter? Es hätten ja auch andere Gelenke des Körpers betroffen sein können. Weiß man um den Einfluss der Himmelsstämme und Erdenzweige, so wundert es einen nicht, dass gerade bei der Patientin diese Region mit Schmerz anzeigt, dass die Belastungsgrenze erreicht ist und warum. Auch die Bewegungseinschränkung nach hinten (Schürzengriff) verwundert in diesem Zusammenhang nicht, weil hier die Lungen-Leitbahn (LB) betroffen ist. Auch ihre früheren akuten Erkrankungen der oberen Luftwege mit Halsentzündungen und Husten weisen schon in diese Richtung. Außerdem ist das seitliche Heben des Armes eingeschränkt, was auf eine Beteiligung des Dreifach-Erwärmers hinweist.

Inspektion von Puls und Zunge und Diagnose

Beim ersten Besuch zeigten sich Puls und Zunge wie folgt:

Auf den cun- und guan-Positionen beidseits fand ich einen gespannten Puls, auch etwas dünn, und die chi-Position – ebenfalls beidseitig – war tief und schwach.

Zunge: blass, feucht, angespannt, dünner, weißer Belag, Unterzungenvenen (UZV) unauffällig.  

Daraus folgt folgende Diagnose: Leber-Qi-Stagnation, Blut-Leere und Nieren-Yang-Leere. 

Meine erste Behandlung folgte den Regeln der TCM, indem ich den Punkt Ma 38 (Tiaokou) kräftig manipulierte und den Arm nach hinten bis zur Schmerzgrenze bewegen ließ. Er wurde kontralateral links gestochen, weil der Schmerz schon in die Chronizität ging und auf der rechten Seite schlimmer als links war. Es folgten die Punkte Di 16 (Jugu), Di 15 (Jianyu), 3E 14 (Jianliao) und Gb 34 (Yanglingquan).

Erklärung zur Punkteauswahl in der 1. Sitzung

Ma 38 (Tiaokou) ist ein empirischer Punkt zur Behandlung von Schulterbeschwerden. Wenn die Nadel stark manipuliert wird, bis die Qi-Sensation spürbar ist, wird die Patientin/der Patient gebeten, den Arm in Richtung schmerzender Einschränkung zu bewegen. Damit kann schon während der 1. Sitzung eine gewisse Schmerzreduktion erzielt werden. Er ist außerdem der Schichtpartner Yangming (Magen-Dickdarm) zu Taiyin (Lunge-Milz) und deshalb im vorliegenden Fall, da die Lungen-LB betroffen ist, besonders wirksam. 

Di 16 (Jugu) Großer Knochen, hat den Bezug zu dem symbolischen Joch auf den Schultern, reguliert Qi und Blut und behandelt Schulterschmerzen. Außerdem ist der Dickdarm das verwandte Qi zum Erdenzweig Lunge und daher hier in doppelter Hinsicht angezeigt.

Di 15 (Jianyu) Schulterknochen, reguliert Qi und Blut und behandelt Schulterschmerzen. In diesem Fall gilt das gleiche wie zu Di 16.

Diese beiden Punkte wurden außerdem ausgewählt, weil sie die Yang-LB (Dickdarm) zur Yin-LB (Lunge) darstellen und auch als besonders wirksam bei der Behandlung von Schulterschmerzen gelten.

3E 14 (Jianliao) Schulterspalte, leitet Wind-Feuchtigkeit aus, stärkt das Schultergelenk, lindert Schmerzen und hat über seine tiefe Energie Wasser im Himmelsstamm Bezug zur Niere. Außerdem ist der Punkt besonders wirksam, weil die seitliche Bewegung des Armes nach oben eingeschränkt war.

Gb 34 (Yanglingquan) Erdpunkt, verteilt das Leber-Qi, lindert Schmerzen, stärkt Sehnen und Bänder und ist der Partner des Dreifach-Erwärmers in der Shaoyang-Schicht.

Beide Punkte haben außerdem Bezug zu der Schicht Shaoyang, die zum Zeitpunkt der Geburt der Patientin wirksam war. 

Punktauswahl aus Sicht der Himmelsstämme und Erdenzweige

Betrachtet man diese Auswahl aus Sicht der Himmelsstämme und Erdenzweige, so lässt sich erkennen, dass mit der Auswahl von Ma 38 (Tiaokou) die Erde angesprochen wurde, die durch das aktive Holz (Blase in aktivem Holz) geschwächt wird. Es wird generell darauf geachtet, dass zunächst das durch das aktive Element unterdrückte Element (hier die Erde) gestärkt wird. Mit der Behandlung von Gb 34 (Yanglingquan) erhielt das Erd-Element zusätzlich noch eine Unterstützung. Die beiden Dickdarm-Punkte sind die „like-qi“(verwandtes Qi)-Punkte der Lunge (Erdenzweig der Patientin), welche durch die Bewegungseinschränkung betroffen ist. 3E 14 (Jianliao) stärkt über seine tiefe Energie Wasser auf indirektem Weg das Nieren-Yang, das bei der Patientin aufgrund der Pulsdiagnose als schwach erschien.

Zusätzlich erhielt die Patientin das Fertigpräparat Ox Bone Pearls nach Heiner Frühauf, die im Wesentlichen das Blut bewegen, Schwellungen und Schmerzen reduzieren und die Mineralienaufnahme fördern.

Diese erste Behandlung führte schon zu einer wesentlichen Verbesserung der Schmerzen und der Beweglichkeit der Schulter. Die Inspektion von Puls und Zunge in der zweiten Sitzung ergab keine besondere Änderung.

Behandlung in der 2. Sitzung

In der 2. Sitzung versuchte ich die Stagnation im M. pectoralis mit Guasha zu lösen. Es zeigte sich sofort eine Rötung und petechiale Unterhautblutungen an dem behandelten Areal, was auf eine erhebliche Stagnation von Qi und Blut hinweist. Außerdem wurden Mi 9 kontralateral, Mi 6, Nie 3, Ma 13, Lu 1 und 2 (LB-bezogen) genadelt.

Erklärung der Punkteauswahl unter Berücksichtigung des HS und EZ der Patientin

Mi 9 (Yinlingquan) – dient ähnlich wie Ma 38 dazu, Bewegungseinschränkungen zu beheben. In vorliegenden Fall ist die Lungen-LB betroffen und Mi 9 als Partner in der Taiyin-Schicht, erfüllt die gleiche Funktion wie Ma 38 und stärkt zusätzlich die Erde, die im Geburtschart der Patientin geschwächt erscheint.

Mi 6 (Sanyinjiao) – als Partner der Lunge in der Taiyin-Schicht, stärkt es das Yin von Milz, Leber und Niere. Da das aktive Holz des Himmelsstamms Blase die Erde schwächt, vermag Mi 6 diese auf indirektem Weg zu stärken.

Nie 3 (Taixi) – Niere ist das like-qi (verwandtes Qi) des Himmelsstamms Blase in der Wandlungsphase Wasser und deshalb bei der Patientin besonders hilfreich, um das Yin und Yang des Wassers zu stärken.

Ma 13 (Qihu) – als lokaler Punkt im Hinblick auf die eingeschränkte Bewegung nach hinten und zur Unterstützung der Guasha-Stimulation. 

Lu 1 (Zhongfu) und Lu 2 (Yunmen) – dienten als lokale Punkte zur Unterstützung der Guasha-Stimulation und wurden oberflächlich genadelt. 

3. Sitzung

Nach diesen beiden Behandlungen war die linke Schulter schmerzfrei. Auch die Schmerzen im Oberarm sind komplett verschwunden. Die rechte Schulter ist noch nicht ganz in Ordnung. Die Bewegung nach hinten ist noch etwas eingeschränkt, jedoch geht der Arm schon fast ganz nach hinten. Beide Schultern sind weiterhin etwas schonungsbedürftig, besonders bei dem Heben schwerer Lasten, was die Patientin weitgehend vermeiden soll.

Überraschenderweise ergab sich die Gelegenheit, mit einer Freundin einen Kurzurlaub auf einer ostfriesischen Insel zu verbringen, der ihr sehr gut getan hat. In ihr reift immer mehr der Entschluss, sich im Alltag Inseln der Ruhe und Besinnung zu verschaffen, in denen sie sich ihren Yoga- und Qigong-Übungen widmet und ihre sozialen Kontakte pflegt. Das gelingt nun zunehmend besser, je weiter sich ihr Ehemann erholt und wieder etwas mehr Normalität in den Alltag zurückkehrt.

Die Pulse sind noch etwas dünn, auffällig sind die beiden chi-Positionen, in denen der Puls weiterhin schwach und tief ist, was – abgesehen von dem Effekt der kälteren Jahreszeit – für eine Schwäche im Wasser (Nieren-Yin und -Yang) spricht, die noch nicht behoben ist. 

Die Zunge erscheint noch etwas blass, auch angespannt und zeigt einen dünnen, unauffälligen Belag. Die Unterzungenvenen sind in Ordnung.

Zur weiteren Unterstützung insbesondere der rechten Schulter und zum Blutaufbau nahm ich die Punkte Mi 3, Dü 3, 10, Nie 6, Gb 30.

Erklärung der Punkteauswahl unter Berücksichtigung des Himmelsstamms und Erdenzweig der Patientin

Mi 3 (Taibai) – Erdpunkt, stärkt somit die Erde in allen ihren Funktionen. Wie wir weiter oben gesehen haben, ist die Erde dem übermäßigen Einfluss des aktiven Holzes in der großen Bewegung Himmelsstamm Blase im aktiven Holz ausgesetzt. Deshalb ist die Stärkung der Erde doppelt wichtig. Als Partner in der Taiyin-Schicht des Erdenzweigs Lunge hat dieser Punkt darüber hinaus auch einen indirekten Einfluss auf den Erdenzweig Lunge. 

Dü 3 (Houxi) – ist der Partner von Blase in der Taiyang-Schicht. Die Blase als Himmelsstamm soll nicht behandelt werden. Deshalb ist Dü 3 angezeigt, auch weil er einen direkten Bezug zu Schulter und Nacken hat. 

Dü 10 (Naoshu) – Treffpunkt von Dü, Bl, Yangqiaomai und Yangweimai. Er behandelt direkt Schmerzen der Schulter, auch in der Bewegung. Außerdem besteht über den Dü als Partner zur Bl in der Taiyang-Schicht eine gewisse Einflussnahme auf den Himmelsstamm Blase. 

Nie 6 (Zhaohai) – Öffnungspunkt des Yinqiaomai. Der Partner im Yinqiaomai ist die Lunge, diese wiederum ist der Erdenzweig der Patientin. Deshalb wählte ich diesen Punkt, um darüber das Yin – insbesondere im Yinqiaomai – und darüber indirekt auch das Wasser zu stärken und damit dem Holz mehr Geschmeidigkeit zu verleihen.

Gb 30 (Huantiao) – Treffpunkt der Gallenblasen- und Blasen-LB. Damit erreichte ich über eine indirekte Stimulation auch den Himmelsstamm Blase. Außerdem ist die Hüfte das korrespondierende Gelenk zur Schulter. Aus diesem Grund wählte ich Gb 30 als einen zusätzlichen Punkt zur Behandlung der Schulter, auch deshalb, weil die Gallenblase der Partner des Dreifach-Erwärmers in der Shaoyang-Schicht ist und die anfängliche Bewegungseinschränkung beider Arme auch die Shaoyang-Schicht betraf. Zur Erinnerung: Die Shaoyang-Schicht war zum Zeitpunkt der Geburt der Patientin aktiv.

Fazit

Insgesamt lässt sich sagen, dass durch drei Akupunkturbehandlungen und die Einnahme der Ox Bone Pearls schon eine fast vollständige Remission der Beschwerden erzielt werden konnte. Die Bedingungen des individuellen Himmelsstamms und Erdenzweigs beziehe ich in jede Behandlung mit ein. In diesem vorliegenden Fall war die Verknüpfung von Krankheitsgeschichte mit ihrem Ehemann und ihrem Ort der Schmerzen mit ihrem eigenen Himmelsstamm- und Erdenzweig-Profil so eindeutig, dass ich mich dazu entschloss, diesen Fall schriftlich darzulegen, wobei ich den Einfluss der wirksamen Schicht zum Zeitpunkt der Geburt nur am Rande gestreift habe. Eine tiefergehende Betrachtung hätte den Rahmen des Artikels gesprengt.

Die Beschäftigung mit der Theorie der Himmelsstämme und Erdenzweige ist gewiss eine lohnende, vertiefende und befriedigende Art auf dem Weg zu einer guten Therapie, auf der es zweifellos viele gute Möglichkeiten gibt.

Quellen:
Roisin Golding: The complete Stems and Branches, Churchill Livingstone, 2008
Joan Duveen: Applying Stems and Branches, Acupuncture in Clinical Practice, Singing Dragon, 2022
Ausbildungen des ABZ Mitte mit Frank Westenburger, 2010 – 2021
Birgit Ziegler / Sabine Ritter: Bi-Syndrome in der Chinesischen Medizin, Verlag Müller & Steinicke, 2022

Bildnachweis:
Depositphotos/AGTCM

Birgit Ziegler

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