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Behandlung von rezidivierenden Harnwegsinfekten mit westlichen Kräutern

Marcel Janson, Bad Kreuznach

Das schmerzhafte Miktions-Syndrom (Lin Zheng) ist sehr häufig mit rezidivierenden Harnwegsinfekten verbunden. Betroffen sind häufiger Frauen als Männer. Von einer rezidivierenden Zystitis spricht man, wenn eine Erkrankung 2 x innerhalb von 6 Monaten oder 3 x innerhalb eines Jahres auftritt. Sehr häufig erkranken Frauen in der Postmenopause. Der Mangel an Körpersäften (Jin/Ye, Blut und Yin) führt zu Atrophie der Schleimhäute und der damit verbundenen Veränderung des pH-Wertes.

Die Gefahr eines aufsteigenden Harnwegsinfektes mit Nierenbeteiligung ist sehr groß und muss selbstverständlich differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden. Hierbei zeigen sich klopfschmerzhafte Nierenlager mit Flankenschmerzen, Schüttelfrost und Fieber.

Die Therapie mit Antibiotika ist bei einem drohenden aufsteigenden Infekt angezeigt und sollte auf die Erreger abgestimmt gegeben werden. Leider werden zu oft Antibiotika als Therapieform eingesetzt, was wiederum zu rezidivierenden Zystitiden führen kann. Das Fehlen eines Antibiogramms vor Auswahl eines geeigneten  Antibiotikums kann dazu führen, dass Blasenentzündungen nicht richtig ausheilen und zu Rezidiven führen.

Differenziert wird nach Modalitäten, Schmerzcharakter und Syndrom-Muster.

Das Schaubild zeigt, welche Muster mit Lin Zheng in Verbindung stehen können.

Die ursächlichen Gründe beim schmerzhaften Miktions-Syndrom (Lin Zheng) können sehr unterschiedlich sein! Am Ende haben wir immer einen Qi-Stau, der zu Schmerzen führt.

Wenn Blut im Urin länger (14 Tage) andauert, muss immer die westliche Diagnostik eingeschaltet werden. Besonders bei Männern über 50 ist die häufigste Diagnose bei Blut im Urin ein Karzinom.

Ein Fall aus der Praxis

Frau K., 72 Jahre,

hat seit letztem Sommer 4 x Blasenentzündungen, welche immer mit Antibiotika behandelt wurden. Die Beschwerden gehen einher mit Ziehen im Unterbauch und brennenden Schmerzen während der Miktion. Ihr inneres Temperaturempfinden: Hitze am Nachmittag. Außerdem leidet sie an Rückenschmerzen im Bereich der LWS. Die Schmerzen sind manchmal ziehend oder drückend. Schmerzen kommen und gehen. Bewegung tut ihr gut und bessert im Allgemeinen. Ab und zu leidet sie unter Spannungsgefühlen im rechten Rippenbogen und der Flanke.

Puls: allgemein etwas gespannt, Niere etwas tief.

Zunge: rot schmal und lang mit gelbem Belag (siehe Foto)

Diagnose: Leber-Qi-Stagnation, Feuchte-Hitze im mittleren und unteren Erwärmer (UE), beginnender Nieren-Yin-Mangel (Die Zunge zeigt noch Hitze im Herzen, evtl. emotionales Thema).

Therapie: Feuchtigkeit ausleiten, Hitze klären, Schmerzen beenden, Wasserwege im UE öffnen. Leber-Qi bewegen, Feuchte-Hitze ausleiten, Nieren-Yin tonisieren .

Wirkrichtung der Kräuter: neutral-kalt, bitter, salzig, süß, fad

Temperatur: Neutral - kalt

Geschmack:

Bitter: absenkend, Hitze kühlend, leitet Feuchte-Hitze nach unten

Fade: Feuchtigkeit filternd, wirkt trocknend

Salzig: Erweicht Verhärtungen und löst Schleimretention

Süß: Nährt und befeuchtet und schützt die Schleimhäute bei Entzündungen

Kräuterrezeptur 1

Taraxaci rad c herb –30.0 – kalt, bitter etwas süß
Graminis rhiz – 20.0 – neutral-kühl, fade, leicht süß
Herniarae herb – 20.0 – kalt, leicht scharf, etwas bitter, salzig
Equisetii herb – 20.0 – kühl, leicht bitter, etwas süß
Asparagi rad – 20.0 – neutral-kühl, süß, leicht salzig, bitter
M.f.spec. – 110.0

D.S. Infus, 1 geh. Teel./Tasse, abgedeckt 15-20 Min ziehen, 3x 1Tasse täglich
Akut + 1 TL Bärentraubenblätter (Uva ursi fol)
Diese Tee-Rezeptur wurde über einen Zeitraum von 4-5 Wochen getrunken

Beschreibung der ersten Rezeptur

Das Kaiserkraut dieser Rezeptur ist der Löwenzahn (Taraxaci rad c herb). Er leitet Hitze und Feuchte-Hitze aus dem mittleren (Leber/Galle, Magen) und unteren Erwärmer (Blase, Dickdarm) aus. Die Wurzel vor allem die Hitze, während das Kraut mehr bewegende und diuretische Eigenschaften hat. Außerdem hat er einen Bezug zur Wirbelsäule und kann Spannungen durch Leber-Qi-Stase auflösen. Er klärt auch toxische Hitze, die bei rezidivierenden Blasenentzündungen eine Rolle spielen können. Der Löwenzahn ist auch in der Lage, Grieß und Steine auszuleiten.

Das Ministerkraut dieser Rezeptur ist die Quecke (Graminis rhiz). Die Queckenwurzel leitet sehr gut Feuchtigkeit und Feuchte-Hitze aus dem unteren Erwärmer. Sie hilft bei Miktionsstörungen und wirkt damit regulierend auf das Blasen Qi. Aufgrund ihrer Polysacharide und Schleimstoffe wirkt sie reizlindernd und befeuchtend und damit Schleimhautschützend (Yin bewahrend).

Der Bote, das kahle Bruchkraut (Herniarae herb) ist ein starkes Diuretikum, welches sehr gut Feuchte-Hitze aus der Blase ausleitet und besonders bei rezidivierenden Entzündungen mit häufiger Antibiose einzusetzen ist. Zudem wirkt es auch krampflösend auf die Blase und kann Grieß und Steine ausleiten.

Schachtelhalm und Spargelwurzel haben sich in der Kombination bei rezidivierenden Zystitiden bewährt. Gerade in der Postmenopause braucht es Nieren-Qi- und -Yinstärkende Kräuter.

Schachtelhalm (Equisetii herb) ist thermisch kühlend und leitet Feuchte-Hitze und Nässe aus der Blase. Durch den Gehalt an Flavonoiden und Gerbstoffen eliminiert er Hitze und kann bei Hämaturie Blutungen stillen. Eine wertvolle Pflanze im Klimakterium / Postmenopause, denn sie stärkt das Nieren-Qi und Nieren-Yin mit leerer Hitze, wirkt schützend auf die Schleimhäute (Yin).

Die Spargelwurzel (Asparagi rad) leitet Feuchte-Hitze aus der Blase, schützt die Schleimhäute,nährt Nieren-Yin und kühlt leere Hitze. Außerdem kühlt sie Hitze im Herzen und wirkt ausgleichend auf Herz und Niere (Feuer-Wasser-Achse).

In der Akutphase kommen die Bärentraubenblätter zum Einsatz

Die Bärentraubenblätter (Uva ursi fol) sind thermisch kühl und im Geschmack bitter, sauer-adstringierend. Sie sind ein Kaiserkraut für den Akutfall und leiten Hitze und Feuchte-Hitze aus der Blase aus. Durch ihre adstringierende Wirkung halten sie das Nieren-Qi und stillen Blutungen. Ein wichtiger Inhaltsstoff in den Bärentraubenblättern ist das Phenolglycosid Arbutin, welches seinen Wirkstoff Hydrochinon nur im alkalischen Urin in ausreichender Menge freisetzt. Um die stark antibakterielle Wirkung zu entfalten, ist zu empfehlen, zum Tee ¼ TL Natriumhydrogencarbonat dazuzugeben.

Einnahme in den Akutphasen: für maximal 1 Woche sind 12g/Tag (bei Erwachsenen) also ca. 3-4 TL/Tag (1 TL = ca. 3g).
Die Bärentraubenblätter werden in der Akutphase zur Grundrezeptur ergänzt.
Kontraindikation: Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder unter 12 Jahren.
Nicht länger als 7 Tage anwenden.

Kräuterrezeptur 2

Taraxaci rad c herb – 30.0 – kalt, bitter etwas süß
Maydis stigm – 20.0 – neutral-kühl, süß, fade, leicht adstringierend.
Herniarae herb – 20.0 – kalt, leicht scharf, etwas bitter, salzig
Equisetii herb – 20.0 – kühl, leicht bitter, etwas süß
Asparagi rad – 20.0 – neutral-kühl, süß, leicht salzig, bitter
Sabalae serr fruct – 15.0 – neutral-warm, süß, scharf, adstringierend.
M.f.spec. – 125.0

D.S. Infus, 1 geh. Teel./Tasse, abgedeckt 15-20 Min ziehen, 3x 1 Tasse täglich
Weitere Kräuter im Wechsel: Bohnenschalen, Goldrute, Birke, Hauhechelwurzel, Selleriewurzel

Beschreibung der zweiten Rezeptur

Maisbart der neue Minister im Wechsel mit Quecke

Maisbart (Maydis stigm) ist thermisch neutral-kühl und im Geschmack süß, fad, leicht adstringierend. Er leitet Feuchte-Hitze aus der Blase, kühlt Hitze im Herzen, aufgrund der Polysacharide und Schleimstoffe wirkt er reizlindernd und befeuchtend und damit - wie auch die Quecke - Schleimhautschützend (Yin-bewahrend).

Sabalfrüchte und Bohnenschalen unterstützen die Mitte

Das Polizeikraut Sabalfrüchte (Sabalae serr. Fruct) ist thermisch neutral-warm und im Geschmack süß, scharf und adstringierend. Sie leiten Feuchtigkeit aus der Blase aus, tonisieren das Nieren-Yang, regulieren das Nieren-Qi und tonisieren das Milz-Qi.

In weiteren Rezepturen wurden auch Bohnenschalen eingesetzt.

Bohnenschalen (Phaseoli peric) sind thermisch neutral und im Geschmack süßlich, leicht bitter, leicht salzig, leicht adstringierend. Sie leiten Feuchtigkeit aus der Blase aus, unterstützen die Milz und wirken Yin- und Jing-nährend.

Goldrute wirkt aufsteigenden Infektionen entgegen

Goldrute (Solidaginis herb) ist thermisch kühl und im Geschmack bitter, sauer-adstringierend und leicht scharf. Sie leitet Feuchtigkeit und Feuchte-Hitze aus der Blase,tonisiert das Nieren-Qi und wirkt aufsteigenden Infektionen entgegen.

Die Zunge zeigt nach 5 Wochen Teeeinnahme weniger Belag und auch die Zungenfarbe zeigt weniger Hitzezeichen.

Fazit

Etwa in der Mitte der ersten fünf Wochen wurden die Bärentraubenblätter an vier hintereinander folgenden Tagen zur ersten Rezeptur eingenommen.

Seitdem hat die Patientin keine Rezidive mehr erleiden müssen.

Die Rezepturen wurden nach etwa 4-5 Wochen leicht abgeändert und mit den (unter Rezept 2 stehenden) angegebenen Kräutern ergänzt. Die Patientin wurde über einen Zeitraum von einem Jahr durchgehend mit westlichen Kräuterrezepturen nach TCM begleitet. Seitdem kommt Sie nur noch alle 3-4 Monate zur Behandlung.

Die positive Wirkung Westlicher Kräuter nach TCM bei rezidivierenden Harnwegsinfekten stellen in der Praxis neben der Akupunktur eine große Bereicherung dar.

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