25.09.2026
Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift Qi 01-2016 erstmals veröffentlicht.
Der Beitrag beschreibt typische Disharmoniemuster und stellt einen praxisbasierten Behandlungsansatz mit chinesischer Arzneimitteltherapie bei einer Dysplasie des Cervyx uteri vor.
In meine Praxis kommen seit vielen Jahren regelmäßig Patientinnen mit der westlichen Diagnose einer „Dysplasie des Cervyx uteri“ unterschiedlichen Grades und bitten um eine TCM-Behandlung. Anhand der hohen Anzahl an Patientinnen konnte ich eine Ähnlichkeit der Syndrome durch die diagnostischen Mittel der TCM erkennen. Dieses Wissen habe ich in den letzten 15 Jahren an meine Kolleg:innen und Schüler:innen der chinesischen Arzneimittellehre weitergegeben. Der von mir entwickelte Therapieansatz führte sowohl bei meinen Patientinnen als auch denen meiner Kolleg:innen zu überwiegend positiven Ergebnissen.
Schulmedizinisch handelt es sich bei einer Dysplasie des Cervyx uteri um eine Veränderung des Plattenepithels an der Zervix. Diese zervikale intraepitheliale Neoplasie ist eine Vorstufe des invasiven Zervixkarzinoms und wird histologisch in 3 Stadien (CIN I - III) eingeteilt. Das Stadium CIN III entspricht einem Carcinoma in situ.
Der Auslöser ist in den meisten Fällen das HPV Virus (Humane Papilloma Viren). Das Virus besitzt die Fähigkeit, sich in das Genom der Wirtszelle zu integrieren und die Tumorsuppressorgane zu inaktivieren. Nicht jede Frau mit einer Hochrisiko-HPV-Infektion entwickelt eine Dysplasie des Cervyx uteri. Weitere Risikofaktoren können Immunsuppressiva oder das Zigarettenrauchen sein.
Schulmedizinisch wird eine zytologische Untersuchung (Abstrich) nach Papanicolaou (PAPTest) bei einer standardgemäßen gynäkologischen Kontrolle durchgeführt. Die Ergebnisse werden in Gruppen nach der Münchner Nomenklatur III klassifiziert. Befunde ab PAP 3 werden als bedenklich eingeschätzt. Seit der Einführung dieser standardgemäßen Untersuchung hat sich die Inzidenz des Zervixkarzinoms erheblich gesenkt. Viele meiner Patientinnen kommen mit dem Befund PAP 2 oder PAP 3 und in seltenen Fällen PAP 4.
Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass es sich bei allen Patientinnen entweder um eine Leber-Qi-Stagnation oder um eine Leber-Yin und Leber-Blut-Leere mit einer Nieren-Yin-Leere handelt. Bei beiden Syndromen kommt es einerseits zu einer Unterversorgung im Bereich der Zervix an Qi, Yin und Blut und andererseits zu Stagnations- oder Leere-Hitze, welche zu einer Veränderung des Gewebes führen kann.
Patientinnen mit dem Syndrom der Leber-Qi-Stagnation zeigten folgende Symptome: Gereiztheit, Durchschlafstörungen, unregelmäßiger und oft auch wechselhaft fester oder weicher Stuhlgang, Blähungen, prämenstruelles Syndrom, Dysmenorrhö, gespannter Puls (xian mai), besonders auf der Leberposition und eine trübe, dicke Zunge mit mehr oder weniger feucht-klebrigem Zungenbelag.
Ein Leber-Yin und Leber-Blut-Mangel kombiniert mit einer Nieren-Yin-Leere und Nieren-Feuer zeigte sich bei meinen Patientinnen hauptsächlich durch einige der folgenden Symptome: leichter Nachtschweiß, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, Tinnitus, oberflächlicher und gestörter Schlaf, Trockenheit der Haut, Haare und Augen, Wadenkrämpfe, Palpitationen im Ruhezustand, eher fester oder trockener Stuhlgang, eine leicht gerötete Zunge mit wenig oder auch fehlendem Zungenbelag und ein feiner gespannter Puls (xi mai).
Unabhängig von der für die Behandlung verwendeten Rezeptur sind zwei Arzneimittel ausschlaggebend: Bai Hua She She Cao (Hedyotidis Diffusae Herba) und Chuan Niu Xi (Cyathulae Radix).
Bai Hua She She Cao wirkt Hitze klärend, Feuer-Toxine eliminierend und Feuchtigkeit ausleitend. Das Arzneimittel wirkt stark kühlend und hat einen süßen, leicht bitteren Geschmack. Es eignet sich für die Behandlung von Erkrankungen in Leber, Magen, Dickdarm und Dünndarm, behandelt zudem aber auch die ikterische Hepatitis, Darmabszesse (Appendizitis), Halsschmerzen (Laryngitis) und Blasenentzündungen (Cystitis). Bai Hua She She Cao weist eine antikarzinogene (antineoplastische) Wirkung auf und man behandelt damit häufig Tumore und Karzinome, vor allem im Bereich des Magens, der Speiseröhre, der Lunge und des Darms.
Chuan Niu Xi (Cyathulae Radix) hingegen bewegt das Blut und beseitigt Stase. Es tonisiert mild die Nieren, stärkt Knochen und Sehnen, senkt Blut und rebellierendes Feuer ab und fördert die Miktion. Es wirkt neutral, ist sauer und bitter im Geschmack und eignet sich vor allem für die Behandlung von Schmerzen und Schwäche in den unteren Extremitäten (Rücken, Knie), traumatisch bedingte Verletzungen, Dysmenorrhö, unregelmäßige Menstruation und Dysurie.
Die beiden Arzneimittel in Kombination eignen sich besonders für eine Behandlung der „Dysplasie der Cervyx uteri“ durch die antikarzinogene und Toxine klärende Wirkung von Bai Hua She She Cao und die Stase beseitigende und absenkende Wirkrichtung von Chuan Niu Xi, welche die Wirkung der Rezeptur zur Zervix herabführt.
Als Basisrezeptur verwende ich für die Behandlung der Leber-Qi-Stagnation eine leicht modifizierte Version von Xiao Yao San (Umherstreifen Pulver). Xiao Yao San reguliert das Leber-Qi und stärkt die Milz:
Chai Hu (Bupleuri Radix) 6–9 g
Bai Zhu (Atractylodis Macrocephalae Rhizoma) 9–12 g
Bai Shao (Paeoniae Radix Alba) 9–12 g
Dang Gui (Angelicae Sinensis Radix) 6–9 g
Xiang Fu (Cyperi Rhizoma) 6–9 g
Bo He (Menthae Haplocalycis Herba) 4–6 g
Fu Ling (Poria) 9–12 g
Zhi Gan Cao (Glycyrrhizae Radix et Rhizoma Praeparata cum Melle) 3–5 g
Bai Hua She She Cao (Hedyotidis Diffusae Herba) 25 g
Chuan Niu Xi (Cyathulae Radix) 12 g
In dieser Rezeptur harmonisieren Chai Hu, Bai Shao und Bo He das Leber-Qi, Xiang Fu bewegt das Leber-Qi im unteren und mittleren Erwärmer, Bai Zhu, Fu Ling und Zhi Gan Cao stärken die Milz und verhindern Feuchtigkeitsansammlungen durch eine geschwächte Mitte. Dang Gui und Bai Shao tonisieren das Leber-Blut.
Zur Behandlung des Musters Leber-Yin- und Leber-Blut-Mangel und Nieren-Yin-Leere benutze ich eine leicht modifizierte Variation von „Liu Wei Di Huang Wan“. „Liu Wei Di Huang Wan“ stärkt das Nieren-Yin und -Jing, das Leber-Yin und -Blut.
Sheng Di Huang (Rehmanniae Radix Viride) 9–12 g
Shan Yao (Dioscoreae Rhizoma) 9–12 g
Shan Zhu Yu (Corni Fructus) 6–9 g
Ze Xie (Alismatis Rhizoma) 6–9 g
Fu Ling (Poria) 9–12 g
Mu Dan Pi (Moutan Cortex) 6–9 g
Bai Hua She She Cao (Hedyotidis Diffusae Herba) 25 g
Chuan Niu Xi (Cyathulae Radix) 9–12 g
In der klassischen Rezeptur wird Shu Di (Rehmanniae Radix Praeparata) verwendet, vor allem, um das Nieren-Jing zu tonisieren. Ich bevorzuge jedoch in dieser Behandlung eine stärker Yin-tonisierende und Feuer-kühlende Wirkung und verwende deshalb die unpräparierte Form Sheng Di Huang.
Sheng Di Huang nährt das Yin und kühlt das Blut.
Shan Zhu Yu nährt Leber-Yin und -Blut und verhindert den Verlust an Essenz.
Shan Yao und Fu Ling stärken die Milz, denn nur eine intakte Milz sorgt für entsprechend Qi und Blut. Shan Yao stärkt die Essenz, Ze Xie und Mu Dan Pi kühlen Nieren-Feuer.
Beide Rezepturenvorschläge können je nach Behandlungsbedarf durch weitere Arzneimittel ergänzt werden. Ich arbeite vorwiegend mit pulverisierten Arzneimitteln. 10-15 g werden täglich in 400 ml Wasser 8-10 Minuten geköchelt. Die Abkochung wird in zwei Portionen zwischen den Mahlzeiten eingenommen.
Die von mir behandelten Frauen waren im Schnitt zwischen 20 und 50 Jahre alt. Nach einer Anwendungsdauer von 12 Wochen zeigte sich bei über 90 Prozent der Frauen ein Behandlungserfolg. Bei erneuter schulmedizinischer Untersuchung ergab sich stets ein unbedenklicher Befund.
Bildnachweis: Depositphotos/AGTCM
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