Linderung, Resilienz und Lebensqualität:

Interview mit Beverley de Valois über Akupunktur nach Krebs

AGTCM: Frau de Valois, es gibt typische Beschwerden bei Krebspatient:innen wie Fatigue, Mundtrockenheit, Hitzewallungen, Lymphödeme und chronische Schmerzen. Gibt es Studien oder Erfahrungswerte, wie lange regelmäßige Akupunktursitzungen sichtbar oder spürbar bei Patient:innen wirken?

Beverley de Valois: Das ist eine komplexe Frage. Die Forschung liefert aufschlussreiche Erkenntnisse über die Wirksamkeit oder Effektivität der Behandlung. Die Studien sind jedoch sehr heterogen und liefern keine endgültigen Antworten auf die Frage nach Dosis und Wirkung. Ein Faktor ist, dass unsere medizinischen Kulturen variieren: In China können Krebspatient:innen täglich als stationäre Patient:innen eine Akupunkturbehandlung erhalten, wobei viele Akupunkturpunkte (und Moxa) verwendet werden können. Im Westen tendieren wir dazu, 1-2-mal pro Woche zu behandeln, und wir verwenden seltener Moxa. Daher sind Vergleiche schwierig.

Bei der Betrachtung von Dosierung und Reaktion sind viele weitere Faktoren zu berücksichtigen. In welchem Stadium der Krebserkrankung befindet sich die Person? Erhält sie eine aktive Krebsbehandlung? Befindet sie sich in einer Erhaltungsbehandlung? Hat sie die Krebsbehandlung abgeschlossen und leidet unter den späten und langfristigen Folgen dieser Behandlung? Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Symptome treten in Clustern auf – beispielsweise sind Hitzewallungen Teil eines Symptomclusters, zu dem auch Schlafstörungen und schlechte Laune gehören. Darüber hinaus leiden viele Krebsüberlebende unter mehreren Symptomclustern – beispielsweise kann eine Brustkrebsüberlebende unter Brustschmerzen, Lymphödemen, peripherer Neuropathie und Angstzuständen oder unter anderen Begleiterkrankungen leiden. Jede:r Patient:in hat also eigene komplexe Symptome, die sich darauf auswirken, wie ein bestimmtes Symptom auf Akupunktur anspricht.

Die gute Nachricht ist, dass Patient:innen meiner Erfahrung nach schon sehr bald einen spürbaren Unterschied in ihrem Befinden feststellen. Nach der ersten oder zweiten Behandlung berichten sie, dass sie sich entspannter fühlen und oft auch deutlich besser schlafen. Dies sind wichtige grundlegende Verbesserungen, die den Körper darauf vorbereiten, mit konkreteren Symptomen umzugehen. In der Regel sage ich meinen Patient:innen, dass sie mit 5 bis 6 Behandlungen rechnen müssen, bevor wir den Fortschritt überprüfen und entscheiden, ob und wie wir fortfahren. Eine Ausnahme bildet die durch Chemotherapie verursachte periphere Neuropathie (CIPN). Diese kann nur langsam auf die Behandlung ansprechen, daher rechne ich mit 10 Behandlungen, bevor ich den Fortschritt überprüfe.

AGTCM: Welche Sicherheitsaspekte sollte man als Patient:in beachten, wenn man nach einer Krebsbehandlung eine Akupunkturbehandlung erhält, und was sollte man konkret wissen – etwa zu Wechselwirkungen mit laufenden Hormontherapien oder Sensibilität bestimmter Körperregionen?

Beverley de Valois: Schätzungsweise jede:r siebte Krebsüberlebende ist von Lymphödemen betroffen. Es handelt sich dabei um eine bedeutende und möglicherweise am wenigsten verstandene Folge von Krebsbehandlungen, über die alle Krebsüberlebenden, medizinischen Fachkräfte und Akupunkteur:innen Bescheid wissen sollten. Ich schreibe und lehre ausführlich zu diesem Thema. In meinem Buch „Acupuncture and Cancer Survivorship: Recovery, Renewal, and Transformation” widmen sich Kapitel 9 und Kapitel 14 diesem Thema, und die sichere Praxis in Bezug auf Lymphödeme zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.

Ich hatte außerdem die Ehre, ein Projekt zur Entwicklung der ersten internationalen, multidisziplinären Empfehlungen für die sichere Anwendung von Akupunktur in der Krebsbehandlung zu leiten. Diese frei zugängliche Veröffentlichung ist eine unverzichtbare Lektüre für alle Praktiker:innen, die Personen akupunktieren, bei denen Krebs diagnostiziert wurde. Sie kann kostenlos unter https://rdcu.be/eCrP5 heruntergeladen werden. 

AGTCM: In ihrem Buch geben Sie Hinweise zu Lebensführung, Ernährung, Bewegung und Schlaf zur Förderung der Genesung und Rezidivprävention. Können Sie konkrete Beispiele oder einfache Strategien nennen, die sich gut umsetzen lassen?

Beverley de Valois: Ich verschreibe meinen Krebsüberlebenden Ruhe. So empfehle ich, sich 10 bis 20 Minuten lang mit geschlossenen Augen hinzulegen, vorzugsweise zwischen 13 und 15 Uhr. Diese einfache, kostengünstige tägliche Praxis hilft, Energie (Qi und Blut) wiederherzustellen. Daher leistet sie auch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Symptome. Brustkrebsüberlebende, die unter Hitzewallungen leiden, berichten, dass sich dies positiv auf ihren Schlaf, ihre Energie und insbesondere ihre Hitzewallungen auswirkt.

Körperlich aktiv zu bleiben ist einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg, die Genesung nach der Behandlung und die Vorbeugung von Rückfällen. Krebsüberlebende sollten dazu ermutigt werden, in jeder Phase ihrer Krebserkrankung körperlich aktiv zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 150 Minuten zügige Bewegung, verteilt über die gesamte Woche. Dies sollte jedoch individuell angepasst werden. Für gebrechliche oder schwache Patient:innen empfehle ich die chinesische Maxime, nach jeder Mahlzeit hundert Schritte zu gehen.

AGTCM: Ihr Buch befasst sich sowohl mit den körperlichen als auch mit den emotionalen Folgen einer Krebsbehandlung. Haben Sie Ratschläge, wie Patient:innen mit der Angst vor einem Rückfall umgehen können?

Beverley De Valois: Akupunktur selbst kann die Widerstandsfähigkeit verbessern, und darüber wird viel zu wenig gesprochen. In meinem Buch stelle ich ein Akupunkturmodell zur Verbesserung der langfristigen Gesundheit und des Wohlbefindens sowie zur Entwicklung von Widerstandsfähigkeit vor. Im Wesentlichen besagt dieses Modell, dass Akupunktur die Symptombelastung reduziert und die Energie verbessert, wodurch Patient:innen besser mit ihrer Krebsdiagnose, der Behandlung und den langfristigen Folgen umgehen können. Sobald sie besser damit umgehen können, berichten Patient:innen von einer gesteigerten Motivation und beginnen, ihr Selbstmanagement zu verbessern. Dies ist bei chronischen Erkrankungen, zu denen auch Krebs gehört, sehr wichtig. Dieser Ablauf hilft dabei, die Widerstandsfähigkeit wiederherzustellen und aufzubauen. Das ist ein großartiger Nebeneffekt der Akupunkturbehandlung!

AGTCM: Wie gut lässt sich Akupunktur mit anderen onkologischen Folgebehandlungen kombinieren?

Beverley De Valois: Akupunktur, die von einer umfassend ausgebildeten Akupunkteur:in durchgeführt wird, gilt als sichere Behandlung. Alle Akupunkteur:innen, die mit Menschen mit einer Krebsdiagnose arbeiten, sollten mit Krebs und seinen Behandlungen sowie schwierigen Situationen vertraut sein. Akupunktur sollte Teil der multidisziplinären Versorgung von Menschen mit einer Krebsdiagnose sein.

Frau de Valois, wir danken für das Gespräch.

Mehr Informationen über Beverley de Valois und ihre Seite Acupuncture for cancer survivors hier.

Literatur: 
Beverley de Valois, Acupuncture and Cancer Survivorship - Recovery, Renewal and Transformation, Singing Dragon

Bildnachweis:
Depositphotos/AGTCM
Portrait/https://beverleydevalois.com

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