28.08.2026
Unter dem Titel WHO’s misguided push for complementary and alternative medicine veröffentlichte das British Medical Journal kürzlich eine harsche Kritik an der Komplementärmedizin und daran, dass die WHO sich in ihrer Global Traditional Medicine Strategy 2025-2034 intensiver mit Komplementärmedizin befasst. Unsere Stellungnahme können Sie hier lesen.
August 2026
Das BMJ-Editorial mit dem Titel WHO’s misguided push for complementary and alternative medicine argumentiert scharf und in wesentlichen Punkten zu Recht: Sicherheit und Wirksamkeit müssen belegt sein, bevor Verfahren breit in Gesundheitssysteme integriert werden. Diese Einordnung stellt die stärkste, faktenbasierte Gegenposition dar – also den Fall, den fundierte Befürworter der traditionellen Medizin und insbesondere der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) machen würden. Sie zeigt, wo die Darstellung des Editorials einseitig ist, und benennt am Ende offen die berechtigten Anliegen der Kritik.
Das Editorial führt Artemisinin selbst als Beispiel an – allerdings als Beleg für die Überlegenheit der Wissenschaft über die Tradition. Der Befund lässt sich auch anders lesen: Ohne den systematischen Rückgriff auf klassische chinesische Rezeptsammlungen hätte Tu Youyou den Wirkstoff nicht gefunden. Sie durchsuchte über 2.000 überlieferte Rezepturen und stieß in einem Text aus dem 4. Jahrhundert auf den entscheidenden Hinweis zur Kaltextraktion von Artemisia annua; 2015 erhielt sie dafür den Nobelpreis für Medizin [5][6]. Tradition und Wissenschaft stehen hier nicht im Gegensatz – die Tradition lieferte die Hypothese, die Wissenschaft die Validierung.
Das ist kein Einzelfall. Je nach Zählweise stammen rund 25 bis 50 % der zugelassenen Arzneimittel von Naturstoffen ab; bei 122 pflanzlichen Reinstoffen mit weltweiter Arzneiverwendung wiesen etwa 80 % einen ethnomedizinischen Gebrauch auf, der der heutigen Indikation entspricht oder nahekommt [7]. Aspirin (Weidenrinde), Digoxin (Fingerhut), Morphin (Schlafmohn), Ephedrin (Ma Huang/TCM) oder Reserpin sind traditionelle Wissensbestände, die zu Standardtherapien wurden. Die Behauptung, traditionelle Medizin sei bloße „vorwissenschaftliche" Praxis ohne Substanz, ignoriert diesen Ursprung eines erheblichen Teils der modernen Pharmakopöe.
Die pauschale Aussage, robuste Evidenz „fehle", trifft für einzelne, gut untersuchte Verfahren nicht zu. Für Akupunktur bei chronischen Schmerzen zeigen Metaanalysen konsistente Effekte: Eine Auswertung von 75 randomisierten kontrollierten Studien fand moderate Evidenz, dass Akupunktur unmittelbar nach Behandlung wirksamer ist als Scheinakupunktur bei chronischem Nacken- und Rückenschmerz [2]; eine Netzwerk-Metaanalyse aus 2024/25 mit über 9.400 Teilnehmenden bestätigte signifikante Schmerzreduktionen [1].
Entscheidend ist die Rezeption im wissenschaftlichen Mainstream: Das American College of Physicians empfiehlt Akupunktur ausdrücklich als nicht-medikamentöse Erstlinienoption bei akutem wie chronischem Kreuzschmerz [3], und das britische NICE hat Akupunktur in die Leitlinie zu chronischem Schmerz (NG193) aufgenommen [4]. Verfahren, die in Leitlinien führender, dezidiert evidenzorientierter Fachgesellschaften stehen, lassen sich nicht sinnvoll als reine „unbewiesene Interventionen" abtun.
Für das TCM-Präparat Lianhua Qingwen als Zusatztherapie bei Covid-19 berichten mehrere Metaanalysen randomisierter Studien eine schnellere Symptomrückbildung (Fieber, Husten) und eine geringere Rate an Verläufen zur schweren Erkrankung [8]. Diese Signale sind real, aber – und das ist redlich zu sagen – von niedriger bis moderater Evidenzqualität: Die Studien entstanden unter Zeitdruck, mit methodischen Schwächen und individueller Wirkungsvarianz [8]. Genau das ist jedoch ein Argument für mehr und bessere Forschung, nicht für pauschale Ablehnung.
Das Editorial wertet die Öffnung der WHO für Beobachtungs- und Real-World-Designs als Absenkung wissenschaftlicher Standards. Das ist eine legitime Sorge, aber keine geschlossene Frage. Die randomisierte kontrollierte Studie ist der Goldstandard zur Wirksamkeitsprüfung einzelner Interventionen – sie stößt jedoch an Grenzen, wo komplexe, individualisierte Mehrkomponenten-Systeme (Puls- und Zungendiagnostik, angepasste Kräuterformeln, Akupunktur plus Lebensstil) untersucht werden. Die Verblindung einer Nadelung oder einer individuell rezeptierten Dekokt-Therapie ist methodisch anspruchsvoll; hierfür wurden eigene Ansätze der „Whole-Systems-Research" und pragmatische Studien entwickelt. Real-World-Daten und RCTs ergänzen einander – ein pluralistisches, aber weiterhin rigoroses Evidenzverständnis ist keine Kapitulation vor der Wissenschaft, sondern gängige Methodendebatte, etwa auch in der Versorgungsforschung.
Die WHO-Strategie 2025–2034 zielt ausdrücklich darauf, traditionelle, komplementäre und integrative Medizin über vier Objektive in die Gesundheitssysteme einzubinden: Evidenz stärken, Sicherheit und Regulierung sichern, Integration gestalten und den sektorübergreifenden Wert nutzen [9]. Die Verankerung traditioneller Medizin in der Primärversorgung ist zudem kein neuer Sonderweg, sondern reicht von der Erklärung von Alma-Ata (1978) bis Astana (2018) [9].
Der zentrale, im Editorial unterbelichtete Punkt: Für Milliarden Menschen in ländlichen und unterversorgten Regionen ist traditionelle Medizin bereits heute die faktisch vorherrschende oder einzig erreichbare Versorgung – ob mit oder ohne WHO-Strategie. In dieser Lage senkt eine geregelte Integration mit Qualitätskontrolle, Zulassung, Standardisierung und Pharmakovigilanz die Risiken; ein Verzicht auf Regulierung überlässt dieselben Patientinnen und Patienten einem unkontrollierten Graumarkt. Gerade die vom Editorial angeführten Gefahren – Verunreinigungen, toxische Beimengungen, Arzneimittel-Wechselwirkungen – sind überwiegend Qualitäts- und Regulierungsprobleme, die die WHO-Strategie adressieren will, und keine zwangsläufige Eigenschaft der Verfahren selbst.
• Selektive Schadensdarstellung. Leberschäden durch pflanzliche Präparate sind real – aber arzneimittelinduzierte Leberschäden durch konventionelle Medikamente (Paracetamol, Antibiotika, Tuberkulostatika) sind quantitativ bedeutender. Risiko belegt nicht Wirkungslosigkeit; jede wirksame Substanz hat Nebenwirkungen.
• „Abwesenheit von Evidenz" ≠ „Evidenz der Abwesenheit". Dass für viele Verfahren gute Studien fehlen, heißt nicht, dass sie unwirksam sind – es heißt, dass sie noch nicht ausreichend geprüft wurden. Das ist ein Forschungsauftrag.
• Vermengung heterogener Verfahren. Das Editorial subsumiert unter „KAM" Homöopathie (biologisch implausibel) ebenso wie Akupunktur oder pflanzliche Wirkstoffe (mit plausiblen Mechanismen und teils solider Evidenz). Diese Verfahren verdienen getrennte Bewertung; die Schwäche des schwächsten Glieds wird sonst dem ganzen Feld angelastet.
• Genetischer Fehlschluss. Der Hinweis auf Steiners Anthroposophie oder auf die Finanzierung durch Indien und China spricht Motive und Herkunft an, nicht die Datenlage. Interessenkonflikte gebieten Wachsamkeit, widerlegen aber keine einzelne Studie – dieselbe Logik träfe sonst auch industriefinanzierte Pharmastudien.
Diese Einordnung verteidigt nicht die unkritische Übernahme jeder traditionellen Praxis. Die Kernsorgen des Editorials bleiben gültig: Für viele KAM-Verfahren ist die Evidenzqualität tatsächlich niedrig; Sicherheits- und Verunreinigungsprobleme sind ernst und dokumentiert; und dort, wo KAM wirksame Standardtherapie ersetzt statt ergänzt – etwa die schlechtere Überlebensrate von Krebspatientinnen, die eine leitliniengerechte Behandlung verzögern oder ablehnen –, entsteht realer Schaden. Homöopathie und andere biologisch implausible Verfahren lassen sich mit dem hier Gesagten nicht rechtfertigen. Und das Risiko der „Scienceploitation" – die Vermarktung von Unbewiesenem unter wissenschaftlichem Anstrich – ist berechtigt.
Die überzeugende Position liegt zwischen den Polen. Traditionelle Medizin, insbesondere die TCM, ist weder Aberglaube noch fertige Alternative zur wissenschaftlichen Medizin, sondern ein reicher Fundus an Hypothesen und einige davon bereits validierte Verfahren. Der richtige Umgang ist nicht Ablehnung und nicht unkritische Integration, sondern eine konsequent evidenzgeleitete Auswahl: das Wirksame und Sichere prüfen, integrieren und regulieren – das Unbewiesene erforschen – und das Widerlegte aussortieren. In diesem Sinne ist die WHO-Strategie weniger ein „fehlgeleiteter Vorstoß" als ein Rahmen, dessen Wert davon abhängt, wie streng die Evidenz- und Sicherheitsanforderungen in der Umsetzung tatsächlich gehandhabt werden.
Hinweis: Diese Einordnung dient der wissenschaftlichen Diskussion und ist keine medizinische Beratung. Bei konkreten Behandlungsentscheidungen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
[1] Netzwerk-Metaanalyse Akupunktur bei chronischem Kreuzschmerz (ScienceDirect, 2025) – https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2405844025015130
[2] Review: Wirksamkeit der Akupunktur im Schmerzmanagement (75 RCTs) – https://esmed.org/efficacy-of-acupuncture-for-pain-management-a-review/
[3] American College of Physicians – Leitlinie Kreuzschmerz – https://www.acponline.org/acp-newsroom/american-college-of-physicians-issues-guideline-for-treating-nonradicular-low-back-pain
[4] Systematischer Review von Leitlinien zu Akupunktur bei muskuloskelettalem Schmerz (inkl. NICE NG193) – https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12403485/
[5] Tu Youyou – Nobelprize.org – https://www.nobelprize.org/stories/women-who-changed-science/tu-youyou/
[6] Wie die TCM zur Nobelpreis-Entdeckung des Malariamittels führte (The Conversation) – https://theconversation.com/how-traditional-chinese-medicine-drove-the-discovery-of-a-nobel-winning-anti-malarial-drug-48645
[7] CAM und moderne Therapeutik / Naturstoffe in der Arzneimittelentwicklung – https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1155/2013/627375
[8] Metaanalyse: TCM (Lianhua Qingwen) als Zusatztherapie bei Covid-19 (13 RCTs) – https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9637467/
[9] WHO – Global Traditional Medicine Strategy 2025–2034 – https://www.who.int/publications/i/item/9789240113176
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