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Rothenburg verbunden

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Der TCM-Kongress gibt der Kleinstadt weiterhin den Vorzug vom 21.05.2007

Mit über neunhundert Teilnehmern stößt der seit 1968 jährlich in Rothenburg stattfindende Fachkongress für Chinesische Medizin mittlerweile fast an die Grenze des Wachstums. Dass der Veranstalter dennoch nicht in Erwägung zieht, den Standort zu wechseln, ist ein Glücksfall für die Stadt, den es entsprechend zu schätzen gilt.

Die Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) will ihre Veranstaltung in Rothenburg weiter steigern und »vor allem auf Qualität und gute Organisation achten«. Die Organisatoren nutzen dabei die Vorzüge »der überschaubaren Kleinstadt«: Die offene Atmosphäre der Begegnung, der direkte Kontakt mit den Referenten und der freundliche Umgang der Teilnehmer miteinander haben sich in Rothenburg bewährt und dazu hat das Ambiente der mittelalterlichen Stadt beigetragen. Ganz so wie es das Ideal der Chinesischen Medizin will: der freie Fluss von Qi und Shen, heißt es. »In einer größeren Stadt würde man sich verlieren«, meinte die Zweite Vorsitzende der TCM-Arbeitsgemeinschaft und Therapeutin Birgit Ziegler aus Darmstadt.

Die Dolmetscher und Dozenten verzichten auf ihr übliches Honorar und unterrichten für geringeres Salär. Es werden sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene ermuntert, ihr Wissen in der Chinesischen Medizin zu vertiefen. Auch die Dozenten finden hier eine der seltenen Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen und sich auf hohem Niveau fachlich auszutauschen. »Der internationale Kongress in Rothenburg ist der größte seiner Art in der westlichen Welt«, erläuterte Birgit Ziegler und verwies auf die Koryphäen unter den Referenten. Unter den Teilnehmern aus fünfundzwanzig Nationen waren diesmal besonders viele Israelis vertreten. Erstmals gab es auch ein internationales Schulleitertreffen mit dem Ziel, die Ausbildungsqualität innerhalb Europas anzugleichen.

Die Grundvoraussetzung für einen guten Therapeuten ist nach Angaben von Birgit Ziegler eine fundierte Ausbildung mit entsprechendem Qualitätsnachweis. Die TCM-Arbeitsgemeinschaft besteht bei ihren Mitgliedern sogar auf eine Fortbildungspflicht, »sonst werden sie von unserer Therapeutenlisten gestrichen«.

Neben dem dreitägigen Kernkongress gab es am Tag davor und danach Halb- oder Ganztageskurse, eine Fachausstellung, ein Rahmenprogramm und ein musikalisch untermaltes »International Dinner« für Funktionäre, Referenten und Ehrengäste im Rokokosaal.

Wurden jahrzehntelang mit der Reichsstadthalle vor allem Räumlichkeiten innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern genutzt, befindet sich das Zentrum des Kongresses seit einigen Jahren wegen der wachsenden Zahl der Teilnehmer vor den Toren der Stadt im Wildbad. Der Jugendstilbau und der Park mit den weitläufigen Wiesen und dem alten Baumbestand bieten den stilvollen Rahmen für die Beschäftigung mit der jahrtausendealten Traditionellen Chinesischen Medizin, deren Ursprünge auf konfuzianische Gedanken und taoistische Konzepte zurückgehen.

»Rothenburg ist ein Super-Städtchen«, schwärmte die Heilpraktikerin Klaudia Führer aus Berlin. Seit Jahren kommt sie zu der Tagung, »um sich zu informieren, weiterzubilden und internationale Fachleute zu treffen«. Dafür nehme sie sogar eine fünfstündige Autofahrt im »dicken Regen« in Kauf. Untergebracht war sie mit ihrer Kollegin in einer Mühle im Taubertal. »Eine herrliche Idylle. Man fühlt sich wie im Urlaub.«

Barbara Kirschbaum, Lehrbeauftragte der Universität Witten, mit eigener Praxis als Heilpraktikerin, hat sich auf Krebs-, Darm- und gynäkologische Erkrankungen spezialisiert. International bekannt wurde sie durch ihre beiden Bände »Atlas und Lehrbuch der Chinesischen Zungendiagnostik«. Die Zungenfarbe zeige, wie es um die Konstellation einer Person bestellt sei. Eine sehr blasse Zunge deute auf einen erschöpften Menschen hin, eine sehr rote Zunge auf emotionale Probleme und Schlafstörungen. »Die Zunge ist das Bindeglied zwischen Innen und Außen«, erklärte die Hamburgerin. Der Zungenbelag gebe Aufschluss, wie die Verdauung verarbeitet und die Nahrung umgewandelt werde. »Die alten Chinesen hatten noch kein Instrumentarium wie Ultraschall oder Operatonsmethoden, um in die Menschen hineinzuschauen. Sie haben über die Wahrnehmung und genaue Beobachtung reflektiert, was im Innern eines Menschen vor sich geht.«

Erste Aufzeichnungen von Zungendiagnosen gab es schon zweihundert Jahre vor Christi. Diese regelmäßige Beschreibung von Zungenbildern bei bestimmten Erkrankungen dient heute noch als wichtiger Anhaltspunkt. Barbara Kirschbaum hat im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit selbst zwanzigtausend Zungenbilder von Patienten erstellt. Bei der Tagung referierte sie diesmal über Immunbehandlungen und Multiple Sklerose.

Rothenburg habe eine »besondere Atmosphäre«, betonte sie, »besonders bei schönem Wetter.« Deshalb kämen auch so viele ausländische Teilnehmer zu dem Kongress. Barbara Kirschbaum wohnte in der »Glocke« und fand es dort gemütlicher als in den großen Kongresshotels, in denen sie häufig bei ihren Vortragsreisen untergebracht ist. »Die Rothenburger Stadtväter sind gut beraten, wenn sie den Stadtkern nicht beschädigen und bestehende Strukturen ausbauen«. Die Hamburgerin bemängelte die Verkehrsanbindung: »Ich war zwar in dreieinhalb Stunden mit der Bahn in Würzburg, aber dann braucht man noch einmal eineinhalb Stunden bis Rothenburg.«

Mit der Betreuung und Bewirtschaftung im Wildbad sei man »sehr zufrieden«, betonte die TCM-Vertreterin Birgit Ziegler. »In den Anfängen war es noch jugendherbergsmäßig, aber mittlerweile bemüht sich das Personal sehr darum, unseren Wünschen gerecht zu werden, denn wir stellen schon gewisse Anforderungen an die ganze Logisitik des Hauses«. Im Gegensatz dazu gab es zum wiederholten Male Klagen über die Bewirtschaftung in der Reichsstadthalle, so Birgit Ziegler. »Wir haben darüber mit dem Hallenwirt und dem Oberbürgermeister gesprochen, aber es hat sich nichts geändert.«

Wie in den vergangenen Jahren gab es auch heuer im Rahmen des Fachkongresses eine kostenlose Publikumsveranstaltung im ehemaligen Goethe-Institut. Neben einer Einführung in die Chinesische Medizin wurde auch die Chinesische Ernährungslehre vorgestellt und ein Vortrag zum Thema Wechseljahre gehalten. Auch die Praxis sollte nicht zu kurz kommen. Angeboten wurde eine Einführung in die klassische Massagetechnik Tuina und Qigong-Übungen.

Wie Birgit Ziegler erzählte, schwärmte ein chinesischer Kongress-Teilnehmer bei seinem ersten Rothenburg-Besuch, dass die Stadt so schön zu den alten Traditionen der chinesischen Medizin passt. Er beklagte, dass in China so viele alte Gebäude abgerissen werden und meinte selbstkritisch: »Wenn wir so weitermachen, müssen wir bald ins Ausland gehen, um unsere Wurzeln kennenzulernen«.

Der TCM-Kongress Rothenburg bietet eine breite Palette an Wissen um die Chinesische Medizin an, auch um deren in Jahrtausenden gewachsene Vielfalt aufzuzeigen. Dazu gehören die fünf klassischen und im Westen bekannten Therapierichtungen Akupunktur, Pharmakologie, Tuina, Diätetik und Qigong, aber auch Randgebiete wie Fengshui. Ferner ist den Veranstaltern wichtig, auch Philosophen, Sinologen wie Historiker und Sprachwissenschaftler zu hören. Zudem wird für die Öffentlichkeit der Aspekt der wissenschaftlichen Forschung immer wichtiger.

Beim 39. Fachkongress vom 30. April bis 4. Mai 2008 in Rothenburg geht es um Kinderheilkunde und Ohr-Akupunktur. Eine Sonderausstellung ist dem chinesichen »Medizinkönig« Sun Simiao (581-682) gewidmet. Es haben sich bereits namhafte Referenten aus aller Welt angemeldet. Neben dem dreitägigen Kernkongress werden erneut Halb- oder Ganztageskurse angeboten.

Weitere Informationen

Birgit Ziegler
2. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für
Klassische Akupunktur
und Traditionelle Chinesische Medizin e.V.
Pfungstädter Str. 16
D-64404 Bickenbach
Tel.: +49 (0)6257 69670
Fax: +49 (0)6257 69672
Mobil: +49 (0)170 5 37 57 69
Email: Birgit.Ziegler@t-online.de